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Nach tagelangem Schlingerkurs lockerte Premierminister Boris Johnson  am Sonntag die Einschränkungen.

Großbritannien

Immer wachsam bleiben

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Aus „stay home“ wird „stay alert“ – in Großbritannien lockert Premierminister Johnson einige Einschränkungen.

In Großbritannien wächst die Kritik an der Corona-Politik der Regierung. Nach tagelangem Schlingerkurs lockerte Premierminister Boris Johnson in einer TV-Ansprache am Sonntag die Einschränkungen, mahnte aber: „Bleiben Sie wachsam.“ Regionalregierungen von Schottland und Wales und die Londoner Labour-Opposition kritisierten die Kommunikation der Downing Street als unklar, Gewerkschaften forderten einen besseren Schutz der Arbeitnehmer vor Ansteckungen.

Die Insel verzeichnet weiter täglich Tausende Neuinfektionen mit Sars-CoV-2, in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen sterben jeden Tag Hunderte. Dem Gesundheitsministerium zufolge sind bisher 31 587 Menschen Covid-19 zum Opfer gefallen, seriöse Schätzungen sprechen von mehr als 47 000 Toten. Das Land geht am Dienstag in die achte Woche mit Ausgangsbeschränkungen, die das Verlassen der Wohnung nur für dringende Einkäufe, Arzt- oder Apothekenbesuche sowie einmal täglich Sport erlaubten.

Johnsons Lockerungen hatten die Regierungen von Wales (Labour) und Schottland (Nationalpartei SNP) bereits vorweggenommen. So dürfen Gärtnereien in Wales seit Freitag wieder öffnen, in England erst ab Mittwoch. Einheitlich gilt ab Montag, dass die Bürger mehrmals am Tag für sportliche Betätigung das Haus verlassen dürfen. Auch ist Sonnenbaden in Parks wieder erlaubt – eine Lockerung, die viele Briten am Wochenende bereits vorab genossen.

„Wir verlieren den Kampf“, teilte die Polizei des Londoner Bezirks Hackney mit und verbreitete ein Foto mit Dutzenden Picknickern. Tatsächlich unterschied sich die Szenerie in den Parks kaum von normalen Mai-Wochenenden. Immerhin blieben die Londoner in Schlangen vor Lebensmittelgeschäften, Pubs und Cafés diszipliniert auf Abstand.

Statt wie bisher „bleiben Sie daheim“ (stay home) lautet die Regierungsanweisung nun, „wachsam“ zu bleiben (stay alert). Gesichtsmasken werden für Einkäufe und in öffentlichen Verkehrsmitteln empfohlen. Analog zur Terrorwarnung wird eine Epidemie-Skala von eins (schwache Gefährdung) bis fünf (unmittelbare Gefahr) eingeführt; aktueller Stand: vier.

Kritik an Pressekonferenzen

Seiner Fernsehansprache will Johnson am Montag eine Regierungserklärung im Unterhaus folgen lassen. Dort soll ein Informationspaket veröffentlicht werden, mit dem das Kabinett seine Vorgehensweise rechtfertigt. Der Regierungschef musste sich von Speaker Lindsay Hoyle Kritik gefallen lassen, dass er die Veränderungen nicht zunächst im Parlament vorstellte. Grund dafür dürfte Keir Starmer sein: Beim ersten Schlagabtausch mit dem neuen Labour-Oppositionsführer wirkte Johnson am Mittwoch unvorbereitet und defensiv. Die forensische Befragung durch den einstigen Chefstaatsanwalt verleitete den Covid-19-Rekonvaleszenten zum Versprechen, bis Monatsende täglich 200.000 Tests im Land anzubieten. Das zuvor geltende Ziel – 100.000 Tests täglich – ist bisher nur an einem Tag erreicht worden.

Derweil verstärken Wissenschaftler ihre Kritik an den täglichen Pressekonferenzen, bei denen Kabinettsmitglieder und Beamte der Gesundheitsbehörde das Regierungsvorgehen verteidigen. Es handele sich um „ein Zahlentheater“, höhnt der Cambridger Professor David Spiegelhalter, nicht aber um eine vertrauenswürdige Vermittlung von Fakten.

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