In Kalkutta demonstrieren Frauen für ein „Ende der Vergewaltigungskultur“ in Indien. Das Land steht nach der Vergewaltigung und dem Mord an einer jungen Frau unter Schock.
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In Kalkutta demonstrieren Frauen für ein „Ende der Vergewaltigungskultur“ in Indien. Das Land steht nach der Vergewaltigung und dem Mord an einer jungen Frau unter Schock.

Immer noch Freiwild

Junge Frau vergewaltigt und getötet: Indien steht unter Schock

  • vonAgnes Tandler
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Indien steht nach der Vergewaltigung und dem Mord an einer jungen Frau unter Schock.

„Ich hab‘ Angst! Bitte rede weiter“, bat die junge Tierärztin ihre Schwester am Telefon. Es waren die letzten Worte, die ihre Familie von Priyanka R. hörte. Dann ging ihr Handy aus. Als man die Leiche der 26-Jährigen in der vergangenen Woche unter einer Hochstraße in einem Außenbezirk der indischen Stadt Hyderabad fand, konnte die Familie sie nur noch anhand eines Schmuckstücks identifizieren.

Ihre Vergewaltiger und Mörder hatten den Körper der Frau mit Benzin übergossen und angezündet, um die Spuren ihres monströsen Verbrechens zu verwischen. Seit Januar 2017 arbeitete die Veterinärin in einer staatlichen Klinik in Kollur, einem kleinen Dorf am Rande der Sieben-Millionen-Metropole Hyderabad in Südindien. Die junge Tierärztin fuhr fast jeden Tag mit ihrem Motorroller aus der Stadt bis zur Tondupally-Mautschranke, um von dort einen Bus in das Dorf zu nehmen.

Indien: Vergewaltigung und Mord an junger Frau

Doch am Abend ihres Todes hatte ihr Motorroller einen Platten. Die Gruppe von Männern, die ihr zur Hilfe eilte, war Priyanka sofort unheimlich vorgekommen. Am Telefon erklärte sie ihrer Schwester, dass sie keine andere Chance habe, als die Hilfe der vier anzunehmen, die ihr Fahrzeug reparieren wollten. Es werde schon dunkel, hatte die besorgte Frau ihrer Schwester noch gesagt.

Ihr Instinkt trog sie nicht: Die vier alkoholisierten Männer hatten zuvor die Luft aus dem Reifen gelassen, um Priyanka in eine Falle zu locken. Sie überwältigten die junge Frau, zerrten sie ins Gebüsch und vergewaltigten sie mehrmals nacheinander. Als Priyanka, die dabei ihr Bewusstsein verloren hatte, wieder zu sich kam, erstickten die Männer sie, schafften dann ihre Leiche an einen etwa 20 Kilometer entfernten Ort unter einer Autobahnhochstraße und zündeten ihn mit Benzin von einer nahegelegenen Tankstelle an. Priyankas Familie beschuldigt nun die Polizei, untätig geblieben zu sein, als die junge Frau nach der Arbeit in dem Dorf nicht nach Hause zurückkehrte.

Indien: Junge Frau vergewaltigt und ermordet – Höhnische Polizisten

Trotz des alarmierenden Anrufs, den die Tierärztin kurz vor ihrem Verschwinden noch geführt hatte, waren die Beamten der Polizeistation der Meinung, die Frau sei einfach nur durchgebrannt und machten anzügliche Bemerkungen über Priyanka. Inzwischen wurden die vier Männer festgenommen, die bereits die Tat gestanden haben. Doch die Wut über die Vergewaltigung und den Mord will in Indien nicht vergehen.

Indien hat neue Gesetze erlassen, neue Gerichte eingesetzt und Menschen forderten Gerechtigkeit. Aber … hat sich irgendetwas wirklich verändert?“, fragt die indische Sängerin Anoushka Shankar auf Twitter. Wie Shankar fühlen viele in Indien. Sieben Jahre, nachdem der bestialische Mord und die Massenvergewaltigung einer jungen Studentin in einem fahrenden Bus in der Hauptstadt Neu-Delhi das Land erschüttert hatte, erscheinen Frauen in Indien weiterhin als Freiwild, als wertlose Objekte, deren Schicksal in der konservativ-patriarchalischen Gesellschaft nicht interessiert.

Mord und Vergewaltigung in Indien: Spiegel der Gesellschaft

„Der Fall ist ein Spiegel dessen, wie unsere Gesellschaft denkt und wie es um Recht und Gesetz bestellt ist“, sagt die Mutter der Studentin Jyoti Singh, die vor sieben Jahren in Indien ermordet wurde. „Ich befürchte, dass die Familie wie wir jahrelang um Gerechtigkeit kämpfen muss.“ Jyoti wäre im Mai 30 Jahre alt geworden. Indiens Parlament, das sich nach Protesten im Land mit dem Mord an der Tierärztin beschäftigte, diskutiert eine weitere Strafverschärfung bei Vergewaltigung. Einige Abgeordnete schlugen selbst öffentliche Kastrierungen oder das Lynchen der Täter vor. Doch härtere Strafen scheinen nicht die Antwort zu sein.

„Gewalt gegen Frauen ist im Kopf der Gesellschaft, der Männer und Jungen verankert. Sie bekommen einen Adrenalinschub davon … Politiker machen widerwärtige Bemerkungen. Sie helfen damit, diese Kultur der Vergewaltigung zu schaffen“, erklärt Ranjana Kumari, Direktorin des Forschungsinstituts „Centre for Social Research“ in Neu-Delhi.

Ein Zeichen dafür, wie schwer diese Kultur zu ändern ist, waren die indischen Suchergebnisse auf den Pornoseiten im Internet: Obwohl es keinerlei Hinweise dafür gab, dass die vier Täter die Vergewaltigung gefilmt hatten, stand Priyankas Name auf der Liste der Suchabfragen auf den Pornowebseiten des Landes ganz oben.

Von Agnes Tandler

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