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Adel Abd al-Mahdi muss jetzt sein Kabinett aufbauen.

Irak

Iraks Hoffnungsträger

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Der neue Premier Adel Abd al-Mahdi soll die Politik des Landes einen. Ein Porträt.

Brandstiftung in einem Zentrallager für Wahlurnen, Chaos bei der Stimmenauszählung, blutiger Aufruhr in der Hafenstadt Basra – nach dem Wahlen im Mai gehen im Irak seit Monaten die Wogen hoch. Jetzt endlich scheint der politische Betrieb wieder Tritt zu fassen. Die neue politische Führung in Bagdad nimmt Gestalt an.

Zum Präsidenten wählten die Abgeordneten den Kurden Barham Salih, der bereits zwei Stunden später überraschend Adel Abd al-Mahdi als Premierminister berief. Der 76-Jährige, der in 30 Tagen sein Kabinett präsentieren muss, ist ein politischer Veteran im Post-Saddam-Irak. Von 2004 bis 2006 war er Finanzminister, anschließend sechs Jahre Vizepräsident, zuletzt von 2014 bis 2016 Ölminister. Der Vater von vier erwachsenen Kindern gilt als fähiger Technokrat, der den Wiederaufbau seines Landes nach der vierjährigen Katastrophe des „Islamischen Staates“ erfolgreich in Angriff nehmen könnte.

Hunderttausende Landsleute leben nach wie vor in Zeltlagern, überall im Land fehlen Strom und Wasser. Vorgänger Haider al-Abadi, der seine Hoffnungen auf eine zweite Amtszeit endgültig begraben muss, hat den militärischen Feldzug gegen die Dschihadisten geführt, auch wenn diese immer noch nicht völlig besiegt sind und weiter im Untergrund operieren.

Distanz zur verkappten Klerikerherrschaft

Der künftige Regierungschef wird getragen von kurdischen und sunnitischen Abgeordneten, vor allem aber von einer Koalition der beiden größten schiitischen Parteien, dem Bündnis von Wahlsieger Muqtada as-Sadr, der eine Einmischung von Iran und den USA gleichermaßen ablehnt, plus der pro-iranischen Allianz „Eroberung“. Dennoch versteht sich Adel Abd al-Mahdi ausdrücklich als säkularer Politiker und hält demonstrativ Distanz zu einer verkappten Klerikerherrschaft, wie sie die Islamische Republik praktiziert.

Er stammt aus einer alteingesessenen Politikerfamilie. Vater Abdul Mahdi Shobar kämpfte als Guerilla-Kommandeur gegen die britische Kolonialherrschaft und wurde später unter König Faisal Erziehungsminister. Sein Sohn Adel besuchte in Bagdad die Jesuitenschule und trat bereits als Jugendlicher in die Baath-Partei ein. Er überwarf sich mit der Organisation, als deren Machthaber begannen, politische Gegner zu inhaftieren und hinzurichten. Selbst schwer gefoltert und zum Tode verurteilt, floh er 1969 nach Frankreich, schloss sich den maoistischen Kommunisten an und promovierte in Wirtschaftswissenschaften. Nach der Islamischen Revolution 1979 im Iran wandte er sich dem politischen Islam zu und gehörte zu den Mitbegründern der pro-iranischen, religiös geprägten Exilpartei Sciri, die seit dem Sturz von Saddam Hussein im Irak eine tragende Rolle spielt.

Trotzdem blieb Adel Abd al-Mahdi ein Mann der Mitte und des Ausgleichs, der auch mit den Amerikanern gut kann. Im letzten Jahr trat er aus der Sciri-Partei aus und kandidierte erstmals als Unabhängiger.

Auch bei vielen anderen im Mai gewählten Volksvertretern haben sich die Prioritäten geändert. Zwei Drittel sind Neulinge, die mit den konfessionellen Grabenkämpfen nicht mehr viel anfangen können. Sie setzen, wie der künftige Premierminister, auf eine Politik jenseits der alten Fronten. Und so ermutigte UN-Generalsekretär Antonio Guterres jetzt alle Akteure in Bagdad, möglichst schnell eine „inklusive Regierung“ zu bilden.

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