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Integration ist eine soziale Frage

Der Islam taugt nicht als Trennlinie zu Einwanderern

Von MICHAEL LÜDERS

Jahrzehntelang hat sich kaum jemand in Deutschland für muslimische Einwanderer interessiert. Die "Gastarbeiter" blieben ein Randphänomen. Weder die Mehrheitsgesellschaft noch die Einwanderer selbst sahen die Notwendigkeit, einander in Augenhöhe zu begegnen und Spielregeln für das Zusammenleben zu finden. Der Mehrheit war die islamische, zumeist türkische Minderheit egal, solange sie in ihren überwiegend unterprivilegierten Wohnvierteln nicht weiter auffiel. Deutschland sieht, anders als die USA, Einwanderer oder Minderheiten nicht als Bereicherung an.

Als Folge der Wirtschaftskrise sowie des 11. September gerieten Einwanderer zunehmend unter Generalverdacht, vor allem, wenn sie Muslime sind. Beweist erst einmal, dass ihr integrationsfähig seid. Schwört auf das Grundgesetz, buchstabiert Leitkultur. Daran ändert auch das Zuwanderungsgesetz nur wenig, das am 1. Januar in kraft tritt. Zu groß sind die Ängste und Vorbehalte gegenüber dem Fremden, namentlich dem Islam, verstärkt durch Terror und Gewalt, zuletzt den Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh in den Niederlanden.

Tatsache ist, dass die Integration muslimischer Einwanderer teilweise gescheitert ist. Nicht nur in Deutschland, in Europa allgemein. Dafür gibt es mehrere Gründe, darunter fehlende Bildung, geringe soziale Aufstiegschancen, das Gefühl, ausgegrenzt und ungerecht behandelt zu werden. Auch die Weltpolitik spielt eine Rolle. Gerade unter arabischen Einwanderern bewirkt der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern oder der Krieg in Irak ein hohes Maß an Emotionen und Politisierung. Die kulturelle Desorientierung der zweiten und dritten Einwanderergeneration (Bin ich Muslim? Türke? Deutscher? Alles zusammen?) verstärkt die Identitätskrise und schafft einen Nährboden für "Hassprediger". Ebenso die zunehmende soziale Verelendung in Brennpunkten wie Berlin-Neukölln oder Wedding. Hier ist das Milieu, in dem islamische Fundamentalisten auf Seelenfang gehen und radikales oder rassistisches Gedankengut verbreiten.

Pragmatiker bei Milli Görüs

Wie stark ist deren Einfluss? Darüber gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Der Verfassungsschutz hält rund 30 000 der 3,2 Millionen Muslime in Deutschland für gewaltbereit. Diese Zahl scheint deutlich zu hoch. Sie ergibt sich, indem alle Mitglieder der türkischen Organisation Milli Görüs als potentielle Gewalttäter eingerechnet werden. Realistisch ist das kaum. Milli Görüs versucht gegenwärtig, sich als eine "islamische CSU" unter den Türken in Deutschland zu profilieren. Spätestens mit dem Europa-Kurs Ankaras haben dort Pragmatiker die Oberhand über die Hardliner gewonnen.

Einen absoluten Schutz gegen islamistische Gewalttäter gibt es ebenso wenig wie gegen Kriminalität allgemein. Ein erster Schritt wäre, in der ebenso hysterisch wie parteitaktisch geführten Integrations-Debatte nicht ständig die Grenzen zwischen Islam und islamischem Fundamentalismus, also der politisch-ideologischen Instrumentalisierung von Religion, zu verwischen. Wenn Muslime in Europa beinahe täglich erfahren müssen, dass sie kollektiv als Sicherheitsrisiko gelten, sie ständig mit der Forderung konfrontiert sind, ihre islamische Identität im Namen westlicher Zivilisation aufzugeben, sie immer wieder spüren, dass sie als Angehörige einer minderwertigen Kultur gesehen werden, fördert das nicht ihre Integration. Je größer aber die Ausgrenzung, umso fruchtbarer der Nährboden für Fundamentalisten und "Hassprediger".

Solange Einwanderung in Deutschland als Bedrohung empfunden wird, finden gemäßigte oder differenzierte Stimmen kaum Gehör. Muslime, das eigentliche Objekt der Empörung, waren in den Talkshows und Meinungsartikeln der letzten Wochen kaum vertreten, sofern sie sich nicht ihrerseits einreihten in den Chor derer, die vor der "Parallelgesellschaft" warnen.

Klein Istanbul und Little Germany

In der Sache ist die Behauptung, es gäbe in Deutschland eine islamische Parallelgesellschaft, blanker Unsinn. "Klein-Istanbul" in Kreuzberg oder anderswo ist nichts anderes als es "Little Germany" in den USA des 19. Jahrhunderts war. Die erfolgreiche Integration türkischer oder arabischer Einwanderer ist in erster Linie eine soziale Frage. Zu Problemen führt sie dann, wenn soziale und ethnische Konflikte in Armutsvierteln aufeinandertreffen. Cem Özdemir, Vural Öger und zehntausende erfolgreiche deutsche Unternehmer türkischer Herkunft haben keine Integrationsprobleme.

Es gibt keine monokulturelle, rein islamische Identität in Deutschland, keinen systematisch betriebenen Rückzug aus dem deutschen Alltag, keine wirtschaftliche Abgrenzung und keine parallelen Islam-Institutionen, die staatliche Aufgaben übernehmen. Stattdessen gibt es eine Rückbesinnung auf Religion und Tradition, auch abzulesen in der Bereitschaft jüngerer Frauen aus der Mittelschicht, freiwillig ein Kopftuch zu tragen oder lieber einen Muslim als einen Nicht-Muslim zu heiraten. Diese Rückbesinnung ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die jahrzehntelang erfahrene Ablehnung, die ihrerseits Ablehnung provoziert.

Um Missverständnisse zu vermeiden: es gibt islamische Gewalttäter, es gibt Muslime in Deutschland, die Rassisten sind und alles Deutsche hassen. Und es gibt Muslime, die nicht zu integrieren sind, weil sie die freiheitliche und demokratische Grundordnung systematisch unterlaufen, wie der abgeschobene "Kalif von Köln". Aber diese Minderheiten sind eben das: Minderheiten. Aus der Sicht der Lordsiegelbewahrer des christlichen Abendlandes ist Integration jedoch eine Einbahnstraße, die der Mehrheitsgesellschaft nichts abverlangt, den Einwanderern hingegen alles. Sie haben gewissermaßen ihre Unschuld zu beweisen. Was ihnen solange nicht gelingen wird, bis auch die letzte Muslimin mit Kopftuch von Deutschlands Straßen verschwunden ist.

Beide Seiten, Einwanderer und Mehrheitsgesellschaft, müssen sich auf konkrete Regeln im Umgang verständigen, und die Trennlinie darf nicht der Islam sein. Vielmehr geht es um die Akzeptanz von Grundgesetz, Rechtstaatlichkeit und gesellschaftlicher Pluralität auf Seiten aller, die friedlich miteinander leben wollen. Gefordert ist nicht Toleranz, die Gleichgültigkeit meint. Sondern die Respektierung unterschiedlicher Lebensmodelle, sofern sie niemanden bevormunden. Was fehlt, ist ein Dialog jenseits von Allgemeinplätzen und gegenseitiges Verständnis im Alltag. Was hindert zum Beispiel den Bundespräsidenten daran, ein Zeichen zu setzen und zum Ende des Fastenmonats Ramadan eine islamische Gemeinde aufzusuchen? Es sind kleine Schritte, die eine große Wirkung erzielen können.

Es braucht nicht Ideologie sondern Pragmatismus. Um Lösungen zu finden, damit nicht schon kleine Mädchen verschleiert zur Schule gehen, am Sportunterricht oder an der Klassenfahrt nicht teilnehmen dürfen. Mittlerweile engagieren sich "Mehrheits-Muslime" in Berlin, um radikalen Islam-Lehrern entgegenzutreten. Übrigens sind auch die Koranschulen das Ergebnis jahrelanger Vernachlässigung seitens der Behörden. Es fehlt an Islam-Unterricht in deutscher Sprache von Lehrern, die in Deutschland ausgebildet wurden. Die Lücke füllen oft genug dubiose Islam-Gruppen, die von schwierigen Schulverhältnissen profitieren.

Angst vor "versteckter Agenda"

Bei den Brandanschlägen auf Türken in Mölln und Solingen hat niemand von einem "Kampf der Kulturen" gesprochen. Als Theo van Gogh ermordet wurde sehr wohl. Die Angst vor dem Islam speist sich ebenso wie das Wort von der "Parallelgesellschaft" auch aus dem Glauben, es gebe eine "versteckte Agenda". Selbst gemäßigte Muslime sind nach dieser Auffassung in der Wolle gefärbte Islamisten, die ein Ziel verfolgen: die Unterwanderung von Staat und Gesellschaft, um schließlich über Europa die grüne Flagge des Propheten zu hissen. Oder doch zumindest die Freiheit Europas zu missbrauchen, um ihre verbrecherischen Ziele umzusetzen, wie es Mohammed Atta bei der Planung der Anschläge vom 9.11. tat.

Diese Gewalt, so die Überzeugung vieler, sei nicht etwa das Werk krimineller Gruppen, sondern im Islam selbst angelegt. Letztendlich laute die Alternative: Entweder die Verteidigung der westlichen Wertegemeinschaft oder aber der islamische Fundamentalismus und Terror wird siegen. Solche Parolen führen in eine Sackgasse. Der Krieg gegen den Terror, ob in Afghanistan oder Irak, hat die Welt nicht sicherer gemacht, im Gegenteil. Gleichzeitig gilt bereits die Frage nach den Ursachen islamistischer Gewalt als "Appeasement" - ist doch der Westen über jede Kritik erhaben, weil er rundum "das Gute" verkörpert. Das sehen viele Muslime anders, auch in Deutschland.

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