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Indigene in den USA: Hunderte Kinder in Internaten misshandelt, missbraucht und gestorben

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Von: Johanna Soll

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Deb Haaland, Innenministerin der USA
Deb Haaland, Innenministerin der USA: „Ich bin hier, weil meine Vorfahren durchgehalten haben“ © Jim Lo Scalzo/Imago

Die Gräueltaten, die in den „Umerziehungsinternaten“ für Indigene in den USA verübt wurden, waren bereits bekannt. Jetzt werden sie in einer Untersuchung aufgearbeitet.

Washington, D.C. – Einem Bericht des US-Innenministeriums zufolge, starben in einem Zeitraum von 50 Jahren Hunderte indigene Kinder in Internaten, in denen sie zwangsweise untergebracht waren. Die Untersuchung ergab, dass zwischen 1819 und 1869 insgesamt 408 dieser Anstalten von der US-Regierung betrieben wurden, sowie weitere 89, die keine Bundesmittel erhielten.

Laut Innenministerin Deb Haaland hat ihr Ministerium bisher mehr als 500 Todesfälle in 19 Internaten identifiziert, doch es wird mit steigenden Zahlen gerechnet. In dem Bericht ist von markierten und unmarkierten Begräbnisstätten an 53 Schulen die Rede und im Laufe der Untersuchung wird ebenfalls erwartet, dass es mehr werden.

US-Innenministerin Deb Haaland vom Volk der Laguna Pueblo ist die erste Bundesministerin indigener Abstammung

Deb Haaland (61), eine Laguna Pueblo, ist die erste Indigene, die einen Ministerposten im US-Kabinett innehat. „Ich stamme von Vorfahren ab, die die Schrecken der Assimilierungspolitik der Internate für Indigene ertragen mussten, die von demselben Ministerium durchgeführt wurde, das ich jetzt leite“, so Haaland. Ihr Großvater war ein Überlebender eines solchen Internats, dessen Gründer Richard Henry Pratt die Mission der Institution als „töte den Indianer, rette den Mann“ beschrieb.

Die Kinder wurden ihren Familien entrissen und zur „Assimilierung“ in den Internaten untergebracht, mit dem Ziel sie „umzuerziehen“ und damit sie ihre eigene Kultur vergaßen. Ihnen wurden die Haare geschnitten, sie durften nur Englisch und nicht ihre Muttersprache sprechen. Viele der Kinder kehrten nie wieder nach Hause zurück.

Internate für Indigene: „Militarisierte und identitätsverändernde Methoden“ sowie körperlicher und sexueller Missbrauch

Sie wurden einer Behandlung unterzogen, die der stellvertretende Innenminister für indigene Angelegenheiten, Bryan Newland, „militarisierte und identitätsverändernde Methoden“ nannte. „Ausufernder körperlicher, sexueller und emotionaler Missbrauch, Krankheiten, Unterernährung, Überbelegung und mangelnde medizinische Versorgung“, seien laut des Berichts des US-Innenministeriums gut dokumentiert.

Die Untersuchung in den USA ergab auch, dass sich die Internate häufig eher auf handwerkliche Tätigkeiten und Handarbeit als auf akademische Bildung konzentrierten, was die Absolventinnen und Absolventen mit begrenzten Fähigkeiten und Beschäftigungsaussichten zurückließ. Außerdem nahmen laut des Berichts etwa die Hälfte der Internate möglicherweise die Hilfe religiöser Institutionen in Anspruch, wobei der Bund in einigen Fällen religiöse Organisationen pro Kopf für indigene Schüler:innen bezahlte.

Auf einer Pressekonferenz sagte Deb Haaland: „Die Tatsache, dass ich heute hier als erste indigene Bundesministerin stehe, zeugt von der Stärke und Entschlossenheit der indigenen Bevölkerung. Ich bin hier, weil meine Vorfahren durchgehalten haben. Ich stehe auf den Schultern meiner Großmutter und meiner Mutter. Und die Arbeit, die wir mit der indigenen Internatsinitiative des Bundes leisten werden, wird tiefgreifende Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen haben.“

Zuletzt hatte die Entdeckung von Gräbern mit Überresten von Kinderleichen in der Nähe früherer Internate für Indigene in Kanada weltweit für Entsetzen gesorgt. (Johanna Soll)

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