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Internationale Klimapolitik: Europa verhält sich heuchlerisch

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Von: Johannes Dieterich

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Menschen in Uganda demonstrieren Ende September gegen die Resolution des EU-Parlaments zum Bau einer Ölpipeline.
Menschen in Uganda demonstrieren Ende September gegen die Resolution des EU-Parlaments zum Bau einer Ölpipeline. © afp

Während westliche Organisationen afrikanische Länder auffordern, Gas und Kohle im Boden zu lassen, kauft Deutschland selbst in Südafrika ein. Eine Analyse.

In Afrika macht ein neues Schlagwort die Runde: Ökokolonialismus. Damit ist keine erneute Unterwerfung des Kontinents – diesmal mit Batterie getriebenen Panzern – gemeint: Vielmehr der Vorwurf, der industrialisierte Norden suche dem globalen Süden seine Vorstellung von der Energiewende aufzudrücken. Oder spezieller: dass Afrikas Regierungen die Vorräte fossiler Brennstoffe in der Erde lassen sollen, die in zunehmendem Ausmaß in ihren Staaten gefunden werden.

So verurteilte das Parlament in Straßburg kürzlich eine geplante Pipeline, die im Westen Ugandas entdecktes Erdöl an die 1500 Kilometer entfernte Küste des Indischen Ozeans schaffen soll. Der schmutzige Brennstoff solle lieber im Boden gelassen werden, forderten die europäischen Abgeordneten.

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Woher sie das Recht nähmen, von Afrikaner:innen den Verzicht auf Petro-Dollar zu verlangen, die sie für die Entwicklung ihrer eigenen Staaten in Anspruch genommen hätten, fauchte Ugandas Präsident Yoweri Museveni. Fast die Hälfte der 1,3 Milliarden Afrikaner:innen hat keinen Zugang zu Strom, ihr Kontinent ist für höchstens vier Prozent des weltweiten Kohlenstoffausstoßes verantwortlich. Warum sollten ausgerechnet sie auf die Energiequelle verzichten, mit der die Industrienationen ihren Wohlstand zementierten?

Klimaschutz in Afrika: Ein Appell der IEA sorgte für Aufsehen

Auch die Internationale Energie-Agentur (IEA) sorgte mit ihrem Appell für Aufsehen, sämtliche noch nicht erschlossenen fossilen Brennstoffe fortan im Boden zu lassen. Nur so sei das Ziel einer auf 1,5 Grad begrenzten Klimaerwärmung noch zu erreichen. Aus Afrika sind allerdings Erdölreserven in Höhe von 125 Billionen Fass bekannt, beim Erdgas wird von 18 Billionen Kubikmetern gesprochen. Der Erlös aus deren Verkauf könnte den darbenden Staaten des Kontinents einen dringend nötigen wirtschaftlichen Kick-Start verschaffen.

Die größten Erdgaslagerstätten werden aus dem bettelarmen Mosambik, dem kargen Namibia, dem Wüstenstaat Mauretanien oder dem chaotischen Kongo gemeldet. Dass das Gas dort nicht schon lange strömt, hat verschiedene Gründe: Im Kongo schlummert der Bodenschatz unter dem labilen Moor des naturgeschützten Urwalds, in Namibia neben dem einzigartigen Naturparadies, dem Okavango-Delta, und in Mosambik sucht eine islamistische Extremistengruppe die Förderung des Erdgases mit allen Mitteln zu verhindern. Weil sich ohnehin nur eine korrupte Elite des Landes an den Schätzen bereichere, heißt es zur Begründung. Vor der mosambikanischen Nordküste werden fast drei Billionen Kubikmeter Erdgas im Boden vermutet: Sie werden in Europa spätestens seit dem Ukraine-Krieg dringend gebraucht.

