+
Die auf US-Angaben basierende Nachricht vom Tod der Saddam-Söhne suchen Iraker in Bagdad am Mittwoch schwarz auf weiß.

Die Iraker haben viele Fragen

Neben der Erleichterung über die Todesnachricht beherrschen Misstrauen und neue Drohungen die Straßen Bagdads

Von Gregor Mayer (Bagdad/dpa)

Im Geschäftsviertel Karade im Herzen von Bagdad kennen die mehrheitlich schiitischen Iraker am Mittwoch nur ein Gesprächsthema. Die von der US-Besatzungsmacht verbreitete Nachricht vom Tod der Saddam-Söhne Udai und Kusai und das Schicksal des Ex-Diktators beschäftigt alle. "Jetzt werden sie auch Saddam bald kriegen", meint ein Kunde, der den Gemischtwaren-Laden von Mohammed Kaldem Selin betreten hat.

Selin bedauert, dass die beiden Männer bei der Erstürmung ihres Verstecks im nordirakischen Mosul ums Leben gekommen sein sollen. "Es wäre besser, man hätte sie verhaftet und sie wären vor ein Gericht gestellt worden", sagt er. Udai, der älteste Sohn Saddams, war ihm besonders verhasst. "Der nahm sich alles heraus: kassierte Autos ein, die ihm gefielen, verfolgte und quälte Frauen." Und zu seinem Kunden gewandt sagt er mit Blick auf den einst mächtigen Vater: "Klar, seine Moral ist nun untergraben". Ähnlich ließ sich im fernen New York Ahmed Chalabi vernehmen. Saddam sei "erheblich verwundbarer", sagte das Mitglied des US-ernannten irakischen Regierungsrats am Rande einer Irak-Sitzung des Sicherheitsrates.

Ob das als Versteck der Söhne in Mosul ausgemachte Haus im Kurdengebiet auch Hinweise auf den Unterschlupf des Vaters geben kann, gilt in Bagdad als fraglich. Mit Erstaunen nahmen Beobachter allerdings zur Kenntnis, dass sich Udai und Kusai untypisch für konspiratives Verhalten gemeinsam versteckten. Zur Erklärung hieß es, womöglich habe der zweitgeborene Kusai, vom Vater vor Jahren zum Nachfolger designiert, auf den älteren Bruder aufpassen sollen, der seit einem Attentat behindert war und als gestört galt.

Auf jeden Fall lassen die Amerikaner in Bagdad deutlich ihre Hoffnung erkennen, dass der Schlag gegen die Nummer zwei und drei des alten Regimes dem guerillaartigen Widerstand die Leit- und Führungsfiguren genommen hat. Die Hoffnung auf ein Abklingen des Widerstands erfüllte sich aber zumindest auf die Schnelle nicht.

Die Nachricht von den zwei toten und acht verwundeten US-Soldaten bei zwei Anschlägen gleich am Morgen nach der spektakulären Aktion von Mosul kam wie ein Dämpfer. Auch ein Tonband, das der arabische TV-Sender El Arabia mit einer angeblich von Saddam stammenden Botschaft ausstrahlte, verhieß - ob echt oder nicht - wenig Gutes: Der Mann rief Soldaten der aufgelösten Armee und Spezialgarden dazu auf, den Widerstand in die eigene Hand zu nehmen und nicht auf Anleitungen "von oben" zu warten.

In Adamija etwa, einem stark sunnitisch geprägten Bagdader Vorstadtbezirk, könnten solche Worte auf Widerhall stoßen. Dort sind viele Menschen nicht einmal geneigt, der Nachricht vom Tod der Saddam-Söhne Glauben zu schenken. "Das ist doch reine Propaganda", findet der 47-jährige Frührentner Kodeir Abbas. "Oder hat man etwa ihre Bilder gezeigt?" Adamija ist gewiss nicht typisch für ganz Irak. Hier waren die Leute immer stramm regimetreu. Dort wurde Saddam auch am 9. April, dem Tag, an dem Bagdad fiel, zum letzten Mal gesehen.

"Der Widerstand kommt doch nicht von Saddam, der kommt aus dem Volk", setzt Frührentner Abbas seine Rede unter Zustimmung der Umstehenden fort. "Wenn ich einem Jungen eine Panzerfaust in die Hand drücke und zu ihm sage: ,Dort, schieß auf den amerikanischen Konvoi', dann wird er es tun."

Dossier: Irak nach dem Krieg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion