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LITERATUR

Inkognito unter Folterern

Ausgerechnet beim Friseur durchfuhr Miguel Littín der wahrscheinlich größte Schreck seines Lebens. "Seltsam, Sie haben ja gezupfte Augenbrauen," hatte die

Von Silke Hohmann

Ausgerechnet beim Friseur durchfuhr Miguel Littín der wahrscheinlich größte Schreck seines Lebens. "Seltsam, Sie haben ja gezupfte Augenbrauen," hatte die Friseurin gemurmelt, und das war es, das Schrecklichste, das ihm widerfahren konnte. Denn wer konnte schon wissen, ob sie nicht dem Geheimdienst des Diktators Pinochet zuarbeitete. Wer konnte schon wissen, ob sie die gezupften Brauen wirklich so seltsam fand. Wer konnte überhaupt schon irgend etwas Genaues wissen, im Jahr zwölf der Militär-Diktatur in Chile, als der Filmemacher Miguel Littín seine Verbannung nicht mehr aushielt und in seine Heimat zurückkehrte, mit gefälschter Identität und gezupften Augenbrauen.

1985 kam der einst hoch dekorierte, linke chilenische Regisseur, der vor der Pinochet-Regierung nach Europa geflohen war und dem als einer von 5000 Geächteten die Rückkehr in sein Land auf immer verwehrt sein sollte, zurück. Als angeblicher Geschäftsmann aus Urugay, mit Anzug und starker Sehhilfe kostümiert. Ganz offiziell und unter den Augen des Regimes wollte er den beiden Passionen seines Lebens nachgehen: wieder in seinem Heimatland zu leben und zu filmen.

Mit drei unabhängigen Filmteams aus Europa, die nichts voneinander und von dem eigentlichen Vorhaben wussten, reiste er unter dem Vorwand ein, kulturelle, naturwissenschaftliche oder Wirtschaftsfilme zu machen. In Wahrheit drehte Littín die Dokumentation eines geschundenen, geknechteten Landes, dem ein grausamer Diktator wirtschaftliche Prosperität schenkte und ihm die gesamte intellektuelle Grundlage raubte, durch Vertreibung, Folter und durch Mord.

Die aufgezeichneten Berichte des Miguel Littín gibt Gabriel Garcia Marquez getreu seiner Tonband-Aufzeichnungen wieder. Es ist also kein versponnen-liebevolles Marquez-Südamerika-Buch, sondern eines, das mit den klugen, aufgekratzen, manchmal eitlen Worten eines Radikalen eine unglaubliche Geschichte erzählt. Das ist packend, bisweilen schmerzend, und spannender als jeder Roman von John Grisham. Es geht um Codeworte, das Schmuggeln von Filmmaterial außer Landes, das Treffen mit der eigenen Mutter, die Littín nicht als ihren Sohn erkennt. Es geht um gefolterte Freunde, um die Gräueltaten in den Bergbauminen und im Estadio Nacional, und um das junge Pärchen, das im benachbarten Hotelzimmer mit einer Bazooka versuchte, Pinochet im Regierungspalast zu treffen und selbst dabei umkam.

Dabei wirkt Miguel Littín keineswegs immer so sympathisch, wie er sich selbst darstellt. Eine Pest für seine Untergebenen muss er damals gewesen sein, und eine Qual für jede Frau, die in dem Geheim-Unternehmen nach seiner Pfeife tanzen musste. Der mittlerweile wieder in besten Kreisen in Santiago verkehrende Filmemacher, der seine alten Cordhosen gegen feines Tuch eingetauscht hat und im verhassten Club de la Union an der Calle Huerfanos speist, ist nicht nur die mutige Lichtgestalt, sondern auch ein verstockter Improvisator, ein seines Individualismus allzu bewusster Macho schweren Kalibers - wenn auch ein äußerst heldenhafter. "Haben Sie etwa was gegen Schwule?" fragte er mit extra-tuntigem Augenaufschlag seine unfreiwillige Peinigerin, die Friseuse.

Sie ließ ihn verwirrt gehen.

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