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Fototermin mit den Fachkräften: Kanzlerin Merkel (Mitte) besucht ein Werk des deutschen Autoteileherstellers Continental in Neu Delhi.

Neu Delhi

Indien-Reise: Merkels Selfies, Smog und Smalltalk

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Bundeskanzlerin Angela Merkel redet bei ihrem Indienbesuch über Arbeitswege und den Kaschmirkonflikt. Den Partei-Streit in der Heimat lächelt sie weg.

Angela Merkel streift sich ein hellgelbes Mäntelchen über. Sie zieht blaue Überzieher über die Schuhe und macht sich auf in einen abgeschirmten Produktionsraum einer Fabrik. Viele Stunden Flug liegen hinter ihr und eine Autofahrt vorbei an Bauruinen, langen Autokolonnen, kleinen Verkaufsbuden, an Hochhäusern und streunenden Hunden. In der Fabrik, einem Werk des deutschen Automobilzulieferers Continental in einem Vorort der Hauptstadt Neu-Delhi, wird an Anti-Blockier-Systemen getüftelt.

Tatsächlich könnte die Kanzlerin so ein Anti-Blockier-System gerade ganz gut brauchen, ein politisches zumindest: Friedrich Merz hat sie direkt angegriffen und ihr den Rücktritt nahegelegt, die CDU zerlegt sich in der Debatte um die nächste Kanzlerkandidatur, ob die SPD in der Koalition bleibt, ist nicht klar und der Streit der Groko um die Grundrente hängt seit Monaten fest. Ist Merkel demnächst noch Kanzlerin? Merkel zumindest zeigt sich ungerührt von der Debatte in der Heimat. „Wie lange brauchen Sie zur Arbeit?“, fragt sie stattdessen die Mitarbeiter bei Continental. Lange steht sie an der Maschine für Bremskraftverstärker.

Untätigkeit und mangelnde Führungskraft lägen „wie ein Nebelteppich“ über dem Land, hat Merz der Kanzlerin nach der Thüringen-Wahl vorgeworfen, bei der die CDU nicht nur viele Prozentpunkte verlor, sondern auch von Linkspartei und AfD überholt wurde. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, der seine schwierige Landtagswahl gerade gewonnen hat und damit so etwas ist wie eine neue Autorität in der CDU, forderte einen „inhaltlichen und personellen Neuanfang“.

Der Chef der Jungen Union, Tilman Kuban, stichelte. Der Vorsitzende des Wirtschaftsflügels, Carsten Linnemann, sagte: „Es braucht Führungsverantwortung.“ Ein „Merz-Virus“ habe manche Kreisverbände ergriffen, erzählen Bundestagsabgeordnete erstaunt bis schockiert. Der Ton der Kritik sei plötzlich ein anderer, rau und unversöhnlich. Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, da hat Merkel angekündigt ihren Parteivorsitz abzugeben, nach dem miserablen Abschneiden der CDU bei der Hessen-Wahl. Merkel kritisierte das Erscheinungsbild der Groko als indiskutabel und befand, das müsse sich ändern. „Eine schöne Phase der Selbstvergewisserung“, hat sie ihrer CDU damals vorausgesagt. Schön ist die Phase für die Partei allerdings bislang nicht wirklich.

Die CDU hat weitere Wahlen verloren oder nur knapp gewonnen, die Umfragewerte sind schlecht, die neue Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat Fehler gemacht. Außerdem ist die SPD-Chefin zurückgetreten. Die Koalition verabschiedet Gesetze – Fachkräftezuwanderung, Klimapaket, Pflege – aber die Personaldebatten stehen öffentlich im Vordergrund. In Indien liegt der Nebel fast greifbar über der Hauptstadt Delhi; die Sonne steht wie ein gedimmter Scheinwerfer am Himmel. Gebäude verschwinden nach wenigen hundert Metern hinter einem schmutzgrauen Filter. Delhi hat die weltweit höchste Luftverschmutzung. Am Tag von Merkels Ankunft melden die Messstationen einen Smog-Rekordwert, die Stadt ruft den Gesundheits-Notstand aus, die Behörden verteilen Gratis-Atemschutzmasken. Am zweiten Tag des Besuchs bleiben die Schulen geschlossen, der Autoverkehr wird eingeschränkt.

Merkel setzt sich zur Empfangszeremonie auf ein Podest unter einen roten Baldachin vor einen riesigen rötlichen Palast mit Springbrunnen auf den Dächern. Eine lange Reihe Soldaten steht ihr gegenüber. Weil sich der Nebel wie ein Weichzeichner über die Szene liegt, weil an der Seite Menschen mit turbanartigem Kopfschmuck auf Pferden sitzen, bekommt das Ganze etwas Entrücktes, Traumartiges.

Eine Milliarde Euro für indische E-Busse
Vor dem Hintergrund einer extremen Smog-Lage in der Hauptstadt Neu Delhi hat Bundeskanzlerin Angela Merkel Indien eine Milliarde Euro für den Ausbau umweltfreundlicher Verkehrsmittel zugesagt. Das Geld solle innerhalb der nächsten fünf Jahre in grüne Mobilität in den indischen Städten fließen, sagte Merkel am Samstag. Für 200 Millionen Euro sollen etwa Diesel-Busse im Bundesstaat Tamil Nadu ersetzt werden. Die Diesel-Busse sollten laut Merkel durch Elektrofahrzeuge ersetzt werden. 

Merkels Widersacher sich derweil auch auf die Reise gemacht, aber in die entgegengesetzte Richtung: Nach seinem Angriff auf die Kanzlerin ist Merz in die USA geflogen. Von dort twittert der ehemalige Unions-Fraktionschef ein Bild mit dem früheren Außenminister Henry Kissinger, auch eine Art Staatsbesuch irgendwie. Vor beiden liegt auf einem Teller etwas, was wie eine vergessene Ravioli aussieht. In Delhi zieht Merkel die Schuhe aus. Ins Gandhi Memorial, die Gedenkstätte für den indischen Nationalhelden, kommt auch eine Kanzlerin nur auf Socken. Merkel umrundet den Gedenkstein. Sie schreibt ins Gästebuch, Gandhi, die Symbolfigur des gewaltfreien Widerstands, habe „mit seinem tiefen Glauben an die friedliche Revolution die Welt verändert“. Harmonie und Besinnlichkeit strahlt das aus, es ist ein Gegensatz zu den Debatten in ihrer Partei. Das gilt auch für die Pressekonferenz mit Premierminister Narendra Modi: Merkel sei eine „herausragende Führungspersönlichkeit“, schwärmt der, „wichtig für Europa und für die Welt“.

Vielleicht wünscht sie sich in diesem Moment, dass Modi in seine Trickkiste greifen würde. Der indische Premier lässt sich gerne als Hologramm auf mehrere Veranstaltungen Indiens gleichzeitig beamen. Er könnte also theoretisch seine kleine Lobrede parallel am Tisch von Merz, Kissinger und der Ravioli halten.

Aber darum geht es nicht in Indien. Es geht um den Kaschmir-Konflikt, um Afghanistan und um den Fachkräftemangel in Deutschland. Merkel ist mit Bildungsministerin Anja Karliczek, Agrarministerin Julia Klöckner und Außenminister Heiko Maas zu den fünften deutsch-indischen Konsultationen angereist. Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat abgesagt, nachdem er von einer Bühne gestürzt ist. Andere Minister haben Staatssekretäre geschickt, auch Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. Die wäre als Parteichefin eigentlich Merkels klassische Nachfolgerin in der Bewerbung ums Kanzleramt. Beiden ist gemeinsam, dass sie Merz bezwungen haben: Merkel hat ihm den Unions-Fraktionsvorsitz abgenommen, nachdem die CDU 2002 zum zweiten Mal die Wahl verloren hatte. Statt Merkel war da der auch von Merz unterstützte CSU-Mann Edmund Stoiber als Kanzlerkandidat angetreten. Kramp-Karrenbauer hat sich vor einem Jahr gegen Merz im Wettbewerb um den Parteivorsitz durchgesetzt. Merkel war das recht.

Seit die Kanzlerkandidatur wieder offen ist, hat sich Merkel noch nicht positioniert. Es haben sich Friktionen eingestellt zwischen ihr und der Parteichefin, wie tief die gehen, ist offen. Merkel hat gewisse Probleme wohl erwartet. Es sei „ein Wagnis“, Kanzlerschaft und Parteivorsitz mal eine Weile zu trennen, hat sie verkündet, als sie ihren Rückzug als Parteichefin ankündigte.

Kramp-Karrenbauers erste Aktion als Parteichefin, eine Konferenz zur Flüchtlingspolitik, fand Merkel dann wohl keine gute Idee. In ihren überraschenden Syrien-Vorstoß hatte Kramp-Karrenbauer die Kanzlerin auch nicht so richtig eingebunden – wegen mangelnder Absprache kassierte sie eine Rüge. Und Kramp-Karrenbauer hätte angeblich doch gerne das Kanzleramt schon viel früher übernommen, zumindest erzählt man sich das in der CDU. Allerdings hat es gerade so, dass Merkel in der Partei wohl mehr Rückhalt hat als Kramp-Karrenbauer.

„Ich habe mir immer gewünscht und vorgenommen, meine staatspolitischen und parteipolitischen Ämter in Würde zu tragen und sie eines Tages auch in Würde zu verlassen“, hat Merkel vor einem Jahr gesagt. Sie hat betont, als Kanzlerin für die ganze Wahlperiode angetreten zu sein. Sie gilt nicht als Fan von Neuwahlen. Aber sie hat auch gesagt, dass sich Politik „nicht am Reißbrett“ planen lasse.

Zu Merz sagt Merkel in Indien dann auch noch etwas. Es gibt eine kurze Pressekonferenz, und nach einer Frage nach den Wirtschaftsbeziehungen kommt die nach der Kritik aus der CDU. Merkel reagiert mit zwei kühlen Sätzen. „Ich freue mich, dass ich in Deutschland für meine Arbeit auch so viel Unterstützung bekomme.“ Und: „Wir leben in Demokratie, da muss man auch mit Kritik umgehen.“ Dann geht es wieder um den Kaschmir-Konflikt: „Wir setzen auf Deeskalation und Entspannung“, sagt Merkel.

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