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Zweisamkeit in Kundus: Minister Karl-Theodor zu Guttenberg mit Frau Stephanie.

Verteidigungsminister in Afghanistan

Der inszenierte Frontbesuch

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Der Verteidigungsminister zu Guttenberg besucht seine Truppe in Kundus. Doch nicht allein. Die vorweihnachtliche Visite ist Teil einer noch nie dagewesenen Kampagne zur Pflege der eigenen Marke.

Der Verteidigungsminister zu Guttenberg besucht seine Truppe in Kundus. Doch nicht allein. Die vorweihnachtliche Visite ist Teil einer noch nie dagewesenen Kampagne zur Pflege der eigenen Marke.

Stephanie zu Guttenberg sitzt am Anfang eines langen Holztisches in der Soldatenkantine im Bundeswehr-Feldlager Kundus. Vor sich hat sie ein Tablett mit Suppe, Mohnbrötchen, einer deftigen Reispfanne, wie Bild.de kundig scheibt, und einem Getränk, das nach Apfelschorle ausschaut. Ihr Löffel schwebt über der Suppe, die Frau des Verteidigungsministers blickt lächelnd mit frischem Blick in die Kamera. Sie trägt ein kariertes Holzfällerhemd über einem grauen Rollkragenpullover und graue Jeans zu braunen Lederstiefeln. Neben ihr sitzt eine lächelnde Soldatin.

Es ist ein schönes, friedliches Motiv aus einer kriegerischen Umgebung, es ist ein Bild wie aus einem Kinofilm. Die Nachrichtenagentur dpa verbreitet es an fast alle Medien in Deutschland. Es signalisiert Zusammenhalt, Normalität im Unnormalen. Und damit erfüllt es seinen wesentlichen Zweck. Es ist Teil einer in dieser Form noch nie dagewesenen Kampagne eines deutschen Politikers zur Pflege der Marke seiner Familie, der Marke Guttenberg.

Zu dem Zweck begleitet ihn seine Frau bei dem vorweihnachtlichen Besuch der Truppe in Afghanistan. Es ist, abseits von Wahlkämpfen, das erste Mal, dass eine Politikergattin dermaßen in die Inszenierung ihres Mannes einbezogen wird. Zugleich ist es eine hoch politische Unternehmung. Wie keiner seiner Vorgänger arbeitet Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) daran, den unpopulären, zunehmend blutigen und nicht enden wollenden Krieg in Afghanistan in die Mitte des gesellschaftlichen Bewusstseins in Deutschland zu rücken. Dazu nutzt er nun nicht mehr nur seinen eigenen Glamour-Faktor, sondern auch den seiner Frau.

Und er hat Johannes B. Kerner in seiner Begleitung, der für den Privatsender SAT.1 erstmals eine Talkshow in Afghanistan aufzeichnet, mit Guttenberg und Soldaten. Man habe die Anfrage der Redaktion angenommen, weil eine solche Sendung geeignet sei, die Öffentlichkeit über die Besonderheiten des Einsatzes in Afghanistan durch das unmittelbare Gespräch mit den Soldatinnen und Soldaten zu informieren, sagt ein Ministeriumssprecher.

Waren die Bundeswehr und ihre Militäreinsätze über viele Jahre etwas, das in Deutschland eher desinteressiert wahrgenommen wurde, so will Guttenberg den Krieg zu einem Teil unserer Alltagswahrnehmung machen. Er war der erste, der das lange verpönte K-Wort ausgesprochen hat, er hat keine Scheu, 65 Jahre nach dem militärischen und moralischen Desaster der Wehrmacht wieder Tapferkeitsmedaillen und Orden für den Fronteinsatz an deutsche Soldaten zu verleihen. Er schafft die Wehrpflicht ab und poliert das Ansehen der Berufsarmee auf. Geht es gut, wird die Bundeswehr zum Ort gesellschaftlicher Elitebildung.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist unbestritten DAS Phänomen der deutschen Politik dieser Jahre. Seit Joschka Fischer hat es niemanden mehr mit einem vergleichbaren Charisma, mit ähnlicher traumwandlerischer Sicherheit im Umgang mit dem Publikum gegeben. Und doch verwundert der scheinbar unaufhaltsame Erfolg des jungen Ministers zutiefst. Er widerlegt schon seit geraumer Zeit die Regel, dass, wer in der Politik von Medien gehätschelt und nach oben geschrieben wird, bald das Gegenteil erfährt.

Die Marke Guttenberg

Im Fall Guttenbergs aber „legen sich selbst notorisch hämische Medien ihm kreischend zu Füßen wie Groupies einem Popstar“, hat Wolfram Weimer, Chefredakteur des Focus, beobachtet. Weimer hat das aktuelle Heft fast als Sonderausgabe zu Ehren Guttenbergs gestalten lassen, von dessen Titel dieser als „Der Mann des Jahres“ in die Ferne schaut.

Gewiss hat der Focus das Heft ganz unabhängig von Guttenbergs Terminplänen für diese Woche so produziert. Und doch fällt auf, wie perfekt es die Reise des Ministers begleitet. So, wie die Medien des Springer-Konzern es tun, die sich schon lang als publizistische Leibgarde der Freiherrn und seiner Familie verstehen. Den Auftakt machte Bild am Sonntag mit einer zweiseitigen Reportage über den ersten Reisestopp Stephanie zu Guttenbergs in Nepal, wo sie als „Kinderverteidigungsministerin“ ein Waisenhaus besuchte, das von der Bild-Aktion „Ein Herz für Kinder“ finanziert wird. So hilft man sich gegenseitig, denn natürlich kam auch Guttenbergs Engagement für die Kinderschutzorganisation „Innocence in Danger“, zur Sprache. Das ist Teil der Marke Guttenberg.

Da hilft auch ein Interview im neuen Focus. Dort erfahren wir immerhin von Stephanie zu Guttenberg: „Oh nein, ich bin keine Politikerin und möchte auch keine werden.“ Es spricht eine Privatperson, die gekonnt mit dem Politischen kokettiert. Wie sehr, zeigt die genüssliche Live-Reportage der Online-Ausgabe der Bild-Zeitung vom ihrem Feldbesuch in Afghanistan. Darin hat die junge Frau eindeutig die Hauptrolle: Eine Bilderstrecke mit 26 Fotos zeigt den Guttenbergschen Chic militaire: allein, mit Mann, mit Soldaten, mit Kriegsgerät. Es wirkt wie die Berichterstattung vom Besuch eines Prinzenpaares bei Soldaten und knüpft gleichzeitig perfekt inszeniert an Sehgewohnheiten an, die US-amerikanische Spielfilme prägten.

Kulisse für persönliche Inszenierung

Stephanie zu Guttenberg ist sich ihrer Rolle bewusst. „Das ist kein spaßiger Ausflug, das ist bitterer Ernst“, sagt sie in Kundus. „Das war schon lange mein Wunsch: Ich wollte mir als Frau und Mutter einen Eindruck verschaffen(...)“ Von Angst, sagt sie, „darf man sich hier nicht überwältigen lassen, sonst ist man eindeutig am falschen Platz.“ Bild nennt sie deswegen die „mutigste Baronin Deutschlands“. Sie wolle sich aber nicht davon abhalten lassen, „als Bürger dieses Landes Danke zu sagen“, übrigens auf eigene Kosten. Der Wunsch, seine Frau möge ihn einmal begleiten, sei immer wieder von der Truppe geäußert worden, sagt ihr Mann. „Und gerade in der Weihnachtszeit ist es wichtig, dass man jenen Anerkennung und Unterstützung gibt, die tausende Kilometer von der Heimat entfernt einen harten Dienst absolvieren“, sagt er. „Es ist eine Frage des Herzens.“

Es braucht keine große Fantasie, um zu dem Vorwurf zu gelangen, die Guttenbergs nutzten die Bundeswehr in Afghanistan als Kulisse für ihre persönliche Inszenierung. Genau das warfen ihnen gestern Politiker von SPD und Linken in Berlin vor. Selbstverständlich spielt Neid anderer Politiker auf die Glanzrolle der Guttenbergs auch eine Rolle dabei. Es könnte aber auch sein, dass er mit diesem Auftritt eine Wendemarke erreicht hat.

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