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Internatsschulen in Kanada: Schmerzhafte Entdeckungen

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Von: Gerd Braune

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Zwar ist es nicht leicht, die Gräber zu identifizieren, jedoch sind viele Kinder nie von den Internaten zurückgekehrt.
Zwar ist es nicht leicht, die Gräber zu identifizieren, jedoch sind viele Kinder nie von den Internaten zurückgekehrt. © Patrick T. Fallon/afp

Wieder finden First Nations in Kanada Hinweise auf mögliche Gräber in der Nähe früherer Internatsschulen

Kanada wird immer wieder mit der dunklen Geschichte seiner „Residential Schools“, der Internate für indigene Kinder, konfrontiert. Jetzt gaben zwei First Nations bekannt, dass Radaruntersuchungen des Geländes rund um frühere Internatsschulen Hinweise auf mögliche unmarkierte Gräber indigener Kinder erbracht hätten. Das Ausmaß ist noch völlig unklar.

Seit einem Jahr wird rund um die frühere Indian Industrial School in Lebret in der Prärieprovinz Saskatchewan das Gelände mit Radar auf unmarkierte Gräber untersucht. Die Schule liegt auf dem Gebiet der Star Blanket Cree Nation. Ihr Chief (Oberhaupt) Michael Starr sprach von schmerzhaften Entdeckungen. „Heute sind unsere Herzen schwer.“ Wenige Tage später teilte Chief Chris Skead von der Wauzhusk Onigum Nation in Kenora in Ontario mit, auch seine Gemeinde sei bei der Suche nach unmarkierten Gräbern auf „plausible Hinweise“ gestoßen, dass es auf dem Friedhof neben einigen bereits bekannten Gräbern weitere Grabstellen gebe.

Residential Schools waren Internatsschulen für die Kinder der Indigenen Kanadas – First Nations, Inuit und Métis. Sie wurden vom Staat eingerichtet, aber überwiegend von Kirchen geführt. Residential Schools bestanden bis in die 1990-er Jahre, waren aber in der Endphase zunehmend von First Nations übernommen und umgestaltet worden. Die Schulen dienten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über lange Zeit dem Ziel, die Kinder zu „assimilieren“. Dies bedeutete auch, ihre indigene Identität und Kultur zu zerstören. Die „Wahrheits- und Versöhnungskommission“, die die Geschichte der Residential Schools aufarbeitete, hatte 2015 in einem Tausende Seiten langen Bericht festgestellt, dass zwischen 4000 und 6000 Kinder durch Krankheiten oder Unfälle in den Schulen ums Leben kamen.

Residential Schools in Kanada: Viele der verstorbenen Kinder wurden in der Nähe beerdigt

Viele der verstorbenen Kinder wurden in der Nähe der Schulen beerdigt. Für die Rückführung in ihre Gemeinden fehlte meist das Geld, von vielen Kindern gibt es keine Hinweise, wo sie beerdigt wurden. Aber es gibt die Erzählungen von den „Elders“, den älteren Mitgliedern der Gemeinde, über Kinder, die nicht nach Hause zurückkehrten.

Nachdem im Frühjahr 2021 bei Kamloops in British Columbia nahe einer Residential School Hinweise auf rund 200 mögliche unmarkierte Gräber gefunden worden waren, wurde in zahlreichen First Nations die Suche mit Bodenradar verstärkt.

In Lebret wurde nun in der Oberfläche ein Kiefernknochen entdeckt, der offenbar von einem Kind stammt, das zwischen vier und sechs Jahre alt war und etwa um 1898 lebte – wenige Jahre nach Einrichtung dieser Schule. Die Radaruntersuchungen ergaben zudem rund 2000 „Anomalien“, Unregelmäßigkeiten des Bodens. Dies können menschliche Überreste, Knochen, sein, aber auch andere harte Gegenstände wie Steine oder Holz. Sheldon Poitras, der die Untersuchungen leitet, betont, die Hinweise bedeuteten nicht, dass dies alles unmarkierte Grabstellen sind.

In Kenora, wo 170 „Anomalien“ aufgespürt wurden, gibt es auf dem Gelände der früheren St. Mary’s Indian Residential School fünf markierte Grabstellen. Dokumente besagen, dass mindestens 36 Kinder in der von 1897 bis 1972 bestehenden Schule starben. „Aufgrund der Gespräche mit früheren Schülern ist die tatsächliche Zahl wohl signifikant höher“, hatte die Wahrheits- und Versöhnungskommission festgestellt.

Residential Schools in Kanada: Einige Betroffene wünschen Ausgrabungen, andere nicht

Aber es gibt auch in Kanada einige, die weiter das Schlimme, das in den Residential Schools passierte, und die Existenz unmarkierter Gräber leugnen. Sie verweisen darauf, dass bisher fast überall nur von „mutmaßlichen“ Gräbern gesprochen werde.

Jim Miller, emeritierter Geschichtsprofessor der Universität von Saskatchewan in Saskatoon, räumt ein, dass Radaruntersuchungen keine eindeutigen Ergebnisse erbringen. Aber er ist sicher: „Es werden Gräber gefunden. Es wird eine signifikante Zahl von Gräbern gefunden werden“, auch wenn noch Vieles unklar sei.

Es sei wichtig herauszufinden, was mit den Kindern passiert sei. Es sei bekannt, dass vor allem in den Westprovinzen Kanadas eine große Zahl von Kindern in Residential Schools Krankheiten erlegen seien. „Wir haben eine hohe Todesrate von Kindern, die zum Beispiel an Tuberkulose starben“, sagt er. „Wir wissen, dass Kinder nicht mehr nach Hause zurückkehrten.“ Es sei notwendig, Gewissheiten zu bekommen.

Die endgültige Bestätigung von Funden dauert lange, weil die Suche vorsichtig vorgenommen wird. Die Gräber sind für First Nations heilige Stätten und sollen möglichst unberührt bleiben. Einige Betroffene wünschen Ausgrabungen, andere lehnen dies ab. In Lebret sollen nun an den Stellen, an denen das Radar „Anomalien“ des Bodens zeigte, mit Sonden Bodenproben entnommen und auf DNA-Spuren untersucht werden.

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