Nordirland

IRA in Nordirland: Das Monster regt sich wieder

  • schließen
  • Cedric Rehman
    schließen

2019 wurde die Journalistin Lyra McKee im nordirischen Londonderry erschossen. Angeblich ein Versehen. Aufgeklärt werden kann der Mord nicht, weil eine auferstandene IRA-Terrortruppe die Stadt in Geiselhaft nimmt.

  • Paramilitärische Gruppe New IRA hat Stadt in Nordirland im Griff
  • Mord an Journalistin kann nicht aufgeklärt werden
  • Viele katholische Jugendliche schließen sich New IRA an 

Londonderry - Shannon Doherty hat gelernt, welche Viertel ihrer Heimatstadt sie nur noch mit schusssicherer Weste betreten kann. Dass Doherty überhaupt bereit ist, über ihren Beruf und ihre Stadt zu reden, ist nur möglich, weil Details über sie, ihr Aussehen und ihren Arbeitgeber hier nicht genannt werden. Die Reporterin spricht von einem „Monster in ihrer Stadt“, das bewaffnet „umherschleicht“ und es besonders auf Journalisten abgesehen habe. Seit nun einem Jahr.

Damals, in der Nacht des 18. April 2019, wurde die Investigativ-Reporterin Lyra McKee während Straßenschlachten nach einer Polizeirazzia im Katholikenviertel Creggan erschossen. Die Polizei sieht McKee als ein Zufallsopfer. Sie stand in der Nähe eines Wagens des PSNI, des Police Service of Northern Ireland, als – Überwachungskameras zeigen das – ein Maskierter zwölf Schuss aus einer Handfeuerwaffe in Richtung der Polizei abgab. Eine Kugel traf McKee. Sie verstarb im Hospital. Der Schütze wird der New IRA zugerechnet.

Nordirland: Mord an Journalistin schockiert Land

Terror in London, März 1973. Eine Autobombe der IRA ist nahe Whitehall explodiert.

Eine Welle der Empörung durchzog Nordirland, die Republik Irland und Großbritannien nach dem Tod der 29-Jährigen. McKee, die mutig und offen ihr Coming-out journalistisch reflektierte, sich für die Gleichstellung Homosexueller engagierte, wurde als aufgehender Stern am Himmel des irischen Investigativ-Journalismus gehandelt. Ihr großes Thema waren die Konsequenzen des Bürgerkriegs von 1969 bis 1998 – insbesondere für die Nachkriegs-Jahrgänge, die sie um den versprochenen Frieden betrogen sah. McKee hinterließ eine Lebenspartnerin, mit der sie sich hatte verloben wollen. McKees Mutter verstarb vor Kurzem „an gebrochenem Herzen“.

Gleich nach dem Tod der Journalistin beschworen Politiker in Provinz wie Republik ihre Bürger, sich nicht von einer gewalttätigen „Splittergruppe“ einschüchtern zu lassen. Auch nicht, wenn der da noch anstehende Brexit viele verunsicherte. Die Mahnungen waren aber vergebens. Es nützte auch nichts, dass der stellvertretende nordirische Polizeichef Tim Mairs 2019 eindringlich davor warnte, dass die Spannungen rund um den Brexit militanten Gruppen manch neuen Rekruten bescheren könnten.

Paramilitärische New IRA versetzt Nordirland in Schrecken

Die New IRA, die viele bloß als Haufen uneinsichtiger Ewiggestriger abgetan hatten, ging nur wenige Monate nach dem McKee-Mord zum Angriff über: Fast im Wochentakt zündete sie nahe der Grenze Bomben und versuchte, Polizisten durch Sprengfallen zu töten. Graffiti warnten die Einwohner Derrys davor, dass sie mit ihrem Leben spielten, sollten sie mit der Polizei und Journalisten sprechen oder über McKee reden. 

Die Drohungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Der von McKees Familie anfangs mit Auftritten in den Medien unterstützte Versuch, eine neue Bürgerbewegung in Nordirland gegen den Terror zu initiieren, endete in Stille. Die Polizei nahm erst Ende Februar 2020 wieder einen Bewohner Creggans für einige Tage als Verdächtigen fest. Der wahre Mörder von Lyra McKee, heißt es allenthalben in Derry, sei allgemein bekannt, aber niemand sei bereit zu einer Aussage.

Situation in Nordirland könnte eskalieren

Shannon Doherty erinnert sich an die Nacht des 18. Aprils, als die Luft in Creggan brannte. „Ich war auch da, genau wie Lyra“, erzählt sie. Vornehmlich Jugendliche hätten Steine und Benzinbomben auf die wegen eines vermuteten Waffenverstecks angerückte Polizei geworfen. Die Erwachsenen hätten zugeschaut. „Es waren Hunderte auf der Straße, als der Schütze feuerte“, sagt sie. 

Kämpfte für den Frieden: Lyra McKee.

Dass niemand erkannt haben will, wer da schoss, hält die Journalistin für so wenig überzeugend wie die Beschwörungen Londons und Dublins vom unverbrüchlichen Frieden in Nordirland. Die vom PSNI veröffentlichten Videobilder zeigen den massig wirkenden Schützen, der sich völlig ungerührt durch die Häuflein der Jugendlichen in Creggan bewegt. Der Belfaster Konfliktexperte Cathal McManus sieht die Situation in ganz Nordirland am Entgleisen, besonders in dessen strukturell armutsgefährdeten Regionen.

