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Muslime suchen ihre Namen im Melderegister.

Assam

Fast zwei Millionen Menschen in Indien verlieren ihre Staatsbürgerschaft

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Im indischen Nordosten werden fast zwei Millionen Menschen aus dem Melderegister getilgt - die Regierung stigmatisiert weiter die Muslime des Subkontinents.

Für Indien ist Mohammad Sanaullah in den Krieg gezogen. Seine Tapferkeit hat ihm eine Verdienstmedaille des indischen Präsidenten eingebracht. Doch nun ist der 52-jährige Veteran offiziell kein Inder mehr. Sein Name fehlt auf der neuen Staatsbürgerliste, die der Bundesstaat Assam am Samstag veröffentlichte. „Ich habe darauf gehofft, dass sich das noch in letzter Minuten ändern würde“, sagt Sanaullah, der 30 Jahre lang in der Armee diente, der „Hindustan Times“. Auch die Namen seiner drei Kinder finden sich nicht auf der Liste. Damit droht ihnen nun, als „illegale Ausländer“ in ein Abschiebelager gesperrt zu werden.

„Ich bin und bleibe Inder“ sagt Sanaullah. Er will die Entscheidung vor einem Gericht anfechten – eine Option, die nicht alle Betroffenen haben. Vielen fehlen das Geld, die Zeit oder die Unterlagen, um beweisen zu können, dass sie indische Staatsbürger sind. Rund 1,9 Millionen Einwohner des nordöstlichen Bundesstaates Assam finden sich nicht im neuen Staatsbürgerregister mit 31,1 Millionen Namen. Sie haben damit praktisch keine Staatsbürgerschaft mehr. Die Regierung hat ihnen 120 Tage Zeit eingeräumt, gegen die Entscheidung Einspruch einzulegen.

Indien: Armen Menschen fehlen Beweise, dass sie Staatsbürger sind

Doch in der Praxis bedeutet dies herzlich wenig. Besonders armen Indern fehlen Geburtsurkunden oder Schulzeugnisse, mit denen sie beweisen könnten, dass sie und ihre Familien bereits vor 1971 in Assam ansässig waren.

„So viele echte indische Staatsbürger haben keine Papiere“, lamentiert ein Beamter im Bhramaputratal im Westen von Assam. „Sie sind arm, und es ist wirklich nicht ihre Schuld.“ Am Samstag sammelten sich überall in Assam Einwohner, um auf der neuen Liste nach ihren Namen zu suchen. In Apotheken, auf Märkten und Print Shops hatten Angestellte ihre Laptops zur Verfügung gestellt. Die Stimmung war angespannt.

Mohendra Das, ein Tagelöhner, ist nicht auf der Liste zu finden. Er verdient 300 Rupien (umgerechnet 3,80 Euro) pro Tag, manchmal auch weniger. Er trägt eine gelbe Plastiktasche voller Papiere. Mehrmals ist er zu Hearings gegangen, um seine Identität zu klären. „Jedes Mal habe ich einen Tag Lohn verloren.“ Jetzt, da er ausgeschlossen ist, weiß er nicht, was er tun soll. „Brauche ich diese Unterlagen jetzt überhaupt noch?“

Indien will illegale Einwanderer aus Bangladesch identifizieren und zurückschicken

Indiens Regierung sagt, die neue Liste solle dazu dienen, illegale Einwanderer aus dem mehrheitlich muslimischen Nachbarland Bangladesch zu identifizieren und zurückzuschicken. Assam teilt mit Bangladesch eine rund 260 Kilometer lange Grenze, die an vielen Stellen leicht zu überwinden ist. Um als Staatsbürger zu gelten, mussten die Einwohner von Assam beweisen, dass sie oder ihre Familien bereits vor 1971, der Gründung von Bangladesch, in Assam gelebt haben. Assam hat nach Kaschmir den zweithöchsten Anteil von Muslimen in Indien. Gut 34 Prozent der Einwohner Assams sind muslimisch, 62 Prozent sind Hindus.

Kritiker sehen den Vorstoß der indischen Regierung als Versuch, das Land zu hinduisieren – zulasten der religiösen Minderheiten. Indiens einflussreicher Innenminister Amit Shah fordert seit längerem, ein solches Staatsbürgerschaftsregister wie in Assam für ganz Indien zu erstellen.

Indien schließt alle aus, die nach 1971 nach Assam gekommen sind

Das neue Staatsbürgerregister schließt alle aus, die nach 1971 nach Assam gekommen sind. Doch die nun zu „illegalen Ausländern“ erklärten Inder können auch nicht so einfach über die Grenze nach Bangladesch deportiert werden. Denn Bangladesch sieht den Großteil dieser Einwohner als Inder an. Nur die wenigsten haben Papiere aus Bangladesch oder sind im Nachbarland geboren. Ihr Schicksal in Indien ist unklar.

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