+
Indische Mishing-Stammesfrauen nach der Stimmabgabe.

Parlamentswahl

In Indien entscheiden diesmal die Frauen

  • schließen

In Indien beginnen die Parlamentswahlen: Die großen Parteien sind auf das neue Selbstbewusstsein der Wählerinnen schlecht vorbereitet.

Der knapp 30-jährige Shafaat Khan sieht die Welt, wie sie in seinem Dorf Puhana rund 120 Kilometer südlich der indischen Hauptstadt Delhi während der vergangenen 70 Jahre immer erschien. „In unserer Familie haben Frauen keine Ahnung von Politik. Wir geben ihnen am Wahltag das Parteisymbol und sie werden entsprechend wählen.“ Der junge Mann irrt. Rund 80 Prozent aller Frauen, so schätzt das „Center for the Study of Developing Societies“ (CSDS) fällen bei der größten Wahl der Welt ihre eigene Entscheidung. „Unsre Männer sollen das ruhig glauben“, lautete die Antwort, die Mitarbeiter häufig von Frauen hörten, „aber wir wählen, wie wir das für richtig halten.“

Das weibliche Selbstbewusstsein war in der 70-jährigen Geschichte Indiens noch nie so wichtig wie bei den gestern gestarteten Parlamentswahlen. Wahlforscher sind überzeugt, das erstmals mehr Frauen als Männer zu den Wahlurnen des Landes strömen werden. Doch die meisten Parteien des Landes jagen im Wahlkampf vorwiegend weiter „Hindu-Männer“ unter den 900 Millionen Wahlberechtigten, weil sie glauben, dass sie entscheidend sind.

Männer blocken Reformen

Dabei erlebt Indien eine politische Revolution. „Das Geschlecht wird neben dem Kastenwesen, der sozialen Klasse, der Landesregion und der Religion zu einem fundamentalen Dreh- und Angelpunkt der indischen Demokratie“, schreibt die Anthropologin Lipika Kamera von der Jindal Global University in dem Internetportal „theasiadialogue.com“. Bislang kommen Frauen auf gerade mal zwölf Prozent der 543 Sitze im Loch Sabha Parlament.

Indiens hindunationalistische „Bharatiya Janata Party“ (BJP) unter Premierminister Narendra Modi versucht mit dem Programm Beti Bachao, Beti Padhao (Sicherheit und Erziehung für die Tochter) zu punkten. Die altehrwürdige Kongress Partei, die einst mit Premierministerin Indira Gandhi sogar eine Frau an der Spitze der Regierung stellte, kündigt Sozialprogramme für Frauen an. Doch eine Gesetzesvorlage der Partei, wonach 33 Prozent aller Parlamentssitze an Frauen gehen sollen, steckt seit Jahren in der Lok Sabha, der ersten Kammer des Parlamentes, fest. Die männlichen Abgeordneten haben über Parteigrenzen hinweg wenig Interesse, ihren Platz für Frauen zu räumen.

Regionale Parteien, die in der Vergangenheit überwiegend auf Kastenzugehörigkeit setzten, hoffen aus diesem Versäumnis Kapital zu schlagen. Die Bijou Janmaat Dal im Bundesstaat Odessa, dem früheren Orissa, reservierte 33 Prozent aller Listenplätze für Frauen. Mamata Banerjee, die mit ihrem Trinamool Kongress im Bundesstaat West-Bengalen regiert, besetzte 41 Prozent der Kandidatenplätze mit Frauen. Im Bundesstaat Madhya Pradesh glaubten Parteien bei einer Regionalwahl, mit dem Versprechen von Gratis-Sanitätsbinden und verbilligtem Kochgas Wählerinnen für sich zu gewinnen – und mussten feststellen, dass sich diese für Themen wie Arbeitslosigkeit interessierten.

„Wir haben nur eine Schule für Mädchen bis zur achten Klasse“, sagt die 55-jährige Großmutter Asia, die täglich ihre sechs- und siebenjährigen Enkelinnen in Puhana zur Schule bringt, „aber die Lehrer kommen nur, wenn sie mal Lust haben. Und wenn die beiden Mädchen auf eine weiterführende Schule wollen, müssen sie ins nächste Dorf fahren. Wer kann da für ihre Sicherheit sorgen?“

Die abgehärmte Frau mit gebeugtem Rücken weiß um das Risiko. Schließlich kann in Indien selbst der kilometerweite Gang zum nächsten Brunnen oder der Toilettengang auf eines der umliegenden Felder zur Gefahr für Leib und Leben werden. Immer wieder werden Frauen Opfer von Vergewaltigungen, wenn sie außerhalb des Dorfkerns unterwegs sind.

Eine Quote eingeführt

Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit, Gratis-Fahrräder für den Schulweg für Mädchen und der Fokus auf Bildung für Frauen bescherten in Indiens Bundesstaat Bihar im Jahr 2015 dem amtierenden Ministerpräsident Nitish Kumar einen überraschenden Wahlsieg – nur ein Jahr, nachdem Modis Hindunationalisten bei Indiens Parlamentswahlen in Bihar abgeräumt hatten. Zum Dank an seine Wählerinnen führte Kumar eine Frauenquote in der Verwaltung ein und ein absolutes Alkoholverbot. Das Kalkül: Wenn die Ehemänner nicht trinken, gibt es mehr Geld in der Haushaltskasse und weniger Gewalt.

In weiten Teilen Indiens kämpfen Frauen jedoch weiter gegen massive Benachteiligung. 21 Millionen Wählerinnen, so errechnete das „Center for the Study of Developing Societas“ (CSDS) in Delhi fehlen auf den Listen des Wahlrats, davon zehn Millionen in den Bundesstaaten Uttar Pradesh, Rajasthan und Maharashtra. Allein in Uttar Pradesh, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat Indiens, fehlen pro Wahlkreis 85 000 Wählerinnen. Das CSDS errechnete die Zahl anhand eines Vergleichs mit Daten aus der Volkszählung des Jahres 2011. Bei der Parlamentswahl im Jahr 2014 wurden demnach noch knapp 24 Millionen Frauen ihres Wahlrechts beraubt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare