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Bezahlbares Wohnen ist ein Hauptanliegen von India Walton.
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Bezahlbares Wohnen ist ein Hauptanliegen von India Walton.

Demokratin auf dem Vormarsch

Wahl in den USA: India Walton ist die Hoffnung der Linken

  • Fabian Scheuermann
    VonFabian Scheuermann
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Mit India Walton könnte eine bekennende „demokratische Sozialistin“ Bürgermeisterin der US-Stadt Buffalo werden.

Buffalo - In linken Kreisen war die Euphorie groß an jenem Juniabend, als sich abzeichnete, wer für die Demokraten bei der Bürgermeisterwahl in der US-Großstadt Buffalo antreten wird. Denn die Vorwahl gewann nicht der 62-jährige Byron Brown, der die Stadt am Eriesee seit 2005 regiert und stets mit komfortablen Mehrheiten wiedergewählt wurde. An jenem Abend schob sich stattdessen eine kleine Frau mit kurz geschnittenem Haar ins Rampenlicht, mit der viele nicht gerechnet hatten:

India Walton, 39, seit dem 15. Lebensjahr Mutter, von Beruf Krankenschwester und Aktivistin für bezahlbares Wohnen – und wie Brown eine Schwarze.

India Walton: Bernie Sanders twittert hoffnungsvoll

Mit 52 Prozent wurde Walton – bei niedriger Wahlbeteiligung – zur Bürgermeisterkandidatin gewählt. Da in der demokratischen Hochburg Buffalo keine Konkurrenz von den Republikanern droht, schien ihr Einzug ins Rathaus nach der Wahl am 2. November ausgemachte Sache. Progressive Stimmen aus der Demokratischen Partei, die eine Umverteilung von Reich zu Arm fordern und unter dem Label „Demokratischer Sozialismus“ agieren, jubelten. Schließlich gelang es in den vergangenen Jahrzehnten nur einer Handvoll dezidiert linker Politiker:innen, Oberhaupt einer US-Großstadt zu werden.

Auch bei den Vorwahlen für die Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr konnte sich die links-progressive Fraktion der Demokraten mit dem Kandidaten Bernie Sanders nicht durchsetzen. „Waltons Sieg zeigt die Kraft einer Politik, die die Menschen in den Fokus rückt“, twitterte Sanders nun hoffnungsvoll. Und ein Video, das Walton am Abend der Vorwahl zeigte, ging viral: „Mum, ich werde Bürgermeisterin!“, rief sie hörbar bewegt in ihr Handy. Es schien, als tue sich da etwas am linken Rand der US-Politik.

India Waltons Erfolg überrascht Fachleute

Doch noch ist die Wahl nicht gelaufen. Denn der wirtschaftsfreundliche Brown, der in der Demokratischen Partei des Staates New York, dessen zweitgrößte Stadt Buffalo ist, bestens vernetzt ist, dachte nicht ans Aufgeben. Zuerst forderte er in bester Trump-Manier, dass „jede Stimme gezählt“ werden müsse. Dann stieg der Mann, der während des Wahlkampfs nicht mit Walton im Fernsehen diskutieren wollte, als Unabhängiger ins Rennen um den Bürgermeisterposten ein.

Dass Walton überhaupt so weit gekommen ist, gilt Fachleuten zufolge schon als Überraschung. Denn Buffalo steht nicht für das akademisch-urbane Milieu, wo man einen Erfolg besonders linker Demokrat:innen vermuten würde. Die Stadt liegt im „Rust Belt“: jener Region im Nordosten der USA, deren Bewohner:innen unter dem Niedergang der einst starken Industrie leiden – und deren Schwenk von den Demokraten zu den Republikanern Donald Trump 2016 mit zum Wahlsieg verhalf. Anfang der 60er Jahre lebten in Buffalo mehr als 530.000 Menschen, 2020 waren es noch 278.000. Teile der Innenstadt liegen brach. Und jedes vierte Kind in der Stadt lebt in Armut.

India Walton: „Buffalo hat alles Potenzial in der Welt“

Hier setzt India Waltons Kampagne an. Während Brown auf seinen Internatkanälen hippe Street-Food-Märkte und Smoothie-Bars bewirbt und einen leichten Bevölkerungsanstieg in den vergangenen Jahren und wieder steigende Immobilienpreise in manchen Stadtteilen als Erfolg seiner Politik verkauft, betont Waltons Kampagne, dass die vierfache Mutter doch viel besser wisse, was die „normalen Leute“ brauchten. Jene, die sich das Leben in den nun gentrifizierten Vierteln nicht mehr leisten können – geschweige denn eine gescheite Krankenversorgung. Leute, die sich eine transparentere lokale Verwaltung und Polizei wünschten.

Das Framing von Brown als Vertreter des Establishments und von Walton als „eine von uns“ scheint bei der Vorwahl gezogen zu haben. „Buffalo hat alles Potenzial in der Welt“, sagt Walton. Es brauche „nur die richtige Führung“ – und eine „Politik, die für alle kämpft und nicht nur für eine Handvoll reicher Leute“. Brown begegnet Waltons Argumenten mit einer Angstkampagne: Die Aktivistin werde die Steuern erhöhen, warnt er. Und in einem Interview mit CNN sagte der Amtsinhaber kürzlich, ein Wahlsieg Waltons käme einem „Alptraum für jede Person in unserer Gemeinschaft“ gleich.

Einer aktuellen Umfrage zufolge liegt Brown vor Walton. Doch die 39-Jährige hat schon einmal bewiesen, dass sie für eine Überraschung gut ist. Da kommt es ihr zupass, dass mit dem demokratischen Mehrheitsführer im Senat, Chuck Schumer, kurz vor der Wahl auch ein bekannter moderater Demokrat seine Unterstützung für sie öffentlich gemacht hat. Walton sei „inspirierend“, sagte er – ein Attribut, das auch die Demokratische Partei, die im Umfragetief hängt, gebrauchen kann. (Fabian Scheuermann)

„Democratic Socialism“

Politikerinnen und Politiker unter anderem vom linken Flügel der demokratischen Partei in den USA bezeichnen sich oft als „democratic socialists“ – als „demokratische Sozialist:innen“.

Sie fordern mehr Staat und wollen Ungleichheit durch Umverteilung von Reich zu Arm bekämpfen – allerdings stets auf demokratischem Wege, weshalb die politische Strömung von autoritärem Sozialismus abzugrenzen ist.

Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez sind die wohl bekanntesten Vertreter:innen dieser Strömung. (fab)

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