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Athens Syntagma-Platz: Die einen erholen sich dort, andere stehen Todesängste aus.

Türkei

Auf immer Angst vor Erdogan

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Ein türkischer Richter ist mit seiner Familie nach Griechenland geflüchtet. Sicher fühlt er sich dort nicht. Erdogans Geheimdienst soll dort aktiv sein.

Mehmet erinnert sich an jedes Detail aus jener Nacht: „Kurz vor eins erreichten wir das andere Ufer des Flusses. Der Schmuggler rief: ‚Los, jetzt müsst ihr laufen!‘ Wir sprangen an Land und rannten los, durch die Baumwollfelder, so schnell wir konnten. Wir hörten Rufe ‚Stopp, stopp!‘ und sahen Suchscheinwerfer. Nur nicht stehenbleiben, dachte ich, bloß nicht hinfallen. Wir zerrten die Kinder mit uns. Dann tauchten Häuser in der Dunkelheit vor uns auf – ein Dorf, eine Kirche. Da wusste ich: Wir waren in Griechenland, wir hatten es geschafft!“

So erinnert sich der 42-jährige Mehmet an die Flucht mit Frau und drei Kindern aus der Türkei über den Grenzfluss Meric. Mehmet und seine Frau Miray sind zwei von über 4400 türkischen Juristen, die Präsident Recep Tayyip Erdogan per „Säuberung“ nach dem Putschversuch vom Juli 2016 aus dem Staatsdienst entfernen ließ.

Die beiden heißen in Wirklichkeit anders. Ihre wahren Namen zu nennen, würde sie gefährden. „Wir sind zwar nicht mehr in der Türkei, aber sicher fühlen wir uns auch in Griechenland nicht“, sagt Mehmet. Er sitzt in einem belebten Café. Der Blick geht auf den quirligen Syntagmaplatz.

Der „Terrorist“ weint

Mehmet ist unruhig. Immer wieder sieht er sich um. Mehrfach schon hat der türkische Geheimdienst Regimekritiker im Ausland aufgespürt und in die Türkei entführt. Auch Mehmet hat