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Annette Förger und ihre Tochter Tony erhalten ihre "Naturalisierungsurkunde" von Bürgermeisterin Una O?Halloran. 	Sebastian Borger
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Annette Förger und ihre Tochter Tony erhalten ihre "Naturalisierungsurkunde" von Bürgermeisterin Una O?Halloran. Sebastian Borger

Brexit

Für immer im Königreich

  • Sebastian Borger
    VonSebastian Borger
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Viele EU-Ausländer bewerben sich um die britische Staatsbürgerschaft. 2016 gingen beim Innenministerium 92.000 Anträge auf dauerhaftes Aufenthaltsrecht ein.

Draußen scheint warm die Sonne, im Prunksaal des Rathauses von Islington hingegen sorgt die Klimaanlage für empfindliche Kühle. Dabei ist dieser Montagvormittag doch einem warmen und herzlichen Willkommen gewidmet: 21 Bewohner des Nord-Londoner Bezirks sind persönlich erschienen, um ihre Loyalität zum britischen Staat zu bekennen und im Gegenzug ihre „Naturalisierungsurkunde“ entgegenzunehmen.

Zu ihnen gehören auch die Deutsche Annette Förger, 47, und ihre Tochter Tony, 13. Rund 2500 Pfund hat die gebürtige Hessin ausgegeben, hat Sprach- und Wissenstest absolviert, über fünf Jahre hinweg jede noch so kurze Abwesenheit aus London dokumentiert. Nun ist der große Tag da. Knapp ein Jahr nach der Brexit-Entscheidung gehören immer mehr Bürger anderer EU-Staaten zu jenen, die sich um die Staatsbürgerschaft ihres Gastlandes bewerben. Genaue Zahlen sind im Vereinigten Königreich schlecht zu erhalten, aber allerorten, nicht zuletzt in London, berichten Standesbeamte und Passbehörden von einer wachsenden Zahl von Polen, Italienern und Deutschen, die zusätzlich auch Briten werden wollen.

Im vergangenen Jahr gingen beim Innenministerium 92.000 Anträge auf dauerhaftes Aufenthaltsrecht ein, die meisten davon nach dem Referendum im Juni, eine Verdreifachung gegenüber dem Jahr zuvor. Nur wer fünf Jahre unbescholten im Land gelebt und diesen Aufenthalt bestätigt erhalten hat, kann auch das Bürgerrecht bekommen.

Die bürokratischen Hürden sind hoch. Selbst kluge Köpfe wie die Ökonomie-Professorin Mariana Mazzucato vom weltberühmten University College London gelang es nicht, das 85-seitige Antragsformular für die permanente Aufenthaltsgenehmigung fehlerfrei auszufüllen. Die ganze Prozedur sei „beleidigend und eine riesige Verschwendung kostbarer Zeit“, ärgert sich die Italo-Amerikanerin. Schon sorgen sich Universitäten und große Firmen um den Verbleib ihres talentierten Personals. In der City of London, dem wichtigsten internationalen Finanzzentrum der Welt, sind zuverlässigen Schätzungen zufolge bisher knapp ein Drittel der Banken-Arbeitsplätze mit EU-Ausländern besetzt.

Für die Neu-Bürger von Islington gehören die Sorgen über ihren zukünftigen Status der Vergangenheit an. Sie werden von Beatles-Melodien unterhalten, ehe feierlich die Bürgermeisterin von Islington mit Amtskette und Hut einzieht. Drei Minuten lang rühmt Una O’Halloran ein wenig unbeholfen die Vorzüge ihres Stadtbezirks: Charles Dickens und Lenin haben hier gelebt, das Arsenal-Stadion sorgt für Fußball-Touristen, die Einwohner sprechen dreihundert verschiedene Sprachen. „Wir leben in einer für Islington aufregenden Zeit.“ Höflicher Applaus. Die Neubürger beteuern ihre Loyalität zu „Queen Elizabeth II, ihren Erben und Nachfolgern“ und bekennen sich zu den demokratischen Rechten und Freiheiten des Landes. Zuletzt erhalten sie aus der Hand der Bürgermeisterin ihre Urkunde, dokumentiert von einem jovialen Fotografen, der die Bilder anschließend für zehn Pfund verkauft.

Um der zunehmenden Unruhe unter EU-Bürgern vorzubeugen weisen Offizielle stets darauf hin, dass sich für Langzeit-Migranten vom Kontinent durch den Brexit ohnehin nichts ändern werde. „Sie genießen die gleichen Rechte auf Sozialunterstützung, Gesundheitsversorgung und Rente wie Leute mit permanentem Aufenthaltsrecht“, hat Brexit-Minister David Davis bestätigt. Eigentlich fehle den Betroffenen nur eines: „das Bürgerrecht als Wähler bei der Unterhauswahl“.

Genau dies stellt Annette Förger sofort nach der Zeremonie sicher, denn um Mitternacht läuft die Registrierungsfrist für die Wahl am 8. Juni ab. Dann verlassen Mutter und Tochter das Rathaus. Ob nun gefeiert wird? Keineswegs, sagt die Neu-Britin: „Das Kind muss in die Schule, ich gehe arbeiten.“ Aber zuvor wollen die beiden noch einen echt englischen Lunch verzehren: ein Sandwich, eine kleine Tüte Kartoffelchips und einen Softdrink. Welcome to England.

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