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Im nordchinesischen Shijiazhuang wird wieder produziert – aber viele Werke in China bleiben zu.  

Wirtschaft

Infiziert Corona die Weltwirtschaft?

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  • Andreas Niesmann
    Andreas Niesmann
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An den Börsen macht sich die Panik breit – aber bisher halten sich die Folgen für die Realwirtschaft in Grenzen.

Plötzlich ist wieder 2008 – zumindest in den Wirtschaftsteilen mancher Zeitungen. Von einem Würgegriff für die Weltkonjunktur ist da die Rede, einer Halbierung des globalen Wachstums, einer drohenden Rezession. Die OECD warnt vor unabsehbaren Auswirkungen und gravierenden Folgen für den Wohlstand der Menschheit. Fast so, als wäre die Lehman-Bank ein zweites Mal pleite gegangen. Doch anders als 2008 sind es keine größenwahnsinnigen Banker, die für Schweißausbrüche in den Konzernzentralen sorgen. Es ist eine der kleinsten organischen Strukturen der Welt. SARS-CoV-2. Im Volksmund: Corona.

Rund 100 000 Menschen sind weltweit an der durch das Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 erkrankt, mehr als 3200 daran gestorben. Vier Fünftel der Fälle stammen aus China. 349 bestätigte Krankheitsfälle meldete das Robert-Koch-Institut für Deutschland– Tendenz steigend.

Neben persönlichen Folgen für die Erkrankten bedeutet jeder einzelne Fall auch eine Mini-Schwächung der Wirtschaft. Erkrankte können nicht arbeiten, nicht am öffentlichen Leben teilnehmen, nur eingeschränkt konsumieren – und wegen der Quarantäne-Maßnahmen gilt das oft auch für Angehörige und Freunde. Immer mehr Ökonomen glauben, dass der Corona-Ausbruch derzeit das größte Risiko für die Weltwirtschaft darstellt. Vergessen scheinen die Sorgen vor Brexit oder einem chinesisch-amerikanischen Handelskrieg. Das neue Schreckgespenst der Wirtschaft heißt Corona.

An den Börsen herrscht Panik. Knapp 2000 Punkte hat der Dax im Vergleich zu seinem Rekordhoch Mitte Februar verloren, etwa ein Siebtel. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass eine Kurskorrektur lange erwartet worden war. Und dass sich die Corona-Folgen für die Realwirtschaft bislang in Grenzen halten. Um 0,2 Prozentpunkte hat der Kreditversicherer Euler Hermes seine Wachstumsprognose für das weltweite Bruttoinlandsprodukt in Folge der Corona-Welle nach unten korrigiert, auf 2,2 Prozent. Das wäre im Vergleich zu den zurückliegenden Jahren ein schwacher Wert, aber ein Wachstum.

In Deutschland hingegen wächst inzwischen die Gefahr einer Rezession. Damit meinen Ökonomen, dass die Wirtschaft in zwei aufeinander folgenden Quartalen nicht wächst, sondern schrumpft. Der Industrieverband BDI sieht die Gefahr dafür erheblich gestiegen. „Das wirtschaftliche Wachstum droht, fast zum Erliegen zu kommen“, heißt es im Quartalsbericht des Lobbyverbandes. Komme es nicht zu einer wirtschaftlichen Normalisierung in den von der Coronavirus-Epidemie betroffenen Ländern im zweiten Quartal, erwartet der BDI für Deutschland für das Gesamtjahr einen Rückgang der Wirtschaftsleistung.

Zieht sich eine Rezession länger hin, kann das für jeden Einzelnen unangenehme Folgen haben. Unternehmen brechen Aufträge weg, können gezwungen sein, Personal freizusetzen. Nicht nur die Arbeitsplatz-Sicherheit wird geringer – Gewerkschaften fällt es schwerer, Lohnforderungen durchzusetzen. In der Regel hält der Einzelne sein Geld zusammen, was dazu führt, dass auch die Binnennachfrage schwächelt, weniger Waren und Dienstleistungen gekauft werden.

Neun Rezessionen hat es in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben. Mal sind es äußere Einflüsse, die zu länger anhaltendem Minus-Wachstum führen, mal ist das Ganze Folge tiefgreifenden Strukturwandels. In jedem Fall aber gerät die Politik unter Zugzwang – wie nach der Lehman-Pleite, als die deutsche Wirtschaft um bis zu 6,9 Prozent schrumpfte. Olaf Scholz (SPD), heute Vizekanzler, damals Arbeitsminister, erfand die „Rentengarantie“ – ein Gesetz, das für den Fall der Fälle ein rechnerisch notwendiges Absinken der Bezüge von gut 20 Millionen Rentnern verhindern sollte.

Die Krise von 2008/2009 ist immer noch ein Referenzpunkt der wirtschafts- und sozialpolitischen Debatte. Mit milliardenschweren Konjunkturmaßnahmen und großzügigen Regelungen für Kurzarbeit gelang es damals, einen rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Und immer wenn es jetzt um drohendes Ungemach geht, wird auf die heute anders als damals hohen Rücklagen der Bundesagentur für Arbeit verwiesen – inzwischen 26 Milliarden Euro.

„Wir sind gut aufgestellt und behalten die Entwicklung aufmerksam im Blick. Mit dem Kurzarbeitergeld haben wir ein starkes Instrument, das sich bewährt hat“, sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) am Donnerstag dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. „Wenn es zu Lieferengpässen infolge des Coronavirus kommt, die zu Arbeitsausfällen führen, kommt für die Beschäftigten ein Anspruch auf Kurzarbeitergeld in Betracht.“ Auch wenn ein Betrieb auf behördliche Anordnung schließen müsse, könne Kurzarbeit greifen. „Die Bundesagentur für Arbeit ist personell und finanziell gut aufgestellt.“

Kurzarbeitergeld bedeutet, dass für zunächst zwölf Monate bis zu 67 Prozent des wegfallenden Lohns ersetzt werden. Kommende Woche soll ein Gesetz im Kabinett grünes Licht erhalten, mit dessen Hilfe Kurzarbeit erheblich ausgeweitet werden kann. So weit aber ist es noch nicht. Hoteliers, Messebauer und Fluggesellschaften spüren die Auswirkungen der Corona-Krise bereits deutlich, andere Unternehmen aber können deren Folgen noch gut beherrschen. Selbst wenn die in diesen Tagen häufig zitieren Container aus China in den kommenden Wochen nicht mehr in Deutschland ankommen, heißt das noch lange nicht, dass die Produktionsbänder stillstehen. Weil Unternehmen um ihre Verwundbarkeit durch Just-in-Time-Produktion und globalisierte Warenströme wissen, haben sie Maßnahmen entwickelt, um ihre Produktion auch in Krisenzeiten aufrecht zu erhalten.

Das Besondere an der Corona-Krise allerdings ist, dass nicht nur die Lieferketten gefährdet sind, sondern auch die Gesundheit der Angestellten. Erschwerend hinzu kommt, dass auch der Absatz auf dem wichtigen chinesischen Markt zurückgegangen ist. „Die Gesundheit unserer Mitarbeiter versuchen wir, unter anderem durch Beschränkungen von Geschäftsreisen und umfangreiche Hygienemaßnahmen zu schützen,“ sagt etwa Markus Richter, Sprecher des Automobilzulieferers Hella. Beim Absatz allerdings ist das Unternehmen weitgehend machtlos. „Wir hoffen, dass sich die Lage in China bald stabilisiert und die Nachfrage wieder anzieht“, so Richter.

Auch im Bundeswirtschaftsministerium schätzt man die Lage bislang als beherrschbar ein. Minister Peter Altmaier (CDU) hat eine Hotline eingerichtet, bei der sich Unternehmen über die Lage und Hilfsangebote der Bundesregierung informieren können. Etwa 50 Anrufe pro Tag kommen dort an – meist von Klein- und Mittelständlern. Altmaier hat einen Drei-Stufen-Plan verkündet. In der derzeit laufenden Stufe eins sollen Unternehmen Bürgschaften und KfW-Kredite verstärkt in Anspruch nehmen können. Wenn sich die Lage weiter zuspitzt, will der Minister Bürgschaften und KfW-Kredite aufstocken. Auch das Stunden von Steuerzahlungen wäre möglich. Erst in Phase drei, einer schweren Wirtschaftskrise, würde das Ministerium seinen Widerstand gegen ein klassisches Konjunkturprogramm aufgeben.

Ein bisschen Hilfe für die Wirtschaft allerdings wollen Union und SPD schnell beschließen – allerdings ausdrücklich nicht als Reaktion auf Corona. Eine Arbeitsgruppe der Koalition brütet derzeit darüber, wie 17 Milliarden Euro Etatüberschuss in den nächsten Jahren für Investitionen und Entlastungen ausgeben werden könnten. Wohlgemerkt: Das Geld würde gerade einmal ausreichen, um die geplante Soli-Entlastung sechs Monate vorzuziehen und zu verhindern, dass die Investitionen des Bundes in den nächsten Jahren zurückgehen. Mehr scheint nicht drin zu sein. Noch nicht jedenfalls.

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