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Auch in Dresden ist die Impfbereitschaft gering.
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Auch in Dresden ist die Impfbereitschaft gering.

Corona

Impfschlusslicht Sachsen

  • Fabian Scheuermann
    VonFabian Scheuermann
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Impfskepsis und Verschwörungsdenken sind im Freistaat sehr verbreitet – vor allem in den Hochburgen der AfD.

Man ist dieser Tage regelmäßig mit Situationen konfrontiert, die man sich vor der Pandemie nicht hätte vorstellen können. So auch in diesem Fall: Eine junge Familie aus Hessen plant einen Urlaub in ihrer Lieblingsstadt Leipzig – schreckt aber davor zurück, mit dem Zug anzureisen und vor Ort Tram zu fahren. Weil Leipzig in Sachsen liegt – und weil sich in Sachsen deutlich weniger Leute gegen Corona impfen lassen als in Hessen. Die Familie wird also Auto fahren – um nicht unterwegs zu vielen ungeimpften Menschen aus Sachsen zu begegnen.

Die Zahlen sind deutlich: Während in Gesamtdeutschland rund 65 Prozent der Menschen mindestens einmal gegen Covid-19 geimpft worden sind, liegt dieser Wert in Sachsen bei knapp 55 Prozent – der Freistaat ist bundesweit Schlusslicht bei den Impfungen, hinter Brandenburg und Thüringen. Ähnlich schlecht sieht es bei den Durchgeimpften aus: Bundesweit gelten laut Robert-Koch-Institut (RKI) knapp 60 Prozent der Menschen als vollständig geimpft, im Saarland sogar 66 – in Sachsen aber nur 51,5 Prozent.

Politikwissenschaftler Hans Vorländer, Direktor des Zentrums für Verfassungs- und Demokratieforschung an der TU Dresden, hat im Juni mit seinem Team eine repräsentative Studie zu den sozialräumlichen und politisch-kulturellen Rahmenbedingungen von Corona in Sachsen veröffentlicht. Die Ergebnisse ergeben ein zweigeteiltes Bild: „Auf der einen Seite zeigt sich eine knappe Mehrheit mit dem Corona-Management von Bundesregierung und sächsischer Landesregierung zufrieden“, sagt Vorländer. Rund die Hälfte der Sächsinnen und Sachsen bedauere es gar, dass die Politik „nicht härter durchgegriffen“ habe. Und 74 Prozent der Befragten finden es gut, wenn die Politik in der Krise vorrangig dem Rat etablierter Wissenschaftler:innen und Fachleute folgt.

Auf der anderen Seite untermauert die Umfrage mit Zahlen, was man angesichts herausragender AfD-Wahlergebnisse in Sachsen schon vermutet: Impfskepsis und Verschwörungsdenken sind im Freistaat sehr verbreitet. „Die Hälfte der Sachsen glaubt etwa, dass die Gefahr, die vom Covid-19-Virus ausgeht, in den Medien übertrieben wird“, sagt Vorländer. Und 44 Prozent vermuteten, dass die Regierung „aus Rücksicht auf die Pharmalobby“ mögliche Nebenwirkungen von Impfstoffen verschweige.

Vorländer weist allerdings auf regionale Unterschiede hin. So gebe es besonders viele Impfskeptiker:innen in den AfD-Hochburgen im Erzgebirge und im Landkreis Bautzen in Ostsachsen. Genaue Daten, wie viele Menschen dort geimpft sind, existieren jedoch nicht, da Sachsen nur ausweist, in welchem Kreis oder in welcher Stadt eine Impfung durchgeführt wurde – nicht jedoch, woher die dort geimpfte Person stammt. Dennoch sind die Zahlen für den Erzgebirgskreis interessant – schlicht weil sie so extrem niedrig sind. So meldet der Kreis mit seinen rund 331 917 Einwohner:innen lediglich 131 642 Zweitimpfungen – eine Quote von 39,7 Prozent (Stand 23. August). Selbst wenn manche zur Impfung ins nahe Chemnitz gefahren sind, dürfte ein sehr niedriger Wert bleiben.

Neben dem Zusammenhang zwischen rechtem Gedankengut und Impfskepsis, der in besagter Studie der TU Dresden nachgewiesen werden konnte, haben die Ressentiments im Erzgebirge Vorländer zufolge auch einfach Geschichte: „Es gibt traditionell einen gewissen Eigensinn in den erzgebirgischen Communities. Alles, was aus Dresden kommt, stößt dort auf einen gewissen Widerstand.“

Vorländer, der auch Sachsens „Wissenschaftlichem Beirat für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ vorsitzt, berichtet, dass sich das SPD-geführte Sozialministerium in Dresden nun gezielt an Impfskeptiker:innen wende: Etwa mit Social-Media-Filmen und Informationsschreiben an Haushalte, wo man einen hohen Anteil Ungeimpfter vermutet. Laut Sozialministerium wolle man vor allem „Menschen mit geringem Einkommen“ erreichen, „die als Arbeiterinnen und Arbeiter oder Freiberufler tätig sind, zwischen 31 und 40 Jahre alt sind, einen Realschulabschluss haben und Parteiensympathie für die AfD hegen“.

Im Erzgebirge sei der Anteil dieser „für die Impfwerbung besonders relevanten Zielgruppe mit 30 Prozent besonders hoch“, heißt es weiter. Und freilich gibt es auch in Sachsen niedrigschwellige Impfaktionen, etwa im Stadion der Erzgebirgsstadt Aue-Bad Schlema.

Aktuell liegt die Inzidenz in Sachsen zwar deutlich unter dem Bundesschnitt. Doch nimmt man zu den Infizierten auch jene in den Blick, die schon Covid hatten oder daran gestorben sind, ergibt sich ein anderes Bild. Mit 9683 registrierten Fällen pro 100 000 Personen liegt der Erzgebirgskreis an der Spitze aller 401 deutschen Landkreise und Städte. Es folgt einer Berechnung von „Zeit Online“ zufolge der Kreis Bautzen mit 9330 Fällen, bei einem Bundesschnitt von 4712. Am niedrigsten ist der Wert in Sachsen mit 3864 Fällen übrigens in Leipzig. Vielleicht ist die Stadt bald ja doch wieder mal eine Zugreise wert.

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