+
Strand von El Arenal, August 2018: Überfüllte Strände sind 2020 kaum zu erwarten. Clara Margais/dpa

Spanien

Inseln in Not

  • schließen

Der Fremdenverkehr in Spanien leidet enorm. Die Szenarien für die Kanaren und die Balearen sind düster.

Mir geht’s gut, danke“, sagt Myriam Barros, Präsidentin des spanischen Zimmermädchenverbandes Las Kellys. Barros lebt und arbeitet auf der Kanareninsel Lanzarote. Die Kanaren erleben das Paradox, dass sie von der Corona-Epidemie vergleichsweise wenig betroffen sind, aber auf mittlere Sicht vermutlich mehr darunter leiden werden als die meisten anderen spanischen Regionen.

„Wir haben seit zwei Tagen keine registrierten Neuinfektionen mehr auf Lanzarote“, sagt Barros. Nur die Balearen trifft es ähnlich hart oder, wer weiß, noch härter. Beide Inselgruppen leben vom Tourismus, und der Tourismus ist tot. Niemand kann vorhersagen, wann er wieder auferstehen wird. „Unser Land wird die touristische Aktivität nicht eher wieder aufnehmen, als bis sie außergewöhnlich sicher ist – für die Menschen, die in Spanien leben, ebenso wie für die, die uns besuchen kommen“, sagte die spanische Finanzministerin und Regierungssprecherin María Jesús Montero am Freitag.

Die Spanier haben sich – manche mehr, manche weniger – daran gewöhnt, möglichst nicht zu weit in die Zukunft zu schauen. Sie haben sich daran gewöhnt, dass Ministerpräsident Pedro Sánchez alle zwei Wochen die Verlängerung des Alarmzustandes um weitere zwei Wochen verkündet. Die schönste Hoffnung, die er den Spaniern bisher gemacht hat, ist die, dass Eltern mit kleinen Kindern – ganz bestimmt! – ab kommendem Montag wieder probeweise auf die Straße dürfen. Nach sechs Wochen Ausgangssperre ohne Spaziergänge oder Sport im Park.

Spanien hat bisher knapp 21 000 Covid-19-Tote registriert. Viele weitere mutmaßliche Opfer, die in Altersheimen oder zu Hause gestorben sind, sind noch nicht erfasst. Neben Belgien ist Spanien das am härtesten von der Epidemie betroffene EU-Land. Natürlich träumen alle vom Strandurlaub, aber eben nur zu „außergewöhnlich sicheren“ Bedingungen.

Jordi Mestre, Präsident des Hotelverbandes Gremi d’Hotels in Barcelona, sagte schon vor zweieinhalb Wochen zur Wirtschaftszeitung „Expansión“, dass die Situation der Tourismusindustrie „katastrophal, um nicht zu sagen: apokalyptisch“ sei. Während der letzten schweren Wirtschaftskrise ab 2008 seien die Leute immerhin auf Reisen gegangen, „wenn wir ihnen sehr gute Angebote machten“. Jetzt aber komme niemand, „selbst wenn wir ihnen das Hotel schenken“. Dabei hat Barcelona einen Vorteil: Es liegt auf dem Festland. Wenn die heute geltenden Restriktionen gelockert werden, dürften sich die ersten Reisenden per Auto auf den Weg machen. Die Urlaubsziele, die eher per Flugzeug zu erreichen sind, leiden länger.

Die Regionalregierung der Balearen hat nun versucht auszurechnen, wie stark die Wirtschaftsleistung der Inseln in diesem Jahr zurückgehen wird. Die Zahlen sind so dramatisch, wie man sie nur aus Kriegszeiten oder aus Venezuela kennt: Falls im Juni bereits wieder erste Touristen kommen sollten, bedeutete das einen Einschnitt des regionalen BIPs für 2020 um 15,5 Prozent, falls sie im August kommen, um 21,8 Prozent. Nur ist nicht absehbar, ob im Juni oder im August in Europa schon wieder Flugzeuge aufsteigen werden. Es kann auch noch schlimmer kommen.

Die Wirtschaft der Balearen hängt laut einer Schätzung des Lobbyverbandes Exceltur zu knapp 45 Prozent vom Tourismus ab, die der Kanaren zu 35 Prozent. Die Atlantikinseln sind besonders hart getroffen, weil dort jetzt Hochsaison wäre, anders als im Mittelmeer, wo es erst im Sommer richtig losgeht. Die Kanarenregierung spricht vom „Kollaps“ und der „größten bekannten Krise des Sektors“.

Viele der zurzeit Unbeschäftigten leben von Kurzarbeitergeld, andere waren nicht fest angestellt und stehen vor dem Nichts. „Da reicht es noch nicht einmal zum Essen“, sagt Myriam Barros. Sie weiß von Kolleginnen, die bei den Sozialbehörden um Hilfe bitten. Die beste Nachricht in der Krise ist, dass die Regierung mit der Einführung einer nationalen Sozialhilfe Tempo macht, in der zweiten Maihälfte soll das Regelwerk verabschiedet werden. Barros rechnet mit einer weiteren Konsequenz: „Hier sind etliche Leute wie ich auf die Inseln gekommen, weil es Arbeit im Gastgewerbe gab. Von denen werden jetzt viele wieder in ihre Heimatorte aufs Festland zurückkehren.“ Die Kanaren – und wohl auch die Balearen – werden Einwohner verlieren. „Immerhin“, sagt Barros, „dann sinken die Mieten.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion