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Irakische Verhältnisse

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Wer steckt hinter den Anschlägen auf US-Soldaten?

Von Michael Lüders

Entgegen den Hoffnungen in den USA hat der antiamerikanische Widerstand in Irak nach dem Tod der Söhne Saddam Husseins, Udai und Kusai, nicht abgenommen. Er könnte im Gegenteil noch ganz andere Formen annehmen, sofern es den Amerikanern nicht bald gelingt, die irakische Bevölkerung für sich zu gewinnen. Zunehmend gelten sie als Besatzer, nicht als Befreier.

Bislang kommt der Widerstand vor allem aus den Reihen der arabischen Sunniten. Sie leben im Zentrum Iraks. Auf sie entfallen etwa 20 Prozent der Bevölkerung, ebenso wie auf die Kurden im Norden, die ebenfalls Sunniten sind, aber keine Araber. 60 Prozent entfallen auf die Schiiten im Süden. Traditionell stellen die arabischen Sunniten die politische Elite in Irak und dominieren seit osmanischer Zeit Staat und Verwaltung. Sie gehören zu den großen Verlierern der neuen Ordnung nach Saddam Hussein. Paul Bremer, der amerikanische Zivilverwalter, hat die staatliche Bürokratie weitgehend aufgelöst, um nicht zu sagen zerschlagen. Der Staatsapparat war der größte Arbeitgeber, dementsprechend verloren insbesondere die arabischen Sunniten Arbeit und Einkommen. Auch die 400 000 entlassenen Soldaten waren überwiegend Sunniten.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die Anschläge auf amerikanische Soldaten (die Briten sind bislang kaum betroffen) nach Einschätzung gut informierter Kreise in Irak in erster Linie von Sunniten verübt werden. Im Einzelnen sind die folgenden Gruppierungen zu unterscheiden:

- Verschiedene Gruppen aus den Reihen der aufgelösten Baath-Partei, der Sicherheitsdienste und der Armee, die unabhängig voneinander operieren, aber lose vernetzt sind. Ihre Waffen bestehen hauptsächlich aus Granatwerfern und tragbaren Raketen mit geringer Reichweite. Saddam Hussein ist nicht ihr Befehlshaber, so dass sein Tod an ihrer Feindschaft zu den Amerikanern wenig ändern würde.

- Kleinere Stammesverbände, die im Übergangsrat nicht vertreten sind und sich ausgegrenzt fühlen.

- Blutrache verübende oder die "Familienehre" wieder herstellende Iraker, deren Angehörige von amerikanischen Soldaten erschossen wurden oder deren Frauen einer Leibesvisitation unterzogen wurden, was aus der Sicht einer Stammesgesellschaft einer Vergewaltigung gleichkommt.

- Mehrere tausend arabische Freiwillige, die vor oder während des Krieges nach Irak gekommen sind, um gegen die Amerikaner zu kämpfen. Auch sie verüben Anschläge, gegen Bezahlung.

- Verschiedene Gruppen gewöhnlicher Krimineller, die die allgemeine Anarchie und Gesetzlosigkeit nutzen, um vor allem im Norden, in den Grenzgebieten zwischen Kurden und Sunniten, ihre eigenen Fürstentümer einzurichten, ähnlich wie die Warlords in Afghanistan. Mittel- und langfristig sind diese angehenden Kriegsherren eine große Gefahr für die Stabilität Iraks, weil sie in den Gebirgslandschaften des Nordens leicht untertauchen können und sich eine islamistische Ideologie zugelegt haben, mit der sie Anhänger zu rekrutieren versuchen. Die arabische Zeitung Al Hayat meldete kürzlich, Unterhändler von Al Qaeda seien Anfang Juli in Irak gewesen und hätten diesen Warlords ihre Unterstützung angeboten.

Die Schiiten, die Bevölkerungsmehrheit, beteiligen sich bislang nicht am Widerstand - obwohl gerade sie von Washington der Komplizenschaft mit radikalen Kräften in Teheran bezichtigt werden. Die schiitischen Kleriker wissen, dass sich die Verhältnisse in Irak langfristig nur zu ihren Gunsten entwickeln können, auf Grund der demographischen Übermacht. Und vermutlich empfinden sie klammheimliche Freude, dass ihre sunnitischen Unterdrücker aus der Saddam-Zeit die eigene Vorherrschaft unwiderruflich eingebüßt haben.

Beliebt sind die Amerikaner aber auch in ihren Reihen nicht. Als Paul Bremer Mitte Juli Nadschaf besuchte, die heilige Stadt der Schiiten südlich von Bagdad, war kein Ayatollah bereit, sich mit ihm zu treffen. Ob die Kleriker auch weiterhin stillhalten werden, hängt von zwei Umständen ab. Sollte Washington tatsächlich einen Regimewechsel in Teheran anstreben, würden die dortigen Machthaber nicht zögern, die schiitischen Glaubensbrüder in Irak zum Widerstand anzuleiten.

Und sollte sich der Unmut in der schiitischen Bevölkerung angesichts der katastrophalen Lebensverhältnisse ein anti-amerikanisches Ventil suchen, würden sich die Kleriker mit Sicherheit an die Spitze der Bewegung stellen. Nicht Anschläge wären dann zu befürchten, sondern ein Massenaufstand. Hunderttausende Demonstranten, die "Amerikaner raus!" skandieren. Dieselbe Taktik, mit der die Schiiten 1979 in Iran den Schah außer Landes jagten. Denn was wollten die Amerikaner in dem Fall tun? Auf die Menge schießen?

Michael Lüders ist Politikberater der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung und Autor. Zuletzt erschien von ihm "Tee im Garten Timurs. Die Krisengebiete nach dem Irak-Krieg" (Arche).

Dossier: Irak nach dem Krieg

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