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Applaus für Pfleger*innen in Spanien.

Interview

Intensivpfleger: „Diese Lobhudelei ärgert mich“

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Krankenpfleger Marc Gonschorek hat Angst vor italienischen Zuständen - und dass die massive Unterversorgung der Kliniken sich mit der Corona-Krise auch nicht ändert. Ein Interview.

Marc Gonschorek, 36, ist Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie. Er arbeitet seit elf Jahren am Klinikum Stuttgart, zurzeit auf der chirurgischen Intensivstation.

Herr Gonschorek, mit welchem Gefühl gehen Sie in diesen Tagen zur Arbeit?

Definitiv mit einer gewissen Grundnervosität – und vielleicht sogar ein bisschen Angst. Ich mache diese Arbeit seit über zehn Jahren – und in der Form hatte ich das noch nie.

Sie betreuen Intensivpatientinnen und -patienten und haben vermutlich ein dickes Fell. Was genau macht Ihnen in der jetzigen Situation Angst?

Marc Gonschorek.

Mich bedrückt diese Unsicherheit, weil sich die Lage von jetzt auf gleich dramatisch ändern kann. Ich habe immer gedacht, wenn uns mal etwas Großes droht, dann ein Terroranschlag oder ein Unfall bei einer Massenveranstaltung. Aber die Situation jetzt ist einfach nicht richtig greifbar. Meine Generation – und auch die meiner Eltern – hat so etwas noch nie erlebt. Und ja, ich habe in meinem Beruf schon viele Menschen beim Sterben begleitet, aber gerade deswegen macht mir die Vorstellung Angst, das in diesen Ausmaßen zu erleben. Die Bilder aus Italien und Spanien sind einfach beklemmend.

Wie konkret sind denn die Auswirkungen an Ihrer Klinik bislang? Wie viele Covid-19-Patienten betreuen Sie?

Das Klinikum Stuttgart bereitet sich seit Wochen auf steigende Fallzahlen vor. Wir haben ein ganzes Gebäude für Covid-19-Patienten freigeräumt und außerdem neue Intensiv- und Beatmungsplätze geschaffen. Alle planbaren Operationen wurden abgesagt. Dadurch stehen notfalls auch die Beatmungskapazitäten aus den OP-Sälen zur Verfügung. Und momentan werden weitere Beatmungsplätze eingerichtet, zum Beispiel in den Aufwachräumen. Insgesamt versorgen wir etwa 30 bis 40 Covid-19-Patienten. Unsere chirurgische Intensivstation soll im Notfall auch Covid-19-Patienten behandeln. Insgesamt führt das zu einer ziemlichen Arbeitsverdichtung, weil wir ja auch weiterhin die Versorgung schwer verletzter Traumapatienten sicherstellen und die anderen Intensivstationen im Klinikum entlasten müssen.

Haben Sie Einblick in die Situation auf den Covid-19-Stationen?

Ja, unter anderem, weil mein Bruder auf unserer Covid-19-Intensivstation arbeitet. Die Arbeit ist physisch und psychisch anstrengend. Die Mitarbeiter haben ja auch die eigene Gesundheit im Kopf, es besteht immer die Gefahr, sich selbst zu infizieren. Ein etabliertes Behandlungskonzept bei einem schweren Lungenversagen ist die sogenannte Bauchlage. Das ist ein enormer Aufwand, man muss viel beachten und braucht schon mal drei bis vier Menschen. Man darf die Station auch nur noch in kompletter Schutzmontur betreten. Und diese Ausrüstung ist nicht gerade angenehm zu tragen. Aber es gibt viel Solidarität unter den Kolleginnen und Kollegen. Viele Pflegekräfte und Ärzte haben sich bereiterklärt, sich wenn nötig kurzfristig auf die Isolier-Intensivstation versetzen zu lassen, um dort zu unterstützen. Auch Kollegen aus der Anästhesie und dem OP werden im Moment für einen eventuellen Einsatz auf den Intensivstationen geschult.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Klinik auf einen plötzlichen, sehr starken Anstieg der Patientenzahlen vorbereitet wäre?

Was ich in meiner Klinik gerade erlebe, ist schon beeindruckend. Es ist wirklich ein Riesenaufwand, die ganze Arbeit so umzustrukturieren, dass wir etwa Pflegekräfte und Ärzte, die damit sonst gar nichts zu tun haben, an den Beatmungsgeräten schulen konnten. Weitere Beatmungsgeräte wurden geliefert, und bis jetzt haben wir ausreichend Schutzkleidung – auch da kommen immer wieder neue Lieferungen rein. Insofern habe ich das Gefühl, dass wir eine erste große Welle erst mal noch ganz gut abfangen können. Allerdings: Stehen und fallen wird es mit dem Personal.

Das heißt?

