Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Intensivpflege ist immer ein herausfordernder Beruf - aber die Pandemie hat die Belastung deutlich erhöht.
+
Intensivpflege ist immer ein herausfordernder Beruf - aber die Pandemie hat die Belastung deutlich erhöht.

FR-Serie: Corona und die Psyche

Intensivpfleger in der Corona-Pandemie: „Mitten im Dienst eine Art Nervenzusammenbruch“

  • Alicia Lindhoff
    VonAlicia Lindhoff
    schließen

Die Corona-Pandemie hat Intensivpfleger Marc Gonschorek an seine Grenzen gebracht - körperlich und psychisch. Im Interview spricht er über Überlastung und Depression in der Pflegebranche

Herr Gonschorek, wir haben vor rund elf Monaten, Ende März 2020, schon einmal ein Interview miteinander geführt. Die Pandemie war damals noch eine ganz neue Situation für uns alle, in Ihrer Klinik liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Im Gespräch haben Sie von großer Unsicherheit und sogar Angst vor der kommenden Zeit gesprochen. Wie ging es danach bei Ihnen weiter?

Es war eine sehr schwierige Zeit. Corona war überall. In den Nachrichten kamen die Horrorbilder aus Italien, auf der Arbeit hatte immer irgendjemand das Worldometer mit den aktuellen Zahlen aus aller Welt offen. Parallel wurde eine komplette Intensivstation für Covid-Patienten freigeräumt. Und trotzdem gab es schon damals Stimmen, die von der Merkel-Diktatur geredet, Trump in den Himmel gelobt und vor dem Impfen gewarnt haben. Das hat mich fassungslos gemacht.

Bei Ihnen kam noch hinzu, dass Sie im Februar Vater geworden sind …

Genau. Auch privat konnte ich dem Thema nicht entkommen, denn wir haben uns natürlich Sorgen wegen unseres Neugeborenen gemacht. Und ganz zu Beginn der Pandemie, als ich für einen Monat in Elternzeit war, bin ich völlig im Online-Sumpf versunken.

Pfleger auf der Intensivstation in der Corona-Pandemie: „Stresstest für unsere Beziehung“

Ich habe morgens als Erstes alle Nachrichtenseiten gecheckt, jede Handy-Pushnachricht sofort geöffnet, stundenlang Kommentarspalten gelesen und Social-Media-Diskussionen verfolgt. Meine Freundin habe ich dann auch verrückt gemacht, das war ein richtiger Stresstest für die Beziehung. Bis Mitte April hab ich so durchgehalten, dann hat es mir den Stecker gezogen.

Wie meinen Sie das?

Ich weiß noch, dass ich an dem Tag Schichtleitung war und einen megastressigen Dienst hatte. Kurz davor sind aus Italien immer neue Höchstzahlen an Todesfällen gemeldet worden. Fast 1000 Tote an einem Tag. Und dann hatte ich mitten im Dienst eine Art Nervenzusammenbruch.

Pfleger in der Corona-Pandemie: „Bei mir wurde eine mittelschwere Depression diagnostiziert“

Ich habe völlig die Fassung verloren und Kollegen angeschrien, was sonst überhaupt nicht meine Art ist. Da ist mir klargeworden: Ich trage Verantwortung, ich muss gucken, dass ich wieder in die Spur komme.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich habe die Schicht an dem Tag noch fertig gemacht. Aber bereits an diesem Abend einer meiner Leitungen gesagt, ich kann gerade nicht mehr arbeiten und weiß nicht, wann ich wiederkomme. Bei mir wurde dann eine mittelschwere Depression diagnostiziert, und ich war letztlich mehr als sechs Monate arbeitsunfähig.

Wie groß war aus Ihrer Sicht der Anteil der Corona-Situation an Ihrer persönlichen Krise?

Naja, ich habe schon eine gewisse familiäre Vorbelastung. Hinzu kam die neue Rolle als Familienvater und die Tatsache, dass ich in den vergangenen Jahren beruflich sehr viel geleistet habe und unsere Arbeit auch in normalen Zeiten sehr speziell ist – auch wenn ich sie gerne mache. Das alles in Kombination mit der Unsicherheit der Corona-Krise wurde mir dann zu viel.

Was an der Situation hat Ihnen konkret Angst gemacht?

Alle Kollegen kennen das Gefühl, wenn du merkst, dir entgleitet grade alles. Ein Notfall kommt rein, ein Patient verschlechtert sich akut – und du merkst: Hoppla, der Plan, den ich mir zurechtgelegt habe, klappt so nicht. In so einer Situation stellt sich permanent die Frage: Wo fang ich an, was lass ich weg. Aber in der Intensivpflege ist die Anzahl der Dinge, die du weglassen kannst, sehr begrenzt.

Weil es um Leben und Tod geht?

Ja. Das ist einfach kein Auto, das da vor dir liegt, das ist ein Mensch – auf meiner Station oft sogar ein ziemlich junger Mensch. Du weißt, das ist irgendjemandes Vater, Schwester, Sohn. Dieser Mensch hat ein Recht darauf, gut versorgt zu werden. Und wenn du das nicht schaffst, macht das ein extrem schlechtes Gewissen.

Pflege in Corona-Zeiten: Pflegende haben Angst vor Kontrollverlust

Ich glaube, vor so einer Überforderungssituation haben selbst die abgebrühtesten Kollegen Angst – und auch ich selbst arbeite ja seit Jahren auf Intensiv und habe schon viel erlebt. Aber was wir auf den Bildern aus Italien gesehen haben, waren Kollegen, für die das der Dauerzustand war.

Wie geht es Ihnen heute?

Mir geht es heute viel besser. Ich hatte Glück. Die Medikamente haben gut angeschlagen, ich habe vergleichsweise schnell einen Therapieplatz bekommen. Dort habe ich unter anderem gelernt, diese ganzen Internetdiskussionen von mir abzublocken. Ich lese keine Kommentarspalten mehr, ich habe mir eine eigene SocialMedia-Blase gebastelt, die fast coronafrei ist – und versuche nicht mehr, mit jedem zu diskutieren. Man reibt sich da nur auf. Diese Querdenker leben in ihrer eigenen Realität und wollen das alles glauben.

Marc Gonschorek (36) ist Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie. Er arbeitet seit zwölf Jahren auf einer großen Stuttgarter Intensivstation. lic

Sie haben bei unserem Interview im März gesagt, wenn es schlecht laufe, könnte diese Pandemie noch mehr Pflegekräfte aus dem Beruf treiben. Haben Sie mal darüber nachgedacht, auszusteigen?

Ich war zumindest kurz davor, nicht mehr auf meine alte Stelle – und überhaupt auf die Intensivstation – zurückzukehren. Ich hatte Sorge, dass ich schnell wieder in die alte Mühle aus Überforderung und Stress verfalle. Es gab die Idee, auf die Anästhesie zu wechseln oder irgendwo anders hin, wo ich hauptsächlich im OP arbeiten würde, und wo man geregeltere Arbeitszeiten hat. Außerdem war ich unsicher, was die Kollegen zu der ganzen Sache denken.

Pflege auf Intensivstation während Corona: „Die Covid-Station war voll“

Aber ich habe dann das Gespräch mit der Leitung gesucht, die mir versichert hat, dass sie hinter mir steht. Ich war auch in einem Programm zur Wiedereingliederung meiner Klinik, da wurde ich intensiv begleitet und unterstützt. Und dafür bin ich sehr dankbar. Jetzt bin ich wieder im Dienst, aber arbeite statt 100 Prozent nur noch 85 Prozent – und ich mache bis auf weiteres keine Nachtdienste mehr.

Die zweite Welle haben Sie dann aber komplett mitbekommen?

Ja genau. Ich habe Mitte Oktober mit der Wiedereingliederung begonnen, da ging es gerade wieder richtig los. Viele meiner Kollegen haben in den vergangenen Monaten auf der Covid-Intensivstation ausgeholfen. Dort mussten sie teilweise mit ungewohnten Geräten in fremder Umgebung arbeiten. Das macht niemand gern. Mein Bruder hat die ganze Zeit über auf der Covid-Intensivstation gearbeitet und die war in der zweiten Welle so voll, dass sie den Aufwachraum mitbelegen mussten.

