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In Kanada gibt es Hinweise auf weitere tote indigene Kinder

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Von: Gerd Braune

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In Kanada vermuten Forschende in der Nähe eines ehemaligen Internats ein Gräberfeld.

Kanada wird erneut mit der tragischen und schändlichen Geschichte seiner Internatsschulen für indigene Kinder konfrontiert: In der Gemeinde der Williams Lake First Nation in British Columbia wurden offenbar unmarkierte Gräber von Kindern gefunden, die in den Schulen starben. „Wir müssen sicherstellen, dass Kanada erfährt, welche Grausamkeiten in diesen Schulen passierten“, sagten Angehörige von First Nations, die die Schule der Williams Lake First Nation besuchten.

Der Chief der Williams Lake First Nation, Willie Sellars, gab die mutmaßliche Entdeckung am Dienstag bekannt. Mit Boden durchdringendem Radar und anderen modernen Technologien seien auf dem Gelände der inzwischen abgerissenen St. Joseph Missionsschule, einer der vielen „Residential Schools“ für Kinder der indigenen Völker, Hinweise auf 93 „potenzielle menschliche Grabstellen“ entdeckt worden. Untersucht wurden bisher lediglich vierzehn der 470 Hektar Schulgelände und einer dazu gehörenden Ranch. Sellars sprach von „vorläufigen Ergebnissen“ der ersten Phase der geophysikalischen Untersuchung des Bodens. Ein Teil der möglichen Gräber liegt im Bereich eines früheren Friedhofs, aber etwa 50 lägen außerhalb des Friedhofs, sagte Whitney Spearing, die die Arbeiten leitete. Nur durch Ausgrabungen werde man sicher feststellen können, ob es sich tatsächlich um menschliche Gräber und um Kinder der Missionsschule handele und wie viele Gräber es seien.

Indigene Kinder in Kanada wurden ihrer Identität beraubt

Seit im Frühsommer 2021 in der Nähe von Kamloops auf dem Gelände einer früheren „Residential School“ die unmarkierten Gräber von vermutlich mehr als 200 Kindern gefunden worden waren, setzt sich Kanada mit diesem schändlichen Aspekt der Geschichte dieser Schulen auseinander. An weiteren Schulen wurden seitdem nicht gekennzeichnete Grabstätten ermittelt, die Zahl liegt mittlerweile bei über 1000.

Eingerichtet wurden die Schulen vom kanadischen Staat, sie wurden aber überwiegend von Kirchen, in diesem Fall von der katholischen Kirche, betrieben. „Residential Schools“ waren das dominierende Schulsystem für die Kinder der First Nations, wie die indianischen Nationen genannt werden, des Volks der Inuit und der Métis. 130 dieser Schulen gab es in Kanada. „Residential Schools“ bestanden bis in die 1990er Jahre. Ihr Niedergang setzte Ende der 1960er Jahre ein, als die schlimmen Folgen dieses System immer deutlicher wurden. Die Schulen dienten dem Ziel, die Kinder in den von europäischen Eingewanderten geprägten Staat einzugliedern. Sie wurden ihren Familien entrissen und in die Schulen gebracht, die meist außerhalb ihrer Reservationen lagen; ihre Identität und Kultur wurde beschädigt oder zerstört.

Eine Kommission hatte 2015 einen langen Bericht über die Schulen veröffentlicht und Berichte von Betroffenen festgehalten, die von Missbrauch berichteten, den sie in den Schulen erlitten hatten. Die Kommission stellte auch fest, dass mindestens 4100 Kinder durch Krankheiten, Vernachlässigung oder Unfälle in den Schulen ums Leben kamen. Viele wurden, oft ohne Mitteilung an ihre Familien, in unmarkierten Gräbern beigesetzt.

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