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Sie demonstrieren am 6. Oktober für ihren Bürgermeister, der unter Hausarrest steht.

Italien

Innenminister Salvini will Migranten umsiedeln

Riace sollte zu einem Vorzeigeprojekt für die Integration von Flüchtlingen in Italien werden. Doch erst wurde der Bürgermeister des Dorfes wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung festgesetzt, nun sollen die Migranten gehen.

Zehn Tage nach der Festnahme des Bürgermeisters von Riace hat das italienische Innenministerium angeordnet, die Migranten umzusiedeln, die derzeit in dem süditalienischen Dorf leben. Die Menschen würden von kommender Woche an in andere Flüchtlingsunterkünfte in Italien gebracht, teilte das Ministerium am Samstag mit. 

Riaces Bürgermeister Domenico Lucano, der durch die erfolgreiche Integration von Flüchtlingen europaweit bekannt geworden war, steht unter Hausarrest. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, Scheinehen zwischen Bewohnern seines Dorfes und Migrantinnen arrangiert zu haben. Außerdem soll er die Müllentsorgung in Riace ohne Ausschreibung an Kooperativen von Migranten vergeben haben.

Lucanos Idee war, das Dorf in Kalabrien, das wegen Abwanderung vom Aussterben bedroht war, mit der Hilfe von Migranten wiederzubeleben. Das Dorf nahm in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer wieder Menschen aus Afghanistan, Eritrea oder dem Irak auf und quartierte sie in leerstehenden Häusern ein. Die Dorfschule wurde wieder geöffnet, von Flüchtlingen und Dorfbewohnern neu eröffnete Geschäfte und Ateliers zogen Touristen an. 

Mittel der staatlichen Flüchtlingshilfe flossen in eine Sozialkooperative, die größter Arbeitgeber ist und juristische, medizinische, psychologische Betreuung bietet. Auch die Straßenreinigung ist multikulturell. Flüchtlinge und Einheimische bauen zusammen Obst und Gemüse an, töpfern, weben. So wurde das „Dorf des Willkommens“ zu einem Vorzeige-Integrationsprojekt. Laut italienischen Medien wohnen derzeit rund 200 Einwanderer in dem kleinen Ort.

Lucano erhielt zahlreiche Auszeichnungen. 

So wurde er 2016  von der Zeitschrift „Fortune“ in die Liste der 50 einflussreichsten Persönlichkeiten aufgenommen. In Deutschland gewann er den Dresdner Friedenspreis. Der Regisseur Wim Wenders drehte einen Film über ihn. Er sagte seinerzeit: „Die wahre Utopie ist nicht der Mauerfall, sondern das, was in Riace erreicht wurde.“ 

Seit dem Sommer regiert in Italien eine Regierung aus der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung und der rechtsextremen Lega. Vor allem Vizeregierungschef und Innenminister Matteo Salvini von der Lega-Partei verfolgt einen flüchtlingsfeindlichen Kurs. Er lässt etwa keine Schiffe von Hilfsorganisationen mehr in italienische Häfen und will Asylbewerber in größeren Flüchtlingszentren unterbringen.

Im Fall von Riace will Salvini offenbar verhindern, dass sich andere italienische Städte und Dörfer die Modellgemeinde zum Vorbild nehmen. Salvini hatte Lucanos Festnahme begrüßt und die „Gutmenschen“ kritisiert, „die Italien mit Einwanderern vollstopfen wollen“. Nun sagte er: „Wer einen Fehler macht, muss dafür bezahlen. Man darf keine Unregelmäßigkeiten bei der Verwendung öffentlicher Gelder dulden, auch nicht wenn es die Entschuldigung gibt,

Viele Menschen, darunter Prominente wie der Anti-Mafia-Autor Roberto Saviano, hatten gegen Lucanos Festnahme protestiert. Er selbst sagte, die Regierung wolle seine Projekte zerstören. (afp/dpa/FR)

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