Pflege auf der Corona-Station: „Es gibt einfach zu wenige Fachpflegekräfte“

Das war in der ersten Welle nicht nötig und erforderte natürlich auch von uns Mitarbeitenden viel Flexibilität. Finanziell hat die Klinik viel möglich gemacht, es gibt Corona-Zulagen, Intensivzulagen und so weiter. Aber es passiert vieles ad hoc und kurzfristig, du weißt am einen Tag nie wie es am nächsten aussieht, das frustet extrem. Auch von meiner Station haben einige auf der Covid-Station ausgeholfen – und dort jeweils drei Patienten versorgt.

Und das ist zu viel?

Drei Patienten auf einmal, das bedeutet: Du musst immer Abstriche machen, du hast nie einen Dienst, bei dem du alle optimal versorgen kannst. Es gibt einfach zu wenige Fachpflegekräfte, die für die anspruchsvolle Tätigkeit auf der Intensivstation weitergebildet sind. Kollegen ohne Intensiverfahrung haben zwar unterstützt, können eine Intensivpflegekraft aber natürlich nicht ersetzen.

Wie geht es denn Ihren Kolleginnen und Kollegen mit dieser Situation?

Es ist schon sehr belastend. Viele Kollegen sind erschöpft und sehnen sich nach Normalität. Ein Lichtblick sind die Impfungen gegen Corona, die schnell vorangehen. Ein sehr großer Teil meiner Kollegen, mich eingeschlossen, sind bereits geimpft. Das beruhigt etwas.

Pflege zu Corona-Zeiten: „In der ersten Welle gab es noch eine gewisse Euphorie“

Mit meiner Erkrankung gehe ich mittlerweile sehr offen um, alle wissen Bescheid. Und einige haben mir erzählt, dass sie ganz ähnliche Probleme hatten. Aber natürlich gehen alle unterschiedlich damit um. Dabei gab es glaube ich bei vielen vor und während der ersten Welle noch so eine gewisse … Euphorie. Die Pflege stand medial stark im Fokus und es gab so ein kollektives Gefühl, dass man da etwas Wichtiges für die Gemeinschaft tut. Nach dem Motto: Ärmel hochkrempeln und durch. Davon spüre ich persönlich nicht mehr viel.

Bei unserem letzten Interview haben Sie mit deutlichen Worten das Gesundheitssystem kritisiert. Die Pflege sei kaputtgespart worden, das System auf Kante genäht. Hat diese Einschätzung ihre Unsicherheit zu Beginn der Krise verstärkt?

Ich sage es mal so: Wenn wir mit anderen systemischen Voraussetzungen in diese Pandemie gegangen wären, wäre unser aller Stresslevel definitiv niedriger gewesen. Und: Alles, was in dieser Krise bisher geklappt hat, ist durch den Good Will des medizinischen Personals möglich gewesen.

Pflege in der Corona-Pandemie: „Nur mit Dienst nach Vorschrift nicht möglich“

Es gibt Leute, die haben ihren kompletten Dienstplan umgeworfen, um dort einzuspringen, wo es eng war. Von allen Seiten wurde wahnsinnig viel Flexibilität verlangt. Wenn alle nur Dienst nach Vorschrift gemacht hätten, wäre das nicht möglich gewesen.

Was müsste sich politisch als Allererstes ändern?

Olaf Scholz hat doch von einem Wumms für die Wirtschaft gesprochen. Und so einen Wumms würde ich mir jetzt endlich auch für die Pflege und das ganze Gesundheitssystem wünschen. Wichtig wäre, endlich die PPR 2.0 einzuführen (Pflegepersonalregelung, Instrument zur Bemessung der notwendigen Pflegepersonalausstattung, das sich stärker als zuvor am tatsächlichen Bedarf ausrichten soll. Anm. d. Red.). Außerdem müsste das DRG-System (Diagnosebezogene Fallgruppen) abgeschafft werden, weil es zur Kommerzialisierung des Gesundheitswesens führte. Und somit zu der deutlichen Erhöhung der Arbeitsbelastung von Pflegekräften und Ärzten. Das sollte endlich angepackt werden. (Interview: Alicia Lindhoff)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare