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Leen Shaker kam 2015 aus Syrien nach Deutschland und arbeitet in einer Münchner Zahnarztpraxis.

Flucht 2015

Integriert, aber heimatlos

  • vonPatrick Guyton
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Vor fünf Jahren flohen Omara Chaar und Leen Shaker vor Krieg und Terror aus Syrien nach Deutschland. Was ist aus ihnen geworden?

Die Geschichte beginnt im September 2015, vor fünf Jahren, am Hauptbahnhof von Passau. Omara Chaar aus dem syrischen Aleppo war da gerade einmal zwei Monate in Deutschland. Mit einem Megafon stand er an den Aufgängen und rief den vielen Flüchtlingen, die stoßartig aus den Waggons der Züge aus Österreich kamen, immer wieder laut zu: „Das ist Deutschland, ihr seid in Sicherheit. Ihr braucht keine Angst mehr zu haben.“

Damals war Chaar 21 Jahre alt, hatte in seiner Heimat Jura studiert, war selbst über die teils lebensgefährliche Strecke gekommen: von der Türkei mit dem Schlepper-Schlauchboot nach Griechenland und weiter auf der Balkan-Route. Passau im Dreiländereck von Deutschland, Österreich und Tschechien stand im Blickpunkt der Republik und Europas. Die vielen Flüchtlinge kamen nicht mehr wie kurz zuvor am Münchner Hauptbahnhof an, täglich teilweise 10 000 Menschen. Sie wurden von Österreich nach Passau umgeleitet, denn München war vollkommen überlastet.

Eine von ihnen war die Syrerin Leen Shaker. Im September 2015 war sie 28 Jahre alt, als sie in der 50 000-Einwohner-Stadt deutschen Boden betrat. In Damaskus hatte sie als Zahnärztin promoviert und für kurze Zeit gearbeitet. Dann beschloss sie, wegen des mörderischen Krieges zu fliehen. Das Assad-Regime wütete, die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) war wegen ihrer Gräueltaten gefürchtet. Ursprünglich hatte Shaker gehofft, im Libanon Arbeit zu finden, nicht so weit weg von der alleinstehenden Mutter und der jüngeren Schwester. Doch das war nicht möglich, also allein nach Deutschland, wo schon ein Bruder und zwei weitere Schwestern waren. Alles offen, alles vollkommen unsicher.

Die Passauerin Sonja Steiger-Höller hatte sich damals um Omara Chaar gekümmert: Asylantrag stellen, sich auf das langwierige Verfahren vorbereiten. Kleidung besorgen, denn der Syrer war nur mit zwei Plastiktüten angekommen. Mit dem Deutsch lernen beginnen. Steiger-Höller und ihre Familie luden Chaar zum Essen ein, nahmen ihn mit zu den Eltern. Sie wurden Freunde, er bekam eine Art Ersatz-Familie.

Die Eltern bleiben in Aleppo

Ein Jahr später, Ende August 2016, sitzen Omara Chaar, Leen Shaker und Sonja Steiger-Höller im Passauer Theatercafé an einem Tisch draußen, das Wetter ist schön, der Inn fließt gemächlich dahin. Die Syrer radebrechen halb auf Englisch und halb auf Deutsch über die Sprachkompetenz und die Kurse, die sie belegen – A2, B2. Chaars Ziel ist es, an der Uni zu studieren, irgendetwas in Richtung Medien und Journalismus. „Er ist immer so optimistisch“, sagt Sonja Steiger-Höller. Chaar erzählt aber auch, dass seine Eltern im zerbombten Aleppo in verlassenen alten Autos leben müssen, weil die Wohnung zerstört ist. Und er sagt: „In Syrien habe ich fast nur noch tote Freunde.“

Leen Shaker wiederum macht zu diesem Zeitpunkt Praktika bei Zahnärzten, arbeitet auch als Arzthelferin. Sie hofft, dass ihre Ausbildung irgendwie und irgendwann einmal anerkannt wird.

Die letzte Augustwoche 2020, vier weitere Jahre sind vergangen. Dr. Leen Shaker hat Mittagspause in der kieferorthopädischen Zahnarztpraxis im Münchner Stadtteil Nymphenburg. „Seit einem Jahr arbeite ich hier“, erzählt sie. „Ende September habe ich nun meine letzte Prüfung zur Kieferorthopädin.“ Shaker hat den „unbefristeten Aufenthaltstitel“ bekommen – dieser ist sehr sicher, sie kann dauerhaft in Deutschland bleiben. Doch sie strebt nun auch die deutsche Staatsbürgerschaft an. Shakers Chef konnte ihr im überteuerten München ein Ein-Zimmer-Apartment vermitteln, ihr Freund, ebenfalls aus Syrien, studiert in Passau.

„Er ist immer so optimistisch“, sagt die Passauerin Sonja Steiger-Höller über ihren Schützling, den jungen Syrer Omara Chaar.

In fünf Jahren von Damaskus als Ärztin in die Münchner Praxis. Leen Shaker spricht ein grammatikalisch korrektes Deutsch. Der Bruder studiert in Heidelberg Physik, eine Schwester Soziale Arbeit in Schwäbisch Gmünd. „Ich war sehr froh nach der Flucht“, erinnert sie sich. „Und jetzt kann ich hier weitermachen.“

Also alles bestens, ein Idealfall gelungener Integration? Man merkt, dass die zierliche Frau mit den schwarzen Haaren ein empfindsamer Mensch ist. „Meine Mutter und meine Geschwister sind mein Leben“, sagt sie. Doch die Mutter, 53 Jahre alt, muss in Damaskus ausharren. „Ich habe sie seit fünf Jahren nicht gesehen“, sagt Shaker, in ihren Augen steigen Tränen auf. Alle Versuche, sie zu einem Besuch nach Deutschland zu holen, seien bisher gescheitert. Alle Anträge abgelehnt – obwohl sie für sie bürgen würde, die Flüge bezahlen, sie in Deutschland versorgen. Der Grund, so vermutet sie, liegt darin, dass die Behörden annehmen, dass die Mutter dann auf Dauer bleiben wollen würde.

Leen Shaker fühlt sich angekommen in Deutschland und doch zerrissen. „Ich habe keine Heimat“, sagt sie. „Ich werde das Land, in dem ich aufgewachsen bin, nie wieder sehen.“ Nach ihrer letzten Kieferorthopädie-Prüfung, wenn sie mehr Zeit hat, möchte sie ehrenamtlich etwas für andere Geflüchtete tun, in einem Helferkreis mitarbeiten. Denn: „Viele Flüchtlinge sind innerlich zerstört.“ Die Mittagspause ist vorbei, Patienten sitzen im Wartezimmer.

Chaar kellnert nebenbei

Einen Tag zuvor in Passau kommen Omara Chaar und Sonja Steiger-Höller wieder in den Garten des Theatercafés. „Wie läuft es an der Uni?“, fragt sie. Chaar, jetzt 26 Jahre alt, sagt: „Ich habe schon 80 Credit Points.“ 180 braucht er insgesamt, dann erhält er den Bachelor im Fach „Medien und Kommunikation“. Er redet von seinem Marketingpraktikum, von den Kursen zu empirischer Sozialforschung, von „Strategischer Kommunikation und PR“. Wenn er den Inhalten nicht ganz folgen kann, geht er zum Professor und sagt ihm: „Ich verstehe nicht, um was es geht.“ Zwischendurch lässt Omara Chaar immer wieder Sätze einfließen wie „Keine Panik auf der Titanic“ oder „Alles wird gut“ – und lacht dabei. Es klingt ebenso ehrgeizig wie auch hart, wenn er sagt: „Ich werde in Deutschland nicht im Dönerladen enden.“

Bis März 2017 lebte er im Flüchtlingsheim, seitdem hat er ein kleines Apartment gemietet. Er erhält Bafög und kellnert nebenher im Passauer Scharfrichterhaus – einer Kultstätte bayerischer Kleinkunst und Kabarett. Omara Chaar weiß: „Je mehr bayerisch du redest, umso mehr Trinkgeld bekommst du.“ Doch auch für ihn bleibt Syrien wichtig. Er und sein Bruder, der nach Krefeld kam und dort jetzt als Buchhalter arbeitet, schicken weiterhin Geld an die Eltern. Chaar sagt: „Ich möchte alles tun, dass sie aus Aleppo rauskommen. Sie sollen noch etwas anderes sehen als Bomben und Krieg.“

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