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Invasion aus Eritrea: Tigray steht zwischen den Fronten

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Von: Johannes Dieterich

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Äthiopiens Norden wieder umkämpft: Eritrea schickt Truppen in die von Addis Abeba bedrängte Provinz. UN-Fachleute berichten von Kriegsverbrechen aller Seiten.

Von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt sind Truppen aus der nordostafrikanischen Diktatur Eritrea in den vergangenen Tagen auf breiter Front in die benachbarte Bürgerkriegs-Provinz Tigray einmarschiert. Dort kam es bereits zu ersten Gefechten mit der Tigray Defence Force (TDF). Das Wiederaufflammen des Krieges bringt die sechs Millionen Menschen zählende Provinzbevölkerung noch weiter in Bedrängnis: Sie leben seit der Abriegelung Tigrays durch äthiopische Regierungstruppen vor fast zwei Jahren unter äußerst prekären Verhältnissen, viele sind dem Hungersnot nahe.

Wegen der Blockade wird Tigrays Bevölkerung nur unregelmäßig und unzureichend von der Hilfe des Welternährungsprogramms (WFP) erreicht, das Telefonnetz ist unterbrochen, Strom und Treibstoff sind Mangelware. Der Beauftragte der US-Regierung für das Horn von Afrika, Mike Hammer, äußerte sich „tief besorgt“ über die Entwicklungen. Er forderte Eritrea am Dienstag auf, seine Invasion in das Nachbarland unverzüglich zu stoppen.

Der verlässlichen Webseite „Crisis in Ethiopia“ zufolge überschritten eritreische Truppen die Grenze zur Tigray-Provinz an mindestens drei Stellen und stoßen derzeit weiter Richtung Süden vor. Gleichzeitig werden aus dem Süden und Westen der Provinz Kämpfe zwischen der TDF und den von amharischen Milizionären unterstützten äthiopischen Regierungstruppen gemeldet. Militärfachleute bezweifeln, dass die TDF dem Vielfrontenkrieg lange standhalten kann. „Unsere Soldaten verteidigen ihre Stellungen heroisch“, sucht Getachew Reda, Sprecher der Volksbefreiungsfront Tigray (TPLF), in einer auf Twitter verbreiteten Meldung Glauben zu machen.

Am Dienstag hatte die TPLF die Provinzbevölkerung dazu aufgerufen, sich angesichts der „existenziellen Bedrohung“ dem „totalen Krieg gegen die Absichten unsere Feinde“ anzuschließen. Auch Eritrea habe eine Generalmobilmachung ausgerufen und seine gesamten Streitkräfte in den Krieg geschickt, teilte TPLF-Sprecher Reda mit. Dagegen beharrte Eritreas Informationsminister Yemane Gebremeskel darauf, dass nur „eine winzige Zahl an Reservisten“ einberufen worden sei. Die US-Regierung bestätigte die Invasion der eritreischen Streitkräfte unterdessen. „Wir haben die Bewegungen über die Grenze verfolgt, und wir verurteilen sie“, sagte US-Diplomat Hammer.

Berichten aus Addis Abeba zufolge schaffte die äthiopische Regierung in den vergangenen Wochen große Mengen an Waffen und Tausende von Einheiten in den Norden des Landes. Anfang September seien allein an einem Tag 1800 Soldaten in die nahe der Front gelegene Provinzstadt Lalibela geflogen worden sein.

Von den neu ausgebrochenen Kämpfen sind auch wieder Kriegsverbrechen zu befürchten, die den zweijährigen Konflikt von Anfang an überschatteten. Am Montag veröffentlichten UN-Fachleute einen Bericht über zahlreiche Vergehen, die sich alle beteiligten Parteien zuschulden kommen ließen. So seien Kinder bei Drohnenangriffen der Regierungsarmee von Bomben zerfetzt und das Aushungern regelmäßig als Waffe eingesetzt worden. Soldaten aller Seiten hätten immer wieder Frauen vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt. Einige dieser Vorkommnisse seien als Kriegsverbrechen zu bewerten, urteilten die drei Experten.

US-Diplomat Hammer rief zur Rückkehr an den Verhandlungstisch auf: Informelle Gespräche hatten zwischen Mai und August für eine Waffenruhe gesorgt. Die Gespräche kamen allerdings zum Erliegen, als die TPLF ein Ende der Blockade und den Abzug aller fremden Truppen als Bedingung für offizielle Verhandlungen forderte. Dass die Gespräche wieder aufgenommen werden, gilt als äußerst unwahrscheinlich: Fachleute sehen jetzt eher eine „humanitäre Katastrophe“ in Tigray voraus.

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