„Manchmal denke ich, irgendwann bricht das hier zusammen.“ Etwa 50 Geflüchtete nutzen diese verlassene Fabrikhalle in Bihac als Unterschlupf. kilian beck (3)
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„Manchmal denke ich, irgendwann bricht das hier zusammen.“ Etwa 50 Geflüchtete nutzen diese verlassene Fabrikhalle in Bihac als Unterschlupf. 

Balkanroute

Die innere Außengrenze

Im bosnischen Una-Sana-Kanton sind Tausende Geflüchtete gestrandet – wenige Kilometer von der EU entfernt. Freiwillige versuchen, ihnen zu helfen. Verhandlungen mit der Polizei gehören dabei noch zu den kleineren Schwierigkeiten.

Die Reflektorstreifen auf Sanela Klepics Jacke blitzen im Licht vorbeifahrender Autos auf. Kurz nach Sonnenuntergang an diesem kalten Frühjahrsabend beginnt der wichtigste Teil ihrer Arbeit als freiwillige Helferin des Roten Kreuzes im bosnischen Kljuc. „Es geht erstmal darum, die Leute zu beruhigen“, sagt sie. Mit den „Leuten“ meint Sanela Klepic die Geflüchteten, denen sie auf deren Weg durch Bosnien-Herzegowina zu helfen versucht.

Vor gut anderthalb Jahren, im Winter 2018, wurde ihr Heimatdorf Kljuc zu einem Dreh- und Angelpunkt der Fluchtroute über den Balkan. Der Ort liegt direkt an der Grenze zwischen dem bosniakischen Una-Sana-Kanton an der bosnisch-kroatischen Grenze und der serbischen Teilrepublik Bosnien-Herzegowinas. Im Grenzkanton ist Geflüchteten die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel verboten. Deshalb hält die Polizei hier alle Busse auf und zwingt die Reisenden dazu, auszusteigen. Am südlichen Ende des Platzes, 20 Meter von der Kantonsgrenze entfernt, steht ein weißer Kastenwagen der Polizei. Einige Minuten nachdem ein junger Polizist einen Bus gestoppt und darin keine Geflüchteten gefunden hat, geht ein älterer Polizist auf fünf Männer zu. Er stellt sich vor den größten von ihnen und herrscht ihn auf Bosnisch an. Die Geflüchteten verstehen ihn nicht, Klepic und ihre Kollegin vermitteln und können die Situation entschärfen.

Vergangenes Jahr verzeichnete die Internationale Organisation für Migration (IOM) knapp 30 000 Geflüchtete, die Bosnien-Herzegowina erreichten. Im März 2020 schätzt das bosnische Sicherheitsministerium die Zahl der Geflüchteten im Land auf 8000 – es scheint also, als sei es den meisten gelungen, das Land zu verlassen. Die einzigen Flüchtlingslager in Bosnien betreibt die IOM, insgesamt sechs Camps, in denen knapp 5000 Menschen untergebracht werden können. Da die Camps voll sind, leben viele Geflüchtete auf der Straße.

Warten oder Cricket spielen: auf dem Fabrikgelände in Bihac.

Versorgt werden sie durch solidarische Freiwillige wie Sanela Klepic. Inoffizielle Camps in Zelten oder verlassenen Gebäuden finden sich überall in den bosniakischen Kantonen der Föderation entlang der Wege zur Grenze. Marion Kraske leitet das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Sarajevo und bezeichnet die Geschehnisse in Bosnien als humanitäre Katastrophe, die sie auf zwei Faktoren zurückführt: „Die lokalen Behörden, die viel zu spät reagiert haben, und die EU, die zu lange gewartet hat, bevor sie eingegriffen hat.“

Sanela Klepic raucht zwei Zigaretten, dann geht sie zur Beifahrerseite des Polizeiautos. Der ältere Polizist öffnet das Fenster. Sie beugt sich zum Fenster und spricht mit ihm. „Er hat sich jetzt beruhigt“, sagt Klepic über den Beamten. Sie kenne ihn schon lange und wisse, warum er sich so benimmt. „Er ist zu faul, sie aus der Stadt abzuholen, wenn sie dort erwischt werden.“ Klepic erklärt das Problem, das sie gerade haben: „Im Wald wartet ein Taxi auf sie“. Ohne öffentliche Verkehrsmittel gibt es für Geflüchtete nur zwei Wege an die Grenze. Entweder nehmen sie ein Taxi, was häufig mehr als hundert Euro kostet, oder sie gehen zu Fuß ins gut hundert Kilometer entfernte Bihac. Einige Minuten später steigt der Polizist aus dem Auto, er und Sanela Klepic wechseln ein paar Worte. Danach geht sie zu den Geflüchteten, spricht kurz mit ihnen. Sie stehen auf und verschwinden in die Dunkelheit. „Seid vorsichtig!“, ruft sie ihnen hinterher.

In der Nachmittagssonne, einige Stunden zuvor, hatte Sanela Klepic erzählt, wie alles mit einem Anruf begann, damals, im November 2018: „Es geschieht etwas, ein Bus ist gestoppt worden“, sagte ihr jemand aus ihrem Heimatdorf. Er erreichte sie bei einer Freundin, gemeinsam mit ihr rannte Klepic sofort los. In der Parkbucht an der Kantonsgrenze nach Sarajevo fanden sie ungefähr vierzig Geflüchtete. „Da waren schwangere Frauen, Kinder und Alte unter ihnen, dann haben wir uns zusammengerauft“, erzählt sie. Die ganze Gemeinde brachte Jacken, Decken und Feuerholz. „Danach hat es nicht mehr aufgehört“, sagt Sanela Klepic, „es hat mich reingezogen, weil ich selbst mal ein Flüchtling war.“ Als 1992 der Bosnienkrieg ausbrach, floh sie als Elfjährige mit ihrer Familie in die Schweiz.

25 Jahre nach Kriegsende ist Bosnien-Herzegowina ein geteiltes Land, bestehend aus einer bosniakisch-kroatischen Föderation und einer serbischen Republik, unter dem Dach einer schwachen Zentralregierung in Sarajevo. Beide Teilstaaten sind weitestgehend voneinander unabhängig und arbeiten Beobachtern zufolge auch oft gegeneinander an. Die Regierung der serbischen Teilrepublik weigert sich konsequent, Geflüchtete auf ihrem Territorium zu dulden – einzig die Durchreise wird gewährt. In der bosniakischen Föderation wiederum dürfen sich Geflüchtete zwar aufhalten, aber der Staat nimmt sie auch nicht auf. Erich Rathfelder ist Balkankorrespondent der Tageszeitung „taz“ und berichtet seit den Jugoslawienkriegen aus der Region. Er sagt: „In den kroatisch dominierten Kantonen ist es ähnlich wie in der serbischen Teilrepublik, dort kann sich kein Migrant aufhalten.“ Rathfelder sieht in diesem Vorgehen auch einen Versuch seitens der serbischen Teilrepublik, die bosniakisch-kroatischen Gebiete zu destabilisieren.

Während die EU und der bosnische Staat den Geflüchteten kaum helfen, schultern auch internationale Freiwillige wie Dirk Planert die Last. Der Journalist arbeitet seit Juni 2019 als freiwilliger Helfer im Una-Sana-Kanton. Mit dem Aufbau der Freiwilligenambulanz im Flüchtlingslager Vucjak fing für ihn alles an. Auf der ehemaligen Müllhalde bei Bihac gab es laut Planert keine Möglichkeit, sich oder die eigene Kleidung zu Waschen, und kaum medizinische Hilfe. „Vucjak ist ein gefährlicher Ort, als wir dort ankamen, gab es dort Schlangen und Bären“, sagt Kamran, einer der ersten Geflüchteten, die nach Vucjak gebracht wurden.

Šuhret Fazlic, der Bürgermeister der Kleinstadt, ordnete im Juni 2019 an, alle Geflüchteten, die auf Bihacs Straßen aufgegriffen wurden, nach Vucjak zu bringen. Die Vertretung der Vereinten Nationen in Bosnien-Herzegowina warnte kurz darauf vor Minenfeldern, die sehr nahe an der Müllhalde liegen. Im Oktober 2019 betonte Fazlic öffentlich, dass er dort gute Verhältnisse geschaffen hätte. Dirk Planert sieht das anders, er sagt: Bis Mitte Dezember 2019 seien in Vucjak „Menschen weggeschmissen“ worden. In der Zwangsumsiedlung auf die Müllkippe in Vucjak sieht auch Marion Kraske eine vorläufige Eskalationsspitze der humanitären Krise in Bosnien: „Das ist passiert, weil die Lokalpolitiker allein gelassen wurden.“

Care fordert humanitäre Standards

Die internationale Hilfsorganisation „Care“ hat kürzlich einen Bericht veröffentlicht über die Situation der rund 7 200 Geflüchteten und Migranten in Bosnien und Herzegowina. Besonders dramatisch sei die Situation für diejenigen, die außerhalb der offiziellen Camps leben. Im Januar verzeichnete Bosnien und Herzegowina laut Care rund 30 Prozent mehr Ankünfte von Flüchtlingen und Migranten als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Im Nordosten des Landes hätten mehr als drei Viertel der Geflüchteten keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen.
Der Report zeige zudem, dass für die Mehrheit der Männer, Frauen und Kinder die Mindeststandards einer sicheren Unterkunft und der grundlegenden Ernährung nicht erfüllt sind. „Das Camp Bira, das auf 1600 Menschen ausgelegt ist, beherbergt aktuell über 3000 Menschen. Social Distancing ist hier unmöglich“, berichtet Tim Clancy von Pomozi.ba, einer Partnerorganisation von Care. „Die Menschen außerhalb der Lager leben im Verborgenen, in ständiger Angst, in ein überfülltes Lager geschickt zu werden, wo die Ansteckungsgefahr viel höher wäre. Die Situation auf den Straßen ist ebenfalls sehr schwierig, nur eine Handvoll Freiwilliger kann die Flüchtlinge erreichen.“

Die Situation spitze sich weiter zu, seit das Verteilen von Essen, Wasser und Artikeln des täglichen Bedarfs auf der Straße verboten ist. Es werde für Helfer immer schwieriger, die Menschen auf den Straßen zu erreichen. Auch psychologische Betreuung für Menschen, die Polizeigewalt an der kroatischen Grenze erfahren haben, kommt zu kurz. „Leider wird der prekären Situation der Flüchtlinge und Migranten in Bosnien und Herzegowina derzeit noch weniger Aufmerksamkeit geschenkt als vor der Corona-Krise“, erklärt Care-Regionaldirektorin Sumka Bucan. dpa

Und was ist mit der IOM? Peter Van der Auwaert ist IOM-Repräsentant in Bosnien und begründet die Untätigkeit seiner Organisation so: „Wenn ich im Namen der IOM handle, muss ich einen Mindeststandard garantieren können, den ich in Vucjak nicht garantieren konnte.“ Marion Kraske kritisiert diese Einstellung: „Das greift zu kurz, die Menschen waren trotzdem dort untergebracht und brauchten Hilfe“. Als diese Krise vorbei war, begann Dirk Planert in die Wälder des Pljesevica-Gebirges um Bihac zu fahren. Dort half er den Menschen, die von der kroatischen Polizei aufgegriffen worden waren. „Der einzige Unterschied zwischen dieser sogenannten gesicherten Grenze und einer offenen ist ein unfassbares menschliches Leid, das dazwischen liegt“, sagt er.

Für die Geflüchteten in Bosnien führt der einzige Weg nach Westeuropa durch Kroatien, daher versuchen die meisten es so lange, bis sie es geschafft haben. Überquert die Gruppe aus Kljuc die kroatische Grenze, wartet dort anstatt eines Asylverfahrens Zurückweisung. Das Abweisen von Geflüchteten ohne Prüfung ihres Anspruchs auf Asyl wird auch als Push-Back bezeichnet: Ende Februar 2020 verzeichnete das Border Violence Monitoring Network bereits 215 Push-Backs. In dem Netzwerk kooperieren verschiedene NGOs, die auf dem Balkan arbeiten, und dokumentieren auch Gewalt als Auswuchs der Zurückweisung. „Der Zugang zu einem Verfahren, in dem Asyl beantragt werden kann und geprüft wird, muss gewährleistet sein“, sagt Professorin Anuscheh Farahat, die Völkerrecht und Migrationsrecht an der Universität Erlangen lehrt.

Nach dem Grenzposten in Kljuc ist die nächste größere Ortschaft Bihac. „Letzten Sommer ruhte die ganze Last der Balkanroute auf Bihac“, sagt Erich Rathfelder. Ungefähr zwei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt das Bira-Flüchtlingscamp der Internationalen Organisation für Migration. Die letzte Abbiegung davor führt zur ehemaligen Kra-Inamet-Metallfabrik. Da das IOM-Camp Bira voll ist, müssen gut hundert Menschen auf dem Fabrikgelände Unterschlupf suchen.

Sanela Klepic floh einst selbst vor dem Krieg – heute hilft sie den Geflüchteten.

Hundert Meter hinter der Zufahrt spielen einige junge Männer Cricket. Insgesamt sind es etwa 50 Jungen und Männer, die zusammensitzen oder über das Gelände streifen. Etwas abseits sitzen fünf Männer im Kreis. „Ich bin Idris*“, stellt sich ein Mann mit Sieben-Tage-Bart vor. Über einen Trampelpfad durch Gestrüpp geht Idris in die Fabrik. In dem Raum, den er betritt, sitzen zwei Männer am Feuer. Auf dem Boden liegen Decken. „Hier schlafen wir“, sagt er. Das Feuer verteilt überall Asche. Durch ein Fenster, aus dem das Glas herausgebrochen ist, zieht der Rauch ab. Nach einem Becher Tee zeigt Idris das Dach der Fabrik. Hinter dem Gebäude, das den Geflüchteten als Unterschlupf dient, liegen die Trümmer eines zweiten Gebäudes. „Im Krieg ist die Fabrik bombardiert worden“, sagt Dirk Planert, der damals vor Ort war.

Idris setzt sich auf den Sims des Daches und erzählt von seiner Flucht. Im Sommer 2019 verließ er Afghanistan, floh vor seiner Familie und den Taliban. Über den Iran und die Türkei kam er an die griechische EU-Außengrenze. In Istanbul heuerte er mit anderen Geflüchteten einen Schlepper an. „Der hat uns gesagt, dass wir zwei oder drei Stunden laufen müssen und dann von einem Auto eingesammelt werden“, erzählt Idris. Als sie aber die Grenze überquert hatten, mussten sie insgesamt acht Nächte laufen. „Wir hatten nicht genug Essen dabei, wir überlebten acht Tage, ohne etwas zu essen.“ Zwei Tage warteten sie am Treffpunkt darauf, abgeholt zu werden. Dann fuhr ein Kleinbus vor, viel zu klein für die 37 Menschen, die dort warteten. Hätte die griechische Polizei den Wagen nicht in Komitini, etwa 100 Kilometer von der Grenze entfernt, gestoppt, wären sie erstickt, davon ist Idris überzeugt. Die Schlepper flohen, 26 aus der Gruppe wurden direkt wieder in die Türkei abgeschoben. Im Juli 2019 forderte die Organisation „Human Rights Watch“ die Vereinten Nationen auf, Vorwürfe von misshandelten Geflüchteten und Push-Backs gegen griechische Beamte zu prüfen.

Nach gut zwei Monaten in einem griechischen Erstaufnahmelager machte sich Idris über Thessaloniki auf den Weg nach Norden. Über Nordmazedonien und Serbien erreichte er schließlich Bosnien. Als er im Bus nach Bihac saß, wurde dieser in Kljuc gestoppt – und er musste aussteigen. „Wir mussten für hundert Euro ein Taxi nehmen“, sagt Idris. Er hoffte, in einem der Camps unterzukommen, wurde aber abgewiesen. „Jetzt leben wir in dieser alten Fabrik“, sagt Idris, „manchmal denke ich, irgendwann bricht das hier zusammen.“

Idris hat es einmal an der kroatischen Grenze versucht. An der ersten Straße, die sie überqueren mussten, wurden sie von der kroatischen Polizei aufgegriffen. Er seufzt: „Wir flohen und wollten es am frühen Morgen nochmal versuchen.“ Sie versteckten sich im Wald, bis sie die Straße im Schutz der Dunkelheit überqueren konnten. Um Mitternacht kehrten sie zurück, doch die Polizisten waren noch da und griffen die Gruppe erneut auf. „Sie nahmen uns die Handys und unser Gepäck weg“, erzählt Idris, und zerstörten alles vor ihren Augen. Einigen aus der Gruppe raubten die Beamten auch noch sämtliches Bargeld, bevor sie sie abschoben. Völkerrechtlerin Anuscheh Farahat sieht darin einen Verstoß gegen das in der Europäischen Menschenrechtskonvention verankerte Verbot der Kollektivausweisung. Auch in den Push-Back-Berichten des Border Violence Monitoring Network werden Schläge, Tritte und Raub erwähnt. „Die willkürliche Gewalt an sich ist ein Rechtsbruch“, betont Anuscheh Farahat.

Auch für Idris passt das Handeln der EU-Mitgliedsstaaten an den Außengrenzen nicht zu dem, was sich die EU auf die Fahne geschrieben habe: „Ihr sagt uns, alle, die fliehen müssen, sind willkommen, aber ihr sagt Kroatien und Ungarn, dass sie die Leute nicht reinlassen sollen.“ Und dann sagt er noch ohne Zittern in der Stimme: „Wenn sie uns nicht wollen, dann sollen sie uns direkt wieder nach Hause abschieben.“ Aber solange er in Bosnien ist, wird er weiter versuchen, ein Land zu erreichen, das ihn aufnimmt. „Eines Tages, das hoffe ich, wird diese Grenze offen sein“, sagt Idris.

*Name geändert

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