Ägypten und andere arabische Länder sind reich an Kulturdenkmälern (im Bild: die Sphinx in Kairo). Doch immer weniger Menschen erleben sie.
+
Ägypten und andere arabische Länder sind reich an Kulturdenkmälern (im Bild: die Sphinx in Kairo). Doch immer weniger Menschen erleben sie.

Terror

Immer mehr Reisende meiden arabische Staaten

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
    schließen

Den vielen Stätten des Unesco-Weltkulturerbes im Jemen oder dem Irak, in Syrien oder Libyen gehen die Besucher aus.

Felix Arabia – „glückliches Arabien“ nannten die Römer die Südspitze der Arabischen Halbinsel. Seit Jahrtausenden existieren im Jemen märchenhafte Landschaften. Hier herrschte die mythische Königin Saba, die angeblich mit dem biblischen König Salomon liiert war. Die Provinz Maarib, heute eine Hochburg von Al-Kaida, beherbergt die älteste Talsperre der Menschheit.

Im Hadramaut im Südosten steht seit 2000 Jahren das Manhattan der Wüste, die Stadt Shibam. Hier wurden die ersten Wolkenkratzer gebaut, nicht aus Stahl und Beton, sondern aus Lehmziegeln und Holz. Die größten Exemplare erreichen fast 20 Meter, nach Meinung von Statikern die maximal mögliche Höhe mit diesem Baumaterial.

Doch Touristen, die dieses Kulturerbe der Menschheit bestaunen, gibt es im Hadramaut seit Jahren nicht mehr. Die Gefahr, von Extremisten attackiert oder entführt zu werden, ist zu groß geworden. Seit März herrscht auch im Jemen Krieg, wie in vielen anderen Regionen der arabischen Welt. Über 2600 Menschen sind bisher gestorben. Die Hauptstadt Sanaa, deren kakaofarbene Häuser mit weißem Stuck ebenfalls zum Unesco-Schatz gehören, steht fast täglich unter saudischem Bombenhagel.

Anschläge in Touristenzentren

Ähnlich düster sieht es auch in Syrien und Irak aus, auf deren Territorium die Wiege der Menschheit stand. In dem einstigen fruchtbaren Halbmond wurde das Alphabet erfunden, hier finden sich die berühmtesten Kulturlandschaften der Menschheit. Doch beide Länder sind durch Bürgerkriege inzwischen schwer verwüstet. 70 Prozent Syriens werden von radikalen Extremisten beherrscht, dem „Islamischen Staat“ und der sogenannten „Eroberungsarmee“, bei der Al-Kaida den Ton angibt. 2010 – also ein Jahr vor Beginn des arabischen Niedergangs – besuchten noch 8,5 Millionen Touristen Damaskus, Aleppo, Homs oder die Oasenmetropole Palmyra. Heute kommt niemand mehr.

Der Irak ist schon seit der US-Invasion 2003 für westliche Besucher nicht mehr zugänglich. Im Zweistromland kontrolliert der „Islamische Staat“ inzwischen ein Drittel der Staatsfläche. Lebensgefährlich geworden sind auch Reisen nach Libyen mit seinen phantastisch erhaltenen römischen Städten Leptis Magna, Sabratha und Cyrene.

Insgesamt 79 Unesco-Welterbestätten besitzt die Region, die sich von der Arabischen Halbinsel über den gesamten südlichen Mittelmeerraum erstreckt. Ein Drittel dieser faszinierenden Kulturzeugnisse ist inzwischen durch Krieg, Gewalt und islamistische Fanatiker beschädigt.

Auch traditionelle Urlaubsländer wie Tunesien, Ägypten und Libanon werden immer stärker von der Gewalt in Mitleidenschaft gezogen. In Tunesien gab es innerhalb von drei Monaten im Bardo-Museum von Tunis sowie im Hotel „Imperial Marhaba“ nahe Sousse die beiden schwersten Massaker an ausländischen Touristen in der Geschichte des Landes. Seitdem sind die Strände leer; Großbritannien, Dänemark und Irland forderten letzte Woche ihre Bürger auf, das Land umgehend zu verlassen.

Das Mittelmeerland, das als einzige Nation nach dem Arabischen Frühling nicht in Bürgerkrieg oder Militärdiktatur abgerutscht ist, steht ökonomisch vor dem Abgrund. Die Ferienindustrie erwirtschaftete immerhin 15 Prozent des Bruttosozialprodukts und beschäftigte 400 000 Menschen.

Auch Ägyptens Ferienindustrie steht auf schwankendem Boden. Erst vor drei Monaten wurde in Luxor ein Massaker an Urlaubern nur mit viel Glück verhindert. Mitte Juli verwüstete eine Megabombe im Zentrum von Kairo das italienische Konsulat.

So geht ein ganzer Kulturraum der kulturinteressierten Menschheit verloren. Das Sultanat Oman ist auf der Arabischen Halbinsel noch der letzte Geheimtipp, solange der Krieg im Jemen nicht über die Grenze schwappt. Und in Nordafrika gehört Marokko mit zehn Millionen Besuchern im Jahr bislang zu den beliebtesten Reisezielen. Allerdings stellen junge Marokkaner mittlerweile nach Tunesiern und Saudis das größte Dschihadistenkontingent beim IS.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare