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„Infektionen werden jetzt im Akkord nachgeholt“

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Von: Pamela Dörhöfer

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Das medizinische Personal arbeitet vielerorts am Limit.
Das medizinische Personal arbeitet vielerorts am Limit. © Alain Jocard/afp

Die Ärzte Jakob Maske und Tobias Tenenbaum über die Krankheitswelle nach Corona, fehlende Betten in Kliniken – und Kinder, die hunderte Kilometer gefahren werden müssen.

Deutschlandweit sind Kinderarztpraxen und Kinderkliniken derzeit wegen vieler Fälle von schweren Atemwegsinfekten überlastet. Tobias Tenenbaum, Chefarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Sana Klinikum Lichtenberg Berlin und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, und der Berliner Kinderarzt Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, berichten über ihre persönlichen Erfahrungen und Hintergründe der aktuellen Situation.

Professor Tenenbaum, viele Kinderkliniken sind überfüllt, das Personal arbeitet am Limit, man sieht Bilder von verzweifelten Eltern und Betten auf den Fluren. Ist die Lage schlimmer als in früheren Jahren um diese Zeit?

Tobias Tenenbaum: Es gibt regionale Unterschiede, aber eng ist es überall. Einige Kollegen sagen, so eine Infektionswelle haben sie in ihrer gesamten beruflichen Laufbahn noch nicht erlebt. Und das heißt etwas, wenn Leute mit Erfahrung das äußern. Ich selbst habe so eine Masse an Infektionen bisher noch nicht erlebt – und ich bin mittlerweile auch schon 23 Jahre dabei. Wir sehen zwar jedes Jahr von November bis Januar einen Peak an Atemwegsinfekten, der uns an die Grenze der Leistungsfähigkeit des ambulanten und stationären Sektors bringt. Was jetzt allerdings dazukommt, ist, dass aktuell nicht nur das RS-Virus für eine hohe Infektionslast sorgt, sondern sich auch viele andere Erreger von Atemwegsinfekten Bahn brechen, die sich in den letzten Jahren und Monaten nicht so verbreiten konnten, dass es zu einer stabilen Grundimmunität bei Kindern gekommen ist.

Welche Erreger von Atemwegsinfekten sehen Sie zur Zeit vor allem in der Klinik?

Tenenbaum: Eine große Rolle spielt das Influenzavirus, das in den vergangenen zwei Saisons nicht so richtig präsent war. Das greift jetzt vermutlich ganz hart durch und kommt auch noch zeitgleich mit der RSV-Welle. Das RS-Virus sorgt bei etwa einem Prozent der infizierten Kinder für einen schweren Verlauf, der eine Behandlung im Krankenhaus erfordert. Das alles bringt das System an die Grenzen dessen, was es schaffen kann.

Tobias Tenenbaum
Tobias Tenenbaum , geboren in Offenbach, ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Sana Klinikum Lichtenberg, der größten nicht-universitären Kinderklinik in Berlin, und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. © privat

Herr Maske, ist die Situation bei den niedergelassenen Kinderärztinnen und Kinderärzten ähnlich angespannt?

Jakob Maske: Die Kinderarztpraxen sind voll, aber diesen Peak an Infektionskrankheiten haben wir immer zu dieser Zeit, mal früher, mal später. Und in diesem Jahr scheint es ein bisschen früher zu sein. Wir sehen dabei einen bunten Strauß an Erregern: Influenza, noch ein bisschen Corona, Adeno und viele andere Viren, auch RSV. Oft können wir nicht genau unterscheiden, welche Erreger ursächlich ist, weil die meisten über Einjährigen nicht schwer erkranken und deshalb nicht getestet wird. Allerdings sind in diesem Jahr bereits mehr Säuglinge als früher an RSV-Infektionen erkrankt. Was die Situation jedoch vor allem verschärft, ist die Tatsache, dass viele Kinderarztpraxen zugemacht haben, entweder aus wirtschaftlichen Gründen oder weil ihnen das Personal fehlt. Außerdem haben wir im Moment das Problem, dass wir unsere schwerkranken Kinder – nicht nur mit Atemwegsinfekten – in den Berliner Kliniken kaum unterbringen können. Die Krankenhäuser selbst berichten, dass sie Kinder bis nach Cottbus oder Halle verlegen müssen. Das betrifft in der Regel einjährige Kinder mit RSV-Infektionen, die Atemnot haben und Sauerstoff brauchen oder beatmet werden müssen, also Kinder in Grenzsituationen, die dann zum Teil hunderte Kilometer durchs Land gefahren werden müssen. Und das ist nicht nur in Berlin ein Problem, sondern auch überall in anderen Großstädten und in der Fläche.

Was ist der Grund für das frühe gehäufte Auftreten von Atemwegsinfekten? Hat es mit den Pandemie-Maßnahmen zu tun?

Maske: Durch Corona haben Kinder zwei Jahre lang keine Infekte durchgemacht. Das muss aber irgendwann passieren und wird jetzt nachgeholt im Akkord. Manche Eltern sorgen sich, dass ihr Kind eine Immunschwäche hat, weil es alle drei Wochen krank ist. Das ist jetzt aber völlig normal.

Tenenbaum: Wir erleben gerade die Folgen des Festhaltens an der Strategie, jede Corona-Infektion zu vermeiden. Obwohl Covid-19 eine bedrohliche Erkrankung ist, insbesondere für Erwachsene mit Vorerkrankungen, macht es gesunden Kindern in der Regel keine Probleme. Zwar gibt es im Einzelfall dramatische Komplikationen wie das schwere Entzündungssyndrom PIMS oder Long Covid, aber das trat vor allem in der Alpha- und Delta-Welle auf und hat sich durch Omikron massiv gedreht. Seither ist Covid für die meisten Kinder ein banaler Infekt. Daraus hat die Politik aber keine Konsequenzen gezogen. Zu Beginn der Pandemie war die Eindämmungsstrategie sicherlich richtig, auch deshalb, weil Erkenntnisse fehlten. Doch selbst als diese vorhanden waren, galt in der Politik und in den Medien immer noch das Mantra, jede Infektion zu verhindern. Wir als Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie haben davor gewarnt, dass andere Infektionskrankheiten nicht durchgemacht werden, was aber ganz wichtig wäre, um das Immunsystem zu trainieren. Es ist nicht geschehen. Deshalb erleben wir jetzt, dass viele Infektionen von Kindern zum ersten Mal durchgemacht werden. Der Schweregrad der Erkrankung ändert sich dadurch zwar nicht zwangsläufig, es ist ja das gleiche Virus. Aber die Anzahl der Fälle, die gleichzeitig auftreten, ist höher. Im nächsten Jahr, wenn die Daten wissenschaftlich aufbereitet worden sind, muss man sehen, ob es mehr Fälle auf der Intensivstation gab. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das schwierig zu beurteilen. Man kann bislang nur mutmaßen, dass es vor allem eine Mengenproblematik ist und nicht durch aggressivere Erreger verursacht wird.

Kann es bei Kindern auf längere Sicht Beeinträchtigungen des Immunsystems verursachen, wenn sie nicht ausreichend Erregern ausgesetzt waren? Denn das Immunsystem muss sich ja erst richtig ausbilden. Lässt sich das später nachholen?

Tenenbaum: Wahrscheinlich nur bedingt. Wir wissen aus den sogenannten Bauernhof-Studien und anderen wissenschaftlichen Daten, dass die frühe Exposition mit Bakterien, Pilzen und Viren wichtig ist, um das Immunsystem zu trainieren. Ob nun nach den Pandemie-Maßnahmen beispielsweise Allergien in drei, vier, fünf Jahren häufiger auftreten werden, muss man abwarten. Was wir allerdings noch sehen, sowohl in der Erwachsenenmedizin als auch in der Pädiatrie, ist eine Zunahme von Angststörungen und Depressionen. Deshalb haben die Psychiatrien ebenfalls alle Hände voll zu tun. Ein weiteres Problem ist Fettleibigkeit – und da reden wir nicht von zwei, drei Kilos mehr, die Kinder in der Pandemie zugenommen haben. Von diesen Pfunden loszukommen, ist gerade für Kinder ganz schwierig.

Ist für die dramatische Situation, wie sie sich derzeit in den Kliniken darstellt, nur das geballte Auftreten von Atemwegsinfekten verantwortlich oder liegt dem auch ein grundsätzliches Problem im System zugrunde?

Maske: Das System bricht nicht wegen der vielen Fälle zusammen, sondern wegen der kaputtgesparten ambulanten und vor allem im Moment klinischen Medizin, also der fehlenden Betten. Die Kinderkliniken sind seit den 1990er Jahren kaputtgespart worden. In dieser Zeit wurden die Betten um mindestens 20 bis 25 Prozent reduziert, Personal wurde abgebaut. Das rächt sich jetzt. Außerdem werden Kinderkrankenschwestern und -pfleger nicht mehr spezialisiert ausgebildet, es gibt nur noch eine generalisierte Ausbildung für alle. Zwar kann man sich später noch spezialisieren, doch das ist nur in Hamburg möglich. Dort kann man aber sicherlich nicht für ganz Deutschland Kinderkrankenschwestern und -pfleger ausbilden. Deshalb wird uns ganz klar in Zukunft noch mehr Pflegepersonal fehlen.

Jakob Maske
Jakob Maske ist niedergelassener Kinder- und Jugendarzt und betreibt zusammen mit zwei Kollegen eine Praxis in Berlin-Schöneberg. Er ist Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte mit rund 12 000 Mitgliedern. © privat

Tenenbaum: Es ist dringend angezeigt, dass diese nicht zielführende generalistische Ausbildung für die Krankenpflege in der Pädiatrie rückabgewickelt wird. Wenn das nicht geschieht, werden wir auf pflegerischer Seite bald ein noch größeres Versorgungsproblem haben. Bereits jetzt herrscht ein so großer Mangel, dass es in den Kinderkliniken schon oft nicht mehr zu stemmen ist. Der Markt ist vielerorts völlig abgegrast, es herrscht ein Buhlen um die Verbliebenen.

Was halten Sie von dem Vorschlag von Gesundheitsminister Lauterbach, Pflegekräfte für Erwachsene auf Kinderstationen einzusetzen?

Tenenbaum: Es ist natürlich so, dass wir in einer Notlage einerseits jede Hand gebrauchen können Andererseits ist aber auch nicht jede Hand für jeden Prozess zu gebrauchen. So kann man einer Pflegekraft, die bisher immer nur erwachsene Herzpatienten versorgt hat, nicht sagen, jetzt kümmere dich mal um ein Frühgeborenes. Das sind einfach zwei verschiedene Welten. Und dementsprechend kann das auch nur bedingt funktionieren. Deshalb warne ich auch vor der Generalisierung bei der Ausbildung.

Herrscht in den Kinderarztpraxen ebenfalls ein Mangel an Pflegepersonal?

Maske: Absolut. Durch Corona, aber auch jetzt, wo die Wartezeiten so lang sind, ist das Personal zum Teil unglaublichen Anfeindungen ausgesetzt. Bei dieser starken Belastung und dem niedrigen Lohnniveau überlegen sich viele, ob sie nicht lieber etwas anderes machen. Wenn wir eine vernünftige Kindermedizin wollen, müssen wir zudem dafür sorgen, dass die Arbeit der medizinischen Fachangestellten auch finanziell besser gewertschätzt und ein ordentlicher Tarif gezahlt wird. Das kann im niedergelassenen Bereich aber nicht allein aus den Taschen des Kinder- und Jugendarztes geschehen.

Gibt es denn genug Kinderärztinnen und Kinderärzte?

Tenenbaum: Nein, auch das nicht. Eigentlich war Kinderarzt immer ein sehr beliebter Beruf. Heute gibt es durch die Ökonomisierung zu wenige Stellen und deshalb muss die Arbeit von wenigen geschultert werden – die dann auch zum Teil die Freude an ihrem Beruf verlieren und etwas anderes machen. Auch gibt es viel zu wenig auf Infektiologie spezialisierte Kinderärzte, wir sind ein kleines Grüppchen. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Kinder infektiologisch gut behandelt werden, dass Leitlinien entwickelt werden, es weniger Ausbrüche und Resistenzen vor Ort gibt, Antibiotic Stewardship (ein Konzept zum verantwortungsbewussten, zielgerichteten Einsatz von Antibiotika, d. Red.) gelebt und ausgebildet wird. Doch damit lässt sich für die Kliniken nicht sehr viel Geld verdienen. Die Lust, solche Stellen zu finanzieren, hält sich deshalb in Grenzen. Aktuell hat der Bundestag sogar beschlossen, nur in der Erwachsenenmedizin die infektiologische Ausbildung weiter zu fördern. Die Kinderärzte wurden einfach vergessen. Ein Ding der Unmöglichkeit!

Maske: Im niedergelassenen Bereich hört in den nächsten fünf Jahren ein Viertel bis ein Drittel der Kinderärzte auf. Und es kommen viel zu wenige nach.

Es deutet sich also an, dass sich die Situation noch zuspitzen wird?

Maske: Ja, es wird noch schlimmer werden. Die Zahl der Studienplätze ist seit der Wende deutlich weniger geworden in Gesamtdeutschland, sogar noch weniger als in der früheren Bundesrepublik. Wir haben vom Berufsverband bereits 1995 gefordert, dass wir mehr Studienplätze brauchen. Man muss auch bedenken: Selbst wenn jetzt neue geschaffen werden, haben wir frühestens in zwölf Jahren einen Arzt, der sich niederlassen kann. Zudem sind die Voraussetzungen, um sich niederzulassen, wenig attraktiv. Gesundheitsminister Karl Lauterbach macht gerade im ambulanten Bereich eine Gesundheitspolitik, die wenig verlässlich ist. Er hat zum Beispiel die Neupatientenregelung als finanziellen Anreiz, neue Patienten aufzunehmen, abgeschafft, nachdem sie vor zwei Jahren eingeführt wurde und von Lauterbach als Ausstieg von der Zweiklassenmedizin verkauft wurde. Das ist für Kollegen wenig verlässlich. Auch muss man sich immer wieder umstellen auf Neues, auf mehr Bürokratie. Die Telematik-Infrastruktur etwa bringt Ärzten und Patienten keinerlei Vorteil, nur den Krankenkassen, kostet sehr viel Geld und macht sehr viel Ärger. Die Gesetzliche Gebührenordnung für Ärzte wurde seit den 1990er Jahren nicht verändert, ich kenne keine einzige andere Berufsgruppe, wo das so ist. Das alles schreckt junge Leute ab.

Warum gibt es so wenige Studienplätze und Stellen? Wird die Kinderheilkunde nicht ernst genug genommen?

Tenenbaum: Es ist ein generelles Problem, dass Kinder von Erwachsenen nicht ernst genommen werden. Dass die Rechte von Kindern nicht im Grundgesetz verankert wurden, ist für mich geradezu symptomatisch. Auch in der Pandemie wurden Kinder schon früh als „Pandemie-Treiber“ verunglimpft, sie wurden als einzige Personengruppe über lange Zeit zum Testen und Masketragen verpflichtet. Auf ihre wirklichen Bedürfnisse einzugehen, war in der Politik nie groß ein Thema. Das sollte sich zukünftig zwingend ändern.

Interview: Pamela Dörhöfer

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