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Kinderarmut

Immer mehr Familien mit nur einem Elternteil

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Kinder von Alleinerziehenden sind häufig von Armut bedroht.

Wenn es um Familienpolitik geht, dann sind die Alleinerziehenden schon länger ein herausragendes Thema. Das hat gesellschaftspolitische Gründe. Denn ihre Zahl wächst. Es hat aber auch sozialpolitische Gründe. Denn Alleinerziehende sind überdurchschnittlich häufig von Armut bedroht. Beides dürfte den Präsidenten des Statistischen Bundesamts, Georg Thiel, dazu veranlasst haben, den Alleinerziehenden am Donnerstag in Berlin im Beisein von vier Mitarbeitern eine eigene Pressekonferenz zu widmen. Dabei wurden die bekannten Trends teilweise bestätigt, teilweise aber auch relativiert.

Tatsächlich ist die Zahl der Familien mit einem Elternteil in den vergangenen 20 Jahren um 200.000 auf 1,5 Millionen im Jahr 2017 gestiegen. Damit wachsen in ungefähr jeder fünften Familie in Deutschland Kinder mit einem Elternteil auf. Der Trend ist gegenläufig zu der Gesamtzahl der Familien. Diese sank in den vergangenen 20 Jahren um 1,2 Millionen auf 8,2 Millionen. Trotzdem bleibt die Familie mit beiden Eltern mit 70 Prozent die große Mehrheit. Alleinerziehende – nach wie vor sind es in der Regel Frauen – und ihre Kinder sind ferner weiterhin häufiger von Armut bedroht.

Zwar sank die Quote der armutsgefährdeten Haushalte unter ihnen von 37 Prozent im Jahr 2011 auf 33 Prozent im Jahr 2016. Im Bevölkerungsdurchschnitt liegt das Armutsrisiko aber lediglich bei 16 Prozent. So geraten Alleinerziehende bei unerwarteten Ausgaben beispielsweise im Haushalt deutlich früher an Grenzen. Sie können sich meist auch keine einwöchige Urlaubsreise pro Jahr leisten und eher bedingt eine vollwertige Mahlzeit am Tag. Eine weitere Zahl belegt das hohe Armutsrisiko in dieser Bevölkerungsgruppe. Während Alleinerziehende nämlich vier Prozent an der Gesamtbevölkerung ausmachen, stellen sie 16 Prozent an den Überschuldeten.

Thiel begründete den insgesamt gesunkenen Anteil von armutsgefährdeten Haushalten unter Alleinerziehenden mit erfolgreichen familienpolitischen Maßnahmen wie dem Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten und wachsenden Chancen, Teilzeitjobs zu bekommen. Es habe aber auch mit der anhaltend guten Konjunktur zu tun, die allen Teilen der Bevölkerung zugutekomme. Dennoch bleibt das Jobproblem bestehen. So hatte mehr als ein Viertel der alleinerziehenden Frauen im vergangenen Jahr keine Arbeit; 55 Prozent von ihnen wären allerdings an einem Job interessiert. Anders sieht es laut Angaben des Statistischen Bundesamtes bei nicht erwerbstätigen Müttern aus, die in einer Beziehung leben. Von ihnen wünschen sich 29 Prozent eine Arbeitsstelle.

Auffällig bleibt der Behörde zufolge schließlich der Ost-West-Unterschied. So hat sich in Ostdeutschland die Zahl der Familien mit zwei Elternteilen von gut 1,5 Millionen im Jahr 1997 auf rund 820 000 nahezu halbiert. Die Zahl der Alleinerziehenden sank dort bloß unwesentlich von 395 000 auf 390 000. Demgegenüber ist die Zahl der Alleinerziehenden in Westdeutschland von 950 000 auf knapp 1,2 Millionen angestiegen. Gleichwohl ist das Ost-West-Gefälle weiter erheblich. So ist der Anteil der Alleinerziehenden mit 27,6 Prozent in Berlin am höchsten; die anderen Ost-Länder rangieren knapp dahinter. In Baden-Württemberg hingegen liegt der Anteil der Alleinerziehenden bei bloß 15,3 Prozent und damit am niedrigsten. Im Durchschnitt kommt der Westen auf 17,5 Prozent Alleinerziehende, der Osten auf 24,9 Prozent. Der Anstieg der absoluten Zahl Alleinerziehender ist also allein auf den Zuwachs im Westen zurückzuführen.

Von der Statistik nicht erfasst werden übrigens Fälle, in denen Eltern getrennt leben, sich de facto allerdings gemeinsam um ihre Kinder kümmern und diese teilweise auch abwechselnd bei den Eltern wohnen. Insofern bilden die Zahlen die komplexer gewordene Lebenswirklichkeit nur bedingt ab.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) erklärte zu den aktuellen Zahlen, Aufgabe der Gesellschaft sei es, Alleinerziehende zu unterstützen. Sie hob in dem Zusammenhang die Reform des Unterhaltsvorschusses hervor. Diese Leistung erhielten nun deutlich mehr Alleinerziehende. Außerdem kündigte sie Verbesserungen beim Kinderzuschlag an, den Familien mit niedrigem Einkommen erhalten.

Der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Dietmar Bartsch, verwies darauf, dass das Armutsrisiko für Alleinerziehende etwa in Berlin geringer sei als in Sachsen-Anhalt. Das habe auch mit landespolitischen Maßnahmen zu tun. In Berlin regiert die Linke mit, in Sachsen-Anhalt nicht. Bartsch forderte ungeachtet dessen einen entschlosseneren Kampf gegen Kinderarmut, da jedes Kind die gleichen Chancen haben müsse, seine Fähigkeiten zu entwickeln.

„Es muss eine zentrale Aufgabe der Bundesregierung sein, Kinderarmut zu bekämpfen“, sagte der Linken-Politiker der FR. „Hier bedarf es größerer Anstrengungen, als im Koalitionsvertrag vereinbart worden ist. Wir treten für einen grundsätzlichen Systemwechsel hin zu einer Kindergrundsicherung sein. Sie kann Armut verhindern.“

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