Nordirland: Londonderry ein „Schlangennest“

Shannon Doherty befürchtet das auch. Die Sicherheitslage in Nordirland lasse Böses ahnen und Derry sei „das Schlangennest aller schlechten Entwicklungen“, meint sie. Der Brexit und all die Aufwallungen um eine möglicherweise bald befestigte Grenze zur Republik Irland erscheinen ihr aber nur als Brandbeschleuniger eines ohnehin fragilen Friedensprozesses, der mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 begann. So habe die von dem Vertrag vorgeschriebene Machtteilung zwischen den Bürgerkriegsparteien nie wirklich gut funktioniert – bis sie 2017 vollends zusammenbrach. Erst auf Drohungen Londons hin kamen Anfang 2020 die republikanische Sinn Féin und die radikale Protestanten-Partei DUP im Parlament von Stormont wieder zusammen. Das Vakuum bis dahin hätten andere auf ihre Weise gefüllt.

Die New IRA dokumentiert überdeutlich ihre Herrschaftsmethoden im katholischen Teil Derrys angesichts des nur mit sich selbst beschäftigten Staats. Überall prangen Wandmalereien und Slogans, wie man sie aus den Jahren des Bürgerkriegs kennt. Aber anders als früher wird nun beispielsweise auch Drogendealern mit dem Tod gedroht. Es bleibt aber nicht bei bloßen Drohungen. Laut einer Polizeistatistik stieg zwischen 2014 und 2018 die Zahl von „Bestrafungen“ durch Anschießen wegen angeblich asozialen oder kriminellen Verhaltens um 60 Prozent. Anfang der 2000er Jahre war Nordirland fast frei von paramilitärischer Selbstjustiz. Aber allein im vorigen September ließ die New IRA drei Männern die Knie zerschießen.

Nordirland: IRA-Veteranen helfen Menschen auf „schwarzer Liste“

Wer in Derry jung und verzweifelt ist, weil der eigene Name auf einer schwarzen Liste der New IRA auftaucht, findet ausgerechnet bei zwei Veteranen der IRA von vor 1998 Hilfe. Im vierten Stock einer ehemaligen Textilfabrik in Creggan unterhält das von Tommy McCourt und John Donnelly geleitete Rosemount Resource Center ein Fitnessstudio. Schmächtige Jugendliche stemmen dort Gewichte, als könnten mehr Muskelfasern sie undurchdringlich machen für Kugeln.

Der 72-jährige McCourt und der 63-jährige Donnelly vermitteln aber auch zwischen den Gejagten und deren selbst ernannten Scharfrichtern. Sie erreichen im Idealfall, dass die New IR A Reue akzeptiert und es dabei bewenden lässt. Die beiden Veteranen überrascht es nicht, dass niemand in Creggan der Polizei Hinweise zum Mord an Lyra McKee gibt. Mit Einschüchterung habe das nichts zu tun, meinen sie. „Das arme Mädchen ist bei einem Unfall gestorben“, umschreibt McCourt die vorherrschende Meinung. Aus Sicht der Bewohner des Viertels habe der Schütze nichts Unrechtes getan. 

Nordirland: Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten

Offensichtlich akzeptierten die Katholiken Derrys die Dominanz der New IRA, weil die Polizei sich von ihrem Ruf als pro-protestantische Truppe (bis 2001 hieß sie „Royal Ulster Constabulary“) nicht habe lösen können. Die ganze nordirische Selbstverwaltung sei eine Farce, „auf die niemand in den Katholiken-Vierteln was gibt“, ereifert sich Donnelly. Dass sich also von der New IRA Verfolgte statt an den Staat an zwei von der alten Garde wenden, kann kaum verwundern.

Glaubt nicht an Frieden: Paddy Gallagher.

Das frische Gesicht der Radikalen schlendert lässig in Skater-Schuhen über die Chamberlain-Street im Zentrum Derrys. Ziel des 27-jährigen Paddy Gallagher ist das Hauptquartier der linken Dissidentengruppe „Saoradh“ (Irisch für „Befreiung“). Gallagher, offiziell Sprecher von Saoradh, war im Kindergartenalter, als die alte IRA 1998 Frieden schloss. Er steht für ein Phänomen, das vielen Beobachtern Sorgen macht: Junge Männer zwischen 20 und 30 ersetzen alte enttäuschte IRA-Kämpfer in den Reihen der Friedensgegner. Sie geben das Vorbild für noch Jüngere, weil sie wie Gallagher deren Sprache sprechen, digital und analog. Bei Straßenschlachten haben Shannon Doherty und ihre Pressekollegen bereits Elfjährige beim Steinewerfen beobachten können. Wo kommt diese Wut her? 20 Jahre nach dem Friedensabkommen?

Nordirland: Jugend kommt von allein zur New IRA

Saoradh und die New IRA profitieren davon, dass Sinn Féin als der einstige zivile Fortsatz der alten IRA bei jungen Leuten nur noch mit den Defiziten der Belfaster Selbstverwaltung identifiziert wird. Gallagher spricht davon, dass Sinn Féin für einen „Armutsprozess“ statt eines Friedensprozesses nach 1998 geradezustehen habe. Er kann das mit statistischen Fakten untermauern wie der Rekordarbeitslosigkeit von fast 17 Prozent unter jungen Männern in Derry 2019. Unter Katholiken ist sie doppelt so hoch wie unter Protestanten. Und niemand erwartet, dass es nach der endgültigen Scheidung von der EU besser wird.

Saoradh füttert die perspektivlose katholische Jugend mit einer Interpretation der Vergangenheit als Zeit voller Heldentaten. Der Bürgerkrieg wird als Kampf von Gut gegen Böse verklärt – und um ihn siegreich zu Ende zu führen, kommt der Zorn der Jugend gerade recht. Facebook und Twitter seien wichtig für seine Partei – aber nicht entscheidend, sagt Gallagher. „Die Jugend aus Vierteln wie Creggan kommt auch so zu uns.“  

Rubriklistenbild: © AFP

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion