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Indigene Völker pochen auf eine Führungsrolle

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Von: Gerd Braune

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Rote Linien im kanadischen Montreal: Oft reichen Reden und Statements nicht aus. Für die Kameras der Presse aus aller Welt müssen Schilder her. Lars Hagberg/afp
Rote Linien im kanadischen Montreal: Oft reichen Reden und Statements nicht aus. Für die Kameras der Presse aus aller Welt müssen Schilder her. Lars Hagberg/afp © Lars Hagberg/afp

Ureinwohnerinnen und Ureinwohner wollen beim Artenschutz endlich mitentscheiden. Sollte die Biodiversitäts-Konferenz in Montreal hier nicht entsprechende Beschlüsse erzielen, wird echter Artenschutz kaum möglich sein.

Die indigenen Völker in den besonders artenreichen Regionen der Welt pochen auf ihre Beteiligung an allen Bemühungen, die Artenvielfalt zu sichern und die Natur zu schützen. Das angestrebte neue Weltnaturabkommen müsse die Rechte der indigenen Bevölkerung und der lokalen Gemeinden „respektieren, fördern und unterstützen“, wenn es erfolgreich sein solle, erklärten Vertreter:innen indigener Völker auf der UN-Artenschutzkonferenz im kanadischen Montreal.

„Der Amazonas ist das Herz unseres Planeten“, sagte Uyunkar Domingo Peas Nampichkai, Vertreter der Nation der Achuar aus dem Amazonasgebiet Ecuadors. „Diese Konferenz ist so wichtig. Sie ermöglicht es den indigenen Völkern der ganzen Welt, dass ihre Stimme gehört wird“, betonte er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Wir sind nicht allzu viele, aber wir indigene Völker schützen 80 Prozent der weltweiten Biodiversität.“ Die Ureinwohnervölker wollten „Teil der Allianz sein, die die Natur schützt zum Wohl der ganzen Menschheit“. Domingo Peas hat klare Erwartungen an das Abkommen, das Global Biodiversity Framework, an dem nahezu 200 Vertragsstaaten seit zwei Wochen in Montreal arbeiten. „Wir wollen, dass dieses Abkommen, das hier aus Montreal kommt, in jedem Artikel die Rechte der indigenen Völker und der Natur enthält.“

Dazu gehört für ihn auch der Bezug auf die UN-Deklaration über die Rechte indigener Völker. Sie gibt diesen Völkern Rechte bei der Nutzung ihrer Territorien, indem sie einen freiwilligen, vorzeitigen und auf Informationen beruhenden Konsens der indigenen Bevölkerung bei wirtschaftlicher Nutzung und Erschließung ihrer Lebensräume durch außenstehende Unternehmen verlangt. Oft werden diese Rechte missachtet.

Perry Bellegarde, der frühere National Chief und Vorsitzende der Assembly of First Nations in Kanada, stimmt seinem Kollegen aus Ecuador zu. „Es ist wichtig, dass die indigenen Stimmen weltweit gehört werden“, sagte er. „Wir sind am stärksten von Klimawandel und Verlust an Biodiversität betroffen.“ Sollte aus dieser Konferenz ein Dokument kommen, das die Rechte der indigenen Völker nicht einschließe und nicht einfordere, „dann wäre das ein schwerer Fehler. Es wäre ein Scheitern.“ Denn dies würde bedeuten, dass die fundamentalen Rechte der indigenen Völker ausgeschlossen würden.

Die indigenen Völker und ihre Organisationen sind in Montreal präsent – mit Gesang, mit Gebeten und mit Protesten. In Arbeitsgruppen und Foren erheben sie eloquent ihre Stimme. Das Internationale Indigene Forum zu Biodiversität (IIFB) sieht es als seine Hauptaufgaben an, dass in dem angestrebten „Globalen Rahmenwerk für Artenvielfalt“ die Rechte der indigenen Bevölkerung und der lokalen Gemeinden gewahrt werden. „Als indigene Völker sind wir seit Jahrtausenden Hüter unseres Landes, unserer Territorien und Gewässer und haben eine tiefe Verbindung zu den Ökosystemen, in denen wir leben“, sagte Lakpa Nuri Sherpa aus Nepal, einer der Vorsitzenden des IIFB. Das machte Jennifer Corpuz von den Philippinen am Samstag deutlich: „Indigene und traditionelle Territorien sind die am längsten existierenden, nachgewiesenen Pfade zu einem Leben im Gleichgewicht mit Mutter Erde.“

Das Montrealer Abkommen soll festlegen, dass bis 2030 jeweils 30 Prozent der Land- und der Meeresfläche unter Schutz gestellt werden sollen, um Artenvielfalt zu sichern. Die artenreichsten Gebiete der Erde sind oft die Regionen, die traditionell die Siedlungsgebiete und Lebensräume indigener Völker sind. So leben nach Angaben des in Großbritannien und den Niederlanden ansässigen „Forest Peoples Programme/FPP“ 300 Millionen Menschen – Angehörige indigener Völker und Bewohner:innen lokaler Gemeinden – in Waldregionen, im Amazonasbecken, in der Kongoregion, in Indien und in Südostasien, deren Lebensgrundlage die Wälder sind. Die arktischen und subarktischen Regionen Nordamerikas, Sibiriens und Nordeuropas haben eine zahlenmäßig starke indigene Bevölkerung – Inuit, indianische Völker, Saami und die Völker Sibiriens.

Sie fordern, dass bei der Festlegung geschützter Gebiete indigene Rechte respektiert werden. Sie wollen mitentscheiden, welche ihrer Territorien in diese 30 Prozent einberechnet werden. Ein Instrument dafür könnte sein, eine spezielle Kategorie für indigene Territorien zu schaffen. „Wir wollen eine Führungsrolle bei Konservierung und Naturschutz haben. Wir wollen nicht wie Kinder behandelt werden, denen man sagt, was sie zu tun haben“, hieß es auf der Pressekonferenz der indigenen Völker. Sie wollen zudem Vorkehrungen, dass sie ihre traditionelle Lebensweise weiter pflegen können und dass sie nicht aufgrund einer kolonialen Naturschutzpolitik unter dem Vorwand von Naturschutz aus ihren Gebieten vertrieben werden. „Wir wollen Naturschutz und Management von geschützten Gebieten, nicht Freizeit- und Erlebnisparks“, in denen sie nicht leben könnten, sagte Chrissy Grant aus Australien als Vertreterin des pazifischen Raums. Die Ureinwohnervölker fordern Schutz vor Vertreibung aus ihren Territorien und vor Kriminalisierung im Namen von Naturschutz. Aslak Holmberg aus Finnland als Vertreter arktischer Völker nannte ein Beispiel: Das Verbot von Fischfang für indigene Völker sei die Kriminalisierung traditioneller Praktiken und nachhaltiger Nutzung von Naturressourcen.

In mehreren Ländern sind diese Menschen von der Abholzung der Wälder, von Raubbau an den Naturressourcen und Vertreibung bedroht. „Die Wälder zu schützen bringt oft tödliche Risiken für indigene Menschen und örtliche Gemeinden“, schreibt FPP. So seien 2017 über 200 Umweltschützer:innen getötet worden. Die Verschmutzung der Ozeane und die Veränderungen des Wassers beschleunigen die Zerstörung von Korallenriffen und anderer mariner Ökosysteme und rauben Gemeinden, die von den Ozeanen abhängen, ihre Lebensgrundlagen.

Auf indigenen Territorien wird Öl gefördert und Holz geschlagen. Internationale Pharmakonzerne nutzen die Kenntnisse indigener Völker über die Heilwirkung von Pflanzen bei der Entwicklung von Medikamenten. Aber der wirtschaftliche Nutzen kommt ihnen oft nicht zugute. Investor:innen kommen auf kleine Inseln, bauen Hotels, zerstören Küste, Mangrovenwälder und Feuchtgebiete, mit erheblichen Auswirkungen auf die örtliche Bevölkerung und das Klima, berichteten Vertreter kleiner Inselstaaten. Es dürfe keine Entscheidungen geben ohne Beteiligung indigener Völker, erklärte das Indigene Forum in Montreal.

Auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres machte deutlich, wie viel für die indigenen Völker auf dem Spiel steht. Das neue Abkommen müsse Vorschriften enthalten, „die die Rechte indigener Völker und örtlicher Gemeinden anerkennen und schützen, die immer die wirkungsvollsten Bewahrer von Biodiversität waren“.

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