Sie können noch so viele Beatmungsgeräte kaufen – wenn das qualifizierte Personal fehlt, das in der Lage ist, sie adäquat zu bedienen, sind sie fast nutzlos. Es zeigt sich deutlich, dass an Covid-19 erkrankte Menschen schwierig zu beatmen sind. Beatmung wird mir in vielen Medien oft zu einfach dargestellt. So eine Therapie zu steuern erfordert viel Fachkenntnis und Erfahrung. Das kann kein Medizinstudent oder ein Pfleger, der jetzt aus der Rente kurzzeitig einspringt. Bei uns ist der Personalschlüssel im Vergleich zu anderen Kliniken ganz gut. Aber in so einer Ausnahmesituation wird es schnell eng, da tut jeder Ausfall weh. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen sind oder waren selbst in Quarantäne, weil sie zur Risikogruppe gehören. Aber wie gesagt: Die Kollegen hier im Klinikum Stuttgart sind sehr hilfsbereit. Es gibt Angebote, früher aus der Elternzeit zurückzukehren oder die Arbeitszeit aufzustocken.

Die Corona-Pandemie trifft auf ein System, das auf Kante genäht ist ...

Das ist eine Folge der Gesundheitspolitik der letzten Jahrzehnte. Man hat Pflegepersonal vor allem als Riesenkostenfaktor gesehen – und so die Menschen aus der Pflege rausgetrieben. Ich kenne wahnsinnig viele Berufsaussteiger, die sagen alle: Der Job an sich ist super. Aber die Umstände haben sich so verschlechtert, dass sie damit nicht mehr klarkommen. Es gibt Krankenhäuser, die geführt werden wie Supermärkte – und das funktioniert meiner Meinung nach einfach nicht. Ich glaube, man kann diesen Kreislauf nur durchbrechen, wenn man bereit ist, endlich mehr Geld in die Hand zu nehmen, die Gehälter zu erhöhen und daraus folgend den Personalschlüssel zu verbessern. Ich habe noch Glück: Bei meinem Arbeitgeber ist schon einiges passiert, und man tut was dafür, neue Mitarbeiter zu gewinnen. In bestimmten Bereichen werden auch Zulagen bezahlt. Aber das ändert nichts daran, dass das Gesundheitssystem als Ganzes eine problematische Entwicklung durchlaufen hat.

Glauben Sie, dass jetzt in der Krise die Chance auf Verbesserungen steckt? Weil Politik und Gesellschaft endlich erkennen, wie wichtig und „systemrelevant“ Ihre Arbeit ist?

Also wenn ich sehe, dass da jetzt ständig applaudiert wird und uns fast ein Heldenstatus zugesprochen wird … Ich weiß nicht. Da sind bestimmt einige dabei, bei denen das von Herzen kommt, die tatsächlich wissen, was wir leisten. Aber es gibt halt auch die andere Seite. Ich bin jetzt 36 und habe insgesamt fünf Jahre Ausbildung hinter mir. Bis heute passiert es, dass ich gerade mit einem schwer kranken Intensivpatienten arbeite, letztlich seine kompletten Vitalfunktionen überwache und steuere, und dann ein Angehöriger neben dem Bett sitzt und fragt: „Sind Sie der Zivi?“ Oder noch besser: „Sie wollen mal Arzt werden, gell?“ So was macht mich wütend.

Was ärgert Sie dabei?

Ich bin nicht der Assistent vom Arzt! Ich brauche den Arzt, und der Arzt braucht mich, das eine geht nicht ohne das andere. Aber so etwas ist bezeichnend, weil es mir zeigt, dass viele Menschen keinerlei Bewusstsein dafür haben, was professionelle Pflege bedeutet. Die denken, da könnte man jeden hinstellen, ein bisschen einlernen, und dann läuft das. Und wenn ich jetzt diese Lobhudelei höre, ärgert mich das irgendwie.

Was wünschen Sie sich?

Ich würde mir wünschen, dass sich eine Angela Merkel mal hinstellt und uns nicht nur dankt wie in ihrer Fernsehansprache, sondern auch sagt: Wir tun was, wir werden euch nicht vergessen, wenn das Ganze vorbei ist.

Sie befürchten, dass die Pflege wieder vergessen wird, wenn die Krise vorbei ist?

Ich habe die Sorge, dass danach nichts mehr für uns übrig ist. Dass alle mit dem Wiederaufbau der Wirtschaft beschäftigt sind, und es wieder heißt: Tut uns leid, wir haben kein Geld. Und was hinzukommt: Wenn die Krise richtig schlimm wird, sagen vielleicht fünf von zehn Pflegekräften, das war so traumatisch, ich bin jetzt raus. Zum Teil werden die Leute auch jetzt schon verheizt. Ich habe von Kliniken gehört, die komplette Urlaubssperren bis Oktober verhängt haben. Und was auch sein kann: Wenn wir in Deutschland gerade so vorbeischrammen und die Situation gut handhaben können, heißt es wahrscheinlich: Hey, war doch gar kein Problem, da müssen wir ja auch nichts ändern.

Was passiert, wenn nach der Krise trotzdem alles beim Alten bleibt?

Ich glaube, wenn danach wieder zum Status quo übergegangen wird und das alles im Sande verläuft, dann werden uns in Zukunft noch deutlich mehr Pflegekräfte fehlen. Viele werden ihre Konsequenzen ziehen.

Interview: Alicia Lindhoff

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