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Ukraine-Konflikt: Stimmungsbild einer bedrohten Bevölkerung

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Von: Stefan Scholl

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Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg mit Russland schon acht Jahre im Gange. Dennoch beunruhigt die drohende Invasion das Land. Viele wollen sich im Falle eines Angriffs erbittert wehren.

Kramatorsk - Krieg bedeutet viel Papierkrieg, auch wenn unklar ist, ob er überhaupt ausbricht. „Wir haben angefangen, alle Dokumente zu scannen“, erzählt Irina, Bankangestellte aus der ostukrainischen Stadt Kramatorsk. „Die Scans bleiben in der Filiale, die Originale werden ins Hinterland gebracht, in die Zentrale, falls sich die Lage hier verschärft.“ Panik gebe es keine, aber die Lebensmittel seien etwas teurer geworden. Irina Gawrjuschenko ist eine große, blonde Frau, der Donbass-Akzent ihres Russischs klingt beruhigend. „Wenn es nur Artilleriebeschuss gibt, wie 2014, bleiben wir hier.“ In Kramatorsk stehe ihr Haus, hier lebten ihre alten Eltern. „Aber wenn es wirklich Okkupation gibt, fahren wir weg.“

Über der 160.000 Seelen-Stadt Kramatorsk und der gesamten Ukraine schwebt der Schatten eines großen Krieges. Nach westlichen Meldungen konzentriert Russland 130.000 Mann, Luftwaffe, Raketensysteme und Landungsschiffe an den Grenzen und Ufern des Landes. Ihr Angriff soll unmittelbar bevorstehen.

Ukraine: Menschen erkundigen sich nach Luftschutzbunkern

Die Russen behaupten ihrerseits, im Donbass hätten sich 120.000 ukrainische Truppen versammelt, um die Rebellenrepubliken Donezk und Lugansk zurückzuerobern. Und in Charkiw, Kiew oder Dnipro erkundigen sich die Leute, welche Metro-Stationen als Luftschutzbunker taugen.

„Die Ukrainer werden Widerstand leisten“: Demonstrierende tragen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ein Banner mit klarer Botschaft vor sich her. Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
„Die Ukrainer werden Widerstand leisten“: Demonstrierende tragen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ein Banner mit klarer Botschaft vor sich her. © Efrem Lukatsky/dpa

Überall packen die Menschen „Alarmköfferchen“, mit den wichtigsten Papieren, Arzneien, Unterhosen und anderen Lebensnotwendigkeiten. Man wappnet sich, schimpft auf Wladimir Putin, aber auch auf die Strompreise. Außerdem, sagen die Ukrainer:innen, habe man ja schon acht Jahre Krieg.

Der eine hortet Lebensmittel, die andere kauft einen Dieselgenerator, Kiew hat sich geleert. „Ich bin in einer halben Stunde mit dem Taxi quer durchgefahren“, staunt die Studentin Dana, die gerade aus Israel zurückgekehrt ist – aber das mag auch an der Omikron-Welle liegen. „Jedenfalls haben mir in Israel alle gesagt: ,Bleib hier, bei uns ist es viel sicherer!‘“ Dana grinst.

Ukraine: „Es gibt keine Panik, sondern Unruhe“

Zurück in Kramatorsk. „Es gibt keine Panik, sondern Unruhe.“ Auch Irinas Mann Ruslan weiß, was Krieg ist. Im Sommer 2014 verlief durch die Stadt die Front, gehalten von prorussischen Rebellen. Über der Datschensiedlung, in der das Haus der Gawrjuschenkos steht, flogen gelegentlich Artilleriegeschosse, sie ließen sich davon nicht beim Grillen stören.

Ein Land unter Druck: die Ukraine.
Ein Land unter Druck: die Ukraine. © FR

Auch angesichts der neuen Drohung halten die Ukrainer:innen am Alltag, seinen Freuden und Sorgen fest. Irina und Ruslan erzählen vergnügt von ihren vier Hunden, einer aus dem Tierheim, drei von der Straße.

Aber die Sorgen überwiegen, auch ohne Krieg. Der Kleinunternehmer Ruslan hat vor einem Monat seine Lebensmittelläden geschlossen. „Es gibt neue Steuerbestimmungen. Sie haben wieder Kassenapparate für den Kleinhandel eingeführt.“ Eine korruptionsträchtige Neuerung, so Ruslan. „Eine Verkäuferin hat die 60 Kopeken (umgerechnet knapp zwei Cent) für einen verkauften Kringel nicht sofort eingegeben, da hat der Käufer seinen Steuerbeamtenausweis gezückt.“ Ruslan zahlte 200 Dollar Schmiergeld, um die Lage zu retten.

Ukraine: „Unter Selenskyj ist es schlimmer als unter Poroschenko“

Auch in Kiew oder in Odessa hört man Geschichten von Geschäften, die wegen der Kassenapparate dicht gemacht haben. „Der Mittelstand wird kaputt gemacht“, sagt Irina. Die Menschen ärgern sich über Korruption und Inkompetenz ihrer Obrigkeit, sie ärgern sich mit Wonne. 40 Prozent der Gelder für das staatliche Investitionsprogramm „Großer Aufbau“ würden veruntreut, schimpft Wadim, Schreinerei-Inhaber aus Odessa und Aktivist der russlandfreundlichen „Oppositionellen Plattform“. „Unter Selenskyj ist es schlimmer als unter Poroschenko und sogar unter Janukowitsch“, sagt auch Ruslan, erklärter Anhänger der prowestlichen Maidan-Revolution von 2014. Damals stürzten die Ukrainer:innen den korrupten Putin-Kumpel Viktor Janukowitsch. Aber auch seinen liberalen Nachfolger Petro Poroschenko wählten sie bei der ersten Gelegenheit ab.

Wie die Menschen in Russland scheint man in der Ukraine am sowjetischen Erbe zu leiden, vor allem die Rentner:innen hoffen bei jedem neuen Präsidenten, er werde endlich all ihre Nöte beseitigen. Aber jede Reform verschiebt die Korruption nur. „Die Leute begreifen nicht, dass sie sich engagieren, ihre Politiker kontrollieren müssen“, sagt Oles Lyssak, ein in die USA emigrierter Geschäftsmann auf Heimaturlaub in der Region Charkiw.

Die Nationalhymne der Ukraine birgt eine aktuelle Nationalidee

Und doch reißen die Geduldsfäden regelmäßig. Während der 22 Jahre, in denen sich Russland inzwischen von Wladimir Putin beherrschen lässt, gelang in der Ukraine keinem einzigen Staatschef die Wiederwahl, veranstaltete das Volk zwei erfolgreiche Straßenrevolutionen.

Und im Gegensatz zu Russland kennt ein Großteil der Menschen in der Ukraine den Text der eigenen Nationalhymne auswendig: „Leib und Seele geben wir für unsere Freiheit und zeigen, Brüder, dass wir zum Kosakengeschlecht gehören.“ Ein Kehrreim aus dem vorletzten Jahrhundert, voller Pathos, aber er birgt eine aktuell funktionierende Nationalidee: Wir sind Kosaken, freie Bauernkrieger, die in Nachbarschaft zum Feind leben und ihren Ataman selbst wählen. Und taugt er nicht, so jagen wir ihn mit der Mistgabel davon.

Saschko Sadaroschni, Direktor einer Klinik bei der Kreisstadt Sarny in der Region Riwne, 850 Kilometer weiter westlich, redet ukrainisch. „Wenn es Krieg gibt, werde ich kämpfen“, er lächelt, „ich habe keine andere Wahl“. Hier, in der Westukraine, kämpften im Zweiten Weltkrieg Partisanen der „Ukrainischen Aufständischen Armee“ des Nationalistenführers Stepan Bandera. Erst für, dann gegen die Deutschen und bis 1950 gegen die Sowjettruppen.

Ukraine: Zivilpersonen mit Jagdflinten und Kalaschnikows

Die Menschen in der Region betrachten Bandera als Nationalhelden, beten griechisch-katholisch oder ukrainisch-orthodox und sind traditionell antimoskowitisch. Die russischen Medien beschimpfen im Gegenzug die Kiewer Regierung als Junta von Bandera-Faschisten. Obwohl seit 2014 mit Poroschenko und Selenskyj zwei Kandidaten aus jüdischen Familien die Präsidentenwahlen gewannen und keiner rechtspopulistischen Partei der Einzug ins Parlament gelang.

Wenn die russische Armee kommt, wollen 58 Prozent der Männer und 12,8 Prozent der Frauen Widerstand mit der Waffe leisten. Foto: Vadim Ghirda/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Wenn die russische Armee kommt, wollen 58 Prozent der Männer und 12,8 Prozent der Frauen Widerstand mit der Waffe leisten. © Vadim Ghirda/dpa

Saschko zeigt Namenslisten von 1943. Darauf hätten Kommunisten die Namen der Bandera-Leute in den Dörfern des Kreises gesammelt, um sie nach dem Einmarsch der Roten Armee erschießen zu lassen. „Auch mein Großvater stand drauf.“ Und jetzt führe der russische Geheimdienst wieder solche Listen. „Also kämpfen wir“. Auf Facebook und Instagram häufen sich Gruppenfotos von Zivilpersonen mit Jagdflinten und Kalaschnikows.

„Ich habe Probleme mit der Bandscheibe“, sagt Ruslan. „Aber wenn sie wirklich kommen, nehme ich auch ein Gewehr.“

Ukraine: Viele wollen bei Invasion zur Waffe greifen

Wadim, der Schreinereibesitzer aus Odessa, schimpft auf die USA und Großbritannien, die wollten hier Krieg gegen Putin bis zum letzten Ukrainer veranstalten. Aber dann bringt er die Sprache auf ein Gerichtsurteil im fernen Sibirien. Dort wurde vergangene Woche ein Teenager, der mit 14 Jahren ein Protestplakat an die Wand eines FSB-Büros geklebt hatte, für fünf Jahre eingesperrt. „Eines will ich auf keinen Fall“, sagt Wadim: „dass meine Kinder oder ich in einem Staat wie Russland leben“.

Putin beschuldigt den Westen, er wolle ein Antirussland aus der Ukraine machen. Aber Moskau verwandelt die Menschen in der Ukraine selbst in Antiruss:innen. Nach einer Umfrage des Kiewer Internationalen Soziologie-Instituts von Dezember würden 59,2 Prozent der Ukrainer bei einer Volksabstimmung für den Beitritt zur NATO votieren. Wenn die russische Armee kommt, wollen 58 Prozent der Männer und 12,8 Prozent der Frauen Widerstand mit der Waffe leisten.

Wie viele Ukrainer:innen hat Irina russische Verwandte, ihr Onkel und seine Familie leben im sibirischen Tomsk. „Aber wir telefonieren kaum noch.“ Wenn doch, erzählten die Verwandten nach, was sie im Staats-TV hörten, wüssten besser als Irina oder ihr Vater, wie man in der Ukraine lebe. „Die Russen glauben ihrem Fernseher mehr als dem eigenen Bruder.“ (Stefan Scholl)

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