Mehr Schulden Erwartet

Afrikanische Länder südlich der Sahara müssen aufgrund des Klimawandels innerhalb der nächsten zehn Jahre voraussichtlich mehr als eine Billion Euro an Schulden aufnehmen. Dies würde einer 50-prozentigen Erhöhung des aktuellen Schuldenstands gleichkommen – es sei denn, wohlhabende Länder stellten angemessene Finanzmittel zur Bewältigung der Krise bereit. Das teilte das Internationale Aktionsnetzwerk für Schuldengerechtigkeit und Klima mit.

„Wohlhabende Regierungen sollten dringend Schulden erlassen und die Verantwortung für die Klimakrise übernehmen, indem sie eine angemessene zuschussbasierte Klimafinanzierung bereitstellen“, fordert Tess Woolfenden vom Aktionsnetzwerk.

Ein Prozent der Weltbevölkerung ist laut Oxfam für mehr als doppelt so viel Kohlendioxidverschmutzung verantwortlich wie die 3,1 Milliarden ärmsten Menschen weltweit. dpa

Dieselbe EU, deren Abgeordnete in Straßburg den Bau der ugandischen Pipeline verurteilten, unterstützt die mosambikanische Regierung beim Kampf gegen die eigene Bevölkerung mit militärischem Training und adelte Erdgas außerdem als „grüne Energie“. Auf diese Weise soll der Export des mosambikanischen Bodenschatzes nach Europa erleichtert werden. Gleichzeitig kauft Deutschland Kohle aus Südafrika, um den Betrieb seiner Kraftwerks-Saurier aufrechterhalten zu können – während der Staat am Kap der Guten Hoffnung dazu gedrängt wird, seine Stromerzeugung aus Kohle einzustellen. Fossile Brennstoffe scheinen nur dann schlecht zu sein, wenn sie in Afrika verfeuert werden. Ökokolonialismus? Heuchelei trifft den Sachverhalt besser.

Die Scheinheiligkeit ist allerdings nicht auf den Norden des Globus beschränkt. Die Behauptung afrikanischer Staatschefs, die Einnahmen aus dem Erdölverkauf kämen der Entwicklung ihres Landes und der Bevölkerung zugute, hat sich bislang niemals bestätigt. Vielmehr brachte die Exploration der Bodenschätze nur schwindelerregende Korruption, wachsende Einkommensunterschiede, soziale Spannungen und Umweltkatastrophen wie in Nigerias Niger-Delta hervor.

Klimaschutz in Afrika: Was nützt Wirtschaftswachstum, wenn der Regenwald stirbt?

Fachleute sprechen vom „Paradox des Reichtums“ oder dem „Fluch der Ressourcen“: Je mehr ein Staat durch den Verkauf von Erdöl oder Erdgas einnimmt, desto schlimmer die Folgen. „Unsere Priorität ist nicht, die Welt zu retten“, gab Kongos Klimabeauftragter Tosi Mpanu Mpanu einem Reporter der New York Times zu verstehen: „Unsere Aufgabe ist es, unsere Wirtschaft anzukurbeln.“

Der Satz ist ebenso heuchlerisch wie absurd: Schon seit Jahrzehnten kommen Kongos sagenhafte Bodenschätze nur wenigen „Fat Cats“, nicht aber der darbenden Wirtschaft zugute. Und selbst wenn das irgendwann so wäre: Was würde den Kongoles:innen ein zweistelliges Wirtschaftswachstum nützen, wenn gleichzeitig ihr Regenwald stirbt und ihre Hauptstadt untergeht?

Dennoch ist die in der nördlichen Erdhälfte erhobene Forderung, der Süden solle entschädigungslos auf die Förderung seiner Schätze verzichten, schlicht unverschämt. Afrika nutzt ohnehin nur einen kleinen Prozentsatz seiner eigenen Brennstoffvorräte: Der Großteil wird im Norden verfeuert. Selbst wenn der Kontinent alle seine derzeit bekannten Erdgas-Vorräte selbst verbrenne, würde sein Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß nur von vier auf fünf Prozent steigen, rechnet NJ Ayuk, Exekutivdirektor der Afrikanischen Energie-Kammer vor: Könnte man mit Heucheleien heizen, bräuchte sich Europa vor dem bevorstehenden Winter keine Sorgen zu machen.

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