1. Startseite
  2. Politik

In Belarus gestrandet: Der lange Weg des Irakers Miraz R.

Erstellt:

Kommentare

Polen im Januar: An der Grenze zu Belarus bewachen Soldaten den Bau einer fast sechs Meter hohen und 186 Kilometer langen Mauer.
Polen im Januar: An der Grenze zu Belarus bewachen Soldaten den Bau einer fast sechs Meter hohen und 186 Kilometer langen Mauer. © Wojtek Radwanski / AFP

Ein Kurde aus dem Irak hatte seinen Ausbildungsplatz als Pfleger in einem Seniorenheim so gut wie sicher. Doch das deutsche Konsulat stellte ihm kein Visum aus.

Minsk – Es ist ein Tag vor Heiligabend, als Miraz R. zum ersten Mal bei der deutschen Flüchtlingshilfsorganisation anruft, deren Adresse er im Internet gefunden hat. Zu diesem Zeitpunkt ist der irakische Kurde bereits seit drei Monaten in Belarus. Der 25-Jährige ist einer von Hunderten Menschen, die – angelockt von den Versprechen des belarussischen Diktators Alexander Lukaschenko – darauf hoffen, sich in Europa ein neues Leben aufbauen zu können. Doch mit jedem Tag, der vergeht, wird ihm deutlicher, wie schwierig das ist.

Im November hat Miraz, der eigentlich anders heißt, versucht, mit einigen anderen aus dem Irak über die polnische Grenze zu gelangen. Drei Nächte seien sie im Urwald gewesen, in jenem Sumpfgebiet, das Flüchtlingsaktivist:innen „die Hölle“ nennen. Mindestens 21 Menschen sind dort schon gestorben. „Eine Nacht war ich ganz alleine“, erzählt Miraz. „Es war eiskalt und gefährlich, da habe ich mich zur Umkehr entschieden.“ Seitdem stellt er den Deutschen, mit denen er spricht, immer wieder eine Frage: „Was soll ich tun?“ Im Dezember schwankt er zwischen der Hoffnung, dass Europa die Grenze doch noch aufmacht, und dem Impuls, zurückzugehen in den Irak.

Flucht über Belarus nach Europa: Türkei bombardiert kurdische Stellungen

Miraz R. ist das, was Deutschland braucht: eine Fachkraft. Im Irak hat er eine Ausbildung zum Anästhesiepfleger abgeschlossen, die Zeugnisse liegen der Frankfurter Rundschau vor. Doch weil er keine Stelle fand, arbeitete er in einem Supermarkt, 40 Stunden die Woche, für umgerechnet sieben Euro. „Wie soll man sich damit ein Leben aufbauen?“ Die Arbeitslosigkeit ist hoch in seiner Heimat, und gefährlich ist es auch. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ ist im Irak weiterhin aktiv, immer wieder kommt es zu Anschlägen.

Für Menschen wie Miraz, die in den kurdisch dominierten Regionen leben, kommt eine weitere Bedrohung hinzu: Angriffe vom Nato-Partner Türkei. Mit Kampfjets und Drohnen hat die Türkei im Januar und Anfang Februar erneut kurdische Stellungen angegriffen, es gab Tote und Verletzte. Kurdische Medien berichten auch von Angriffen auf Zivilpersonen und der Zerstörung von Dörfern sowie ziviler Infrastruktur.

Perspektivlosigkeit im Irak: Miraz lernt Deutsch, bereitet sich intensiv vor

Miraz hat sich vor einigen Jahren entschlossen, Deutsch zu lernen und nach Deutschland zu gehen. Die fremde Sprache spricht er so gut, als hätte er einmal hier gelebt, dabei hat er deutsche Grammatik und Vokabeln nur am Goethe-Institut in seiner Heimat gepaukt. „Ich habe gedacht, Deutschland braucht Pflegekräfte“, antwortet er auf die Frage, warum er nach Deutschland will.

Über Skype hatte er im Frühling 2020 ein Vorstellungsgespräch beim Haus Monika, einer Altenpflege-Einrichtung in Nordrhein-Westfalen. Weil ausländische Abschlüsse in Deutschland selten anerkannt werden, wollte er dort eine Ausbildung zur Pflegefachkraft beginnen. Das Haus Monika hätte ihn gerne eingestellt. „Wir finden ja kaum deutsche Azubis“, sagt Lennart Frevel aus der Verwaltung des Pflegeheims. Er erinnert sich noch gut an Miraz und daran, dass das deutsche Konsulat in Erbil in seinem Fall „außergewöhnlich viele Unterlagen anforderte“. „Mehr, als ich es gewohnt bin“, sagt Frevel, der mit Azubis und Fachkräften aus Indien und Indonesien, Marokko und Kamerun arbeitet.

Behördliche Hürden für Iraker Miraz R.: Ausbildungsvertrag war schon ausgestellt

Das Haus Monika stellte Miraz einen Ausbildungsvertrag aus, auch für Unterkunft und Lebenshaltungskosten wäre gesorgt gewesen. Doch die zuständige Berufsschule unterschrieb den Vertrag nicht. Warum, lässt sich heute nur schwer überprüfen. Die Mitarbeiterin, die damals für den Fall zuständig war, ist in Rente. Miraz sagt, die Schule habe ihm gegenüber mit der Begründung abgelehnt, das sei nicht möglich, weil er nicht in Deutschland sei. Doch auch aus dem Ausland heraus sei es möglich, einen Ausbildungsvertrag abzuschließen, erklärt Birgit Naujoks vom Flüchtlingsrat Nordrhein-Westfalen.

Lennart Frevel sagt, die Berufsschule sei oft vorsichtig, wohl aus Sorge, die Deutschkenntnisse der Kandidaten würden nicht ausreichen. Im Fall von Miraz ist das schwer verständlich, er hat ein B1-Zertifikat. Als Zwischenlösung erhielt er einen Vertrag für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), das dann in eine Ausbildung übergehen sollte – ein Vorgehen, das nicht unüblich sei, sagt Frevel.

Ping-Pong-Spiel um Einreise nach Deutschland: Der Ausbilder setzt sich persönlich ein

Miraz ging damit zum deutschen Konsulat in Erbil. Dann begann das, was seinen Schilderungen zufolge einem Ping-Pong-Spiel gleicht: ständige Telefonate mit den dortigen Mitarbeitenden, widersprüchliche Aussagen, ob er nun ein Visum erhalte oder nicht, dann die Information, wegen der Pandemie sei die Einreise vorerst unmöglich.

Lennart Frevel setzte sich persönlich für Miraz ein, wandte sich am 24. September 2020 per E-Mail ans Konsulat. „Ich schreibe Ihnen wegen einem zukünftigen Mitarbeiter aus dem Irak. Herr R. bewarb sich Anfang des Jahres bei uns, um dieses Jahr seine Ausbildung zum Pflegefachmann anzufangen. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde sein Botschaftstermin abgesagt (...); einen neuen Visatermin hat er noch immer nicht bekommen“, heißt es darin. Und weiter: „Für Herrn R. ist das die letzte Chance, hier in Deutschland einzureisen. Zudem haben wir uns fest auf sein Erscheinen verlassen und wären daher umso enttäuschter, wenn von Ihnen keine Rückmeldung käme. Daher bitte ich Sie inständig, zeitnah einen Termin zu erteilen.“

Ausreise aus dem Irak: Sehr lange Wartezeiten bei diplomatischen Vertretungen

Doch auch das Engagement von Lennart Frevel bleibt erfolglos. Er erhält eine nichtssagende, automatisierte Antwort. In einer späteren Mail bedauert das Konsulat ein „Büroversehen“, aus dem sich „Stornierungen“ von Terminen ergeben hätten. Das ist kein Einzelfall. Maria Loheide, Vorständin für Sozialpolitik der Diakonie, bestätigt: „Neben den hohen bürokratischen Hürden ist die Visumsvergabe der deutschen Auslandsvertretungen auch bei Arbeitsvisa und FSJ restriktiv, manchmal sogar willkürlich.“

Dass die Zusammenarbeit mit den Konsulaten mühselig ist, hat auch Lennart Frevel schon häufig erlebt. Marokkanische Bewerber etwa müssten anderthalb bis zwei Jahre warten, bis sie überhaupt einen Termin erhielten. „Wir waren schon oft in der Situation, dass wir jemandem einen Ausbildungsplatz angeboten haben und es am Ende nicht geklappt hat“, erzählt er. „Das ist sehr enttäuschend.“ Seiner Erinnerung zufolge trifft Miraz „keine Schuld daran, dass es nicht geklappt hat“.

Belarus im November: Tausende ziehen zur polnischen Grenze.
Belarus im November: Tausende ziehen zur polnischen Grenze. © Leonid Shcheglov/AFP

Gestrandet in Belarus: Schlafen mit Mantel und drei Hosen übereinander

Am 30. Dezember 2021 meldet sich Miraz erneut bei der Frankfurter Rundschau. Er will wissen, ob es Hoffnung gibt für ihn und die anderen Menschen, die in dem Camp in Belarus festsitzen. „Ich glaube, die neue deutsche Regierung ist besser als die alte“, sagt er. „Mit dem Mindestlohn, und auch mit Flüchtlingen.“ Für Miraz ist das ein Strohhalm, an den er sich klammert. „Seit Jahren versuche ich, ein Visum für Deutschland zu bekommen, aber es klappt nicht. Auf legalem Weg darf ich nicht einreisen, und als Flüchtling auch nicht.“ Dann beteuert er: „Ich werde kein Geld von Deutschland nehmen, ich brauche keine Sozialhilfe. Ich will arbeiten!“ Miraz weiß, dass deutsche Minister:innen nach Mexiko und Vietnam fliegen, um dort Pflegepersonal anzuheuern. „Aber ich komme aus dem falschen Land“, vermutet er. „Mein irakischer Pass ist nicht stark genug für ein deutsches Visum.“

Während des Telefonats hustet er häufig. Nachts seien es draußen minus zwölf Grad und drinnen, in dem provisorischen Lager, in dem Hunderte Menschen warten, zwei Grad. „Meinen Mantel habe ich nicht ausgezogen, seit ich hier bin. Ich schlafe mit Mantel und drei Hosen übereinander. Ich halte die Kälte schon aus, aber für die Kinder ist es furchtbar, viele von ihnen weinen die ganze Zeit“, erzählt er. „Das Camp ist ein Platz für Tiere, nicht für Menschen.“ Die Böden der wenigen Duschen seien zu Eis gefroren, ernährt habe er sich wochenlang nur von Joghurt. Der 25-Jährige vermisst seine Eltern und vor allem seine kleine Schwester.

Verzweifelter Fluchtversuch eines Irakers aus Belarus: Miraz vertraut sich Schleppern an

Am 18. Januar verlässt er das Camp. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) bringt ihn in eine Wohnung – unter der Voraussetzung, dass er am nächsten Tag zurück in den Irak fliegt, bezahlt von der IOM. Doch er überlegt es sich anders, vertraut sich Schleppern an – obwohl ihm bewusst ist, wie gefährlich der Versuch ist, illegal über die Grenze nach Polen zu gelangen. Immer wieder werden Menschen dort vom Grenzschutz zurückgeprügelt. Aber ein paar schaffen es auch, rund 30 Menschen pro Tag.

Um das zu verhindern, beginnt die polnische Regierung Ende Januar mit dem Bau einer Mauer. Fünf Meter hoch soll sie werden, ausgestattet mit Kameras und Bewegungsmeldern, Miraz macht sich keine Illusionen. „Jeder Schlepper ist schlecht. Die lügen alle, das weiß ich.“ Und dann kommt sie wieder, die Frage: „Aber was soll ich sonst machen?“

Komplizierte Aufenthaltsregeln: „Als Dublin-Fall von der Ausbildungsduldung ausgeschlossen“

„Aufgrund des Personalmangels freuen sich die Pflege-Einrichtungen in Deutschland über jeden“, sagt Frevel. „Ich glaube schon, dass Herr R. einen Arbeitsplatz finden würde.“ Das Problem sind die Aufenthaltsbestimmungen. Gelänge ihm die Einreise nach Polen und die Weiterreise nach Deutschland, müsste er laut den Dublin-Regeln nach Polen zurückgeschickt werden. Und selbst wenn sein Asylverfahren hier stattfände, hätte er bei Unterbringung in einer Landesaufnahmeeinrichtung die ersten neun Monate ein Arbeitsverbot. „Zudem ist er als Dublin-Fall von der Ausbildungsduldung ausgeschlossen“, erläutert Birgit Naujoks vom Flüchtlingsrat Nordrhein-Westfalen. Kurzum: Miraz hat in Deutschland kaum Chancen.

„In Belarus kann er als Iraker auch nicht zur Deutschen Botschaft gehen, die ist für ihn nicht zuständig“, erklärt Naujoks. „Er müsste also zurück in den Irak. Dort könnte er erneut versuchen, ein Visum zu bekommen, diesmal über das Fachkräfteeinwanderungsgesetz.“

Fluchtversuch eines Irakers über Belarus: Der Kontakt zu Miraz ist abgebrochen

Maria Loheide von der Diakonie teilt diese Einschätzung, weist aber auch auf die Schwierigkeiten hin. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das seit 2020 in Kraft ist, habe zwar viele neue Möglichkeiten geschaffen, um Menschen aus Drittstaaten den Weg in den deutschen Arbeitsmarkt zu ebnen. Aber: „Die Visavergabepraxis – zumal aus Krisengebieten – wurde bisher vom Auswärtigen Amt äußerst restriktiv gehandhabt.“

Der Irak ist ein solches Krisengebiet. Und Miraz hat weder das Geld noch die Nerven, um dorthin zurückzufliegen und wieder von vorne zu beginnen. Er ist fest entschlossen, es nach Deutschland zu schaffen. Am 22. Januar hat die Frankfurter Rundschau das letzte Mal mit ihm gesprochen. Seitdem ist der Kontakt abgebrochen. (Elisa Rheinheimer)

Auch interessant

Kommentare