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Wütende Gelbwesten demonstrieren in Paris.

Frankreich

Eine Gelbwesten-Ikone kehrt den Radikalen den Rücken

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Ingrid Levavasseur, Medienstar der Gilets jaunes, hat die Nase voll vom Krawall.

Ingrid Levavasseur hat nur gut eine Stunde Zeit, bevor ihr Zug in die Normandie abfährt. Nach langem Überreden ist sie bereit, in Paris noch einmal Journalisten zu treffen. Auch davon hat sie mehr als genug: Die 31-jährige Krankenpflegerin möchte die französische Hauptstadt so schnell und so weit wie möglich hinter sich lassen. Warum? „Ich kann nicht sagen, dass meine Erfahrungen hier sehr angenehm waren“, meint die junge Frau. Nein, es sei sogar „hypergewalttätig“ gewesen – „knallhart“, korrigiert sie sich im Bistro beim Gare Saint Lazare, wo die Züge nach Norden abfahren.

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Viele Gäste schauen sich um, als die Frau mit den langen roten Haaren eintritt. Ingrid Levavasseur ist in Frankreich ein Name – und noch mehr ein Gesicht. Das Gesicht gehört zu einer, die mit gelber Warnweste unter den Ersten dabei war, als Ende 2018 ein Verkehrskreisel südlich von Rouen gesperrt wurde. Als die Fernsehkameras eintrafen, erzählte sie ihnen, wie es die Leute in der Gegend immer schwerer hätten, zum Monatsende hin noch über die Runden zu kommen.

Ingrid Levavasseur brachte Premierminister Edouard Philippe ins Stottern

Die ruhige, klar argumentierende Frau widersprach völlig dem inzwischen gängigen Bild schimpfender Autofahrer, die Radargeräte zerstörten und auf den Champs-Élysée Pflastersteine warfen. Alsbald wurde sie in die wichtigsten Fernsehsendungen eingeladen. Mit fester Stimme sagte sie dort, Macron verachte die kleinen Leute, für die es wichtig sei, nicht fünf Euro mehr Steuern zu bezahlen, sondern im Gegenteil 50 Euro mehr zu verdienen. Während ihre Kumpels Politikern über den Mund fuhren, blieb die junge Frau stets höflich – und dennoch auch unnachgiebig in der Sache –, Premierminister Edouard Philippe brachte sie damit sogar ins Stottern.

Ohne etwas groß auszuschmücken, erzählte die Pflegerin der französischen Fernsehnation, wie sie in ihrem Normandienest mit einem Monatssalär von 1250 Euro lebt. Dazu bezieht sie ganze 95 Euro an Sozialhilfe, obwohl sie seit ihrer Scheidung allein zwei Kinder im Grundschulalter aufzieht. 

An den Protestaktionen in Paris konnte sie nur teilnehmen, weil ihre Mutter ihr mit Geld unter die Arme griff. Das überzeugte die Franzosen mindestens so sehr wie ihre Ausführungen über den schleichenden Verlust der Kaufkraft von Geringverdienern. „Anfangs war unser Diskurs kohärent und einheitlich“, meint Levavasseur rückblickend. 

Im Januar kündigte die Normannin an, sie werde bei den Europawahlen im Mai eine „gelbe“ Wahlliste bilden, um den Anliegen der Gilets jaunes Gehör zu verschaffen. „Um politisch etwas zu erreichen, ist es unerlässlich, sich zu organisieren und zu strukturieren“, redete sie jenen Mitstreitern ins Gewissen, die von der Politik gar nichts wissen wollten.

Als „Hure“ beschimpft

Ihrer Liste mit dem Namen „Sammlung der Bürgerinitiative“ wurde in Umfragen aus dem Stand bis zu 13 Prozent gutgeschrieben. Damit lag sie wohl hinter der Macron- wie hinter der Le-Pen-Partei – aber noch vor den Republikanern, den Sozialisten und den linken „Unbeugsamen“ von Jean-Luc Mélenchon.

Ingrid Levavasseur.

Das gefiel nicht allen. Nicht einmal allen Gelbwesten. „Mit einem Mal wurde ich persönlich angegriffen und in den sozialen Medien schlechtgemacht“, erinnert sich Levavasseur. „Plötzlich kam der ganze Machoaspekt der Bewegung hoch.“ An einem Umzug wurde Levavasseur als „Dreckshure“ beschimpft und schließlich auch so eingekeilt, dass ihre Begleiter sie aus dem Gedränge herausholen mussten. Radikale Gelbwesten und „Unbeugsame“ riefen ihr nach, sie sei eine „Agentin Macrons“. Nur weil sie mal nebenbei erzählt hatte, sie habe im zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahlen 2017 wie so viele für Emmanuel Macron gestimmt. Und auch nur, damit Marine Le Pen nicht gewählt würde. Im ersten Wahlgang hatte Levavasseur für den sozialistischen Kandidaten Benoît Hamon ihr Kreuzchen gemacht.

Den tieferen Grund für die persönlichen Attacken sieht Levavasseur darin, dass sie mit ihrer Liste sowohl Mélenchons Truppe als auch den Rechtspopulisten – die alle von der Gelbwestenkrise zu profitieren hoffen – Stimmen wegzunehmen drohte. „Die extremistischen Parteien haben die Bewegung der Gilets jaunes völlig unterwandert. Viele Exponenten sympathisieren mehr oder weniger offen mit Mélenchon oder Le Pen. Ich habe an den Demos viele Mitglieder dieser Parteien getroffen – und die wurden seltsamerweise nie ausgebuht wie ich.“

Sogar ihre Liste erwies sich bald als durchlässig: Ihr Sprecher Christophe Chalençon äußerte Sympathien für rechte Ideen wie den Einsatz „paramilitärischer Kräfte“, um die Macron-Regierung zu stürzen. Ohne Levavasseur zu informieren, lud er Italiens Arbeitsminister Luigi di Maio von der „Fünf-Sterne-Bewegung“ – Sohn eines Immobilienunternehmers mit Verbindungen zu den Neofaschisten – ein und ließ sich mit ihm ablichten. Von ihren eigenen Mitstreitern so desavouiert, gab die Chefin den Rückzug aus ihrer Liste bekannt.

Lieber lokales Engagement

Ihr Entscheid hat nun auch Außenstehenden das chaotische Innenleben der Gilets jaunes drastisch vor Augen geführt. Er zeugt vom Niedergang einer Bewegung, deren erste Forderung nach einer Senkung der Benzinsteuer eigentlich landesweit sehr populär war. Am vorigen Wochenende demonstrierten nur noch 22.000 Gelbwesten in ganz Frankreich. Zunehmend radikalisiert, pflegten sie auch Kontakte zum Schwarzen Block, meint Levavasseur, die selbst nicht mehr an den Umzügen teilnimmt. „Ich will mich nicht ständig gegen den Vorwurf verteidigen, ich würde Verrat an der Bewegung begehen, ich sei nicht ‚legitim‘. Jetzt gebe ich es auf, obwohl ich sicher legitimer bin als die verdeckten Trittbrettfahrer der Parteien.“

Die Normannin will lieber in ihrer Region einen Verein für alleinerziehende Mütter gründen. Bei den Kommunalwahlen von 2020 gedenkt sie mit einer Partei namens „Demokratisches Erwachen“ in ihrer Gemeinde anzutreten. Von Macron erwartet sie nichts: „Seine Bürgerdebatte wird nicht zu wirklichen Verbesserungen für uns führen. Das Leiden und der Zorn der Landbevölkerung bleiben“, meint sie – und warnt: „Wenn dagegen nicht wirklich was unternommen wird, ist die nächste soziale Explosion programmiert.“ Nach einem Blick auf die Uhr springt Ingrid Levavasseur auf: ihr Zug. Um sie in die Normandie und zu ihrer Familie zurückzubringen. In Paris, wo sie zwei Monate lang ein Medienstar war, hält sie nichts mehr.

Andere hingegen wollen dieProteste der Gelbwesten weiterführen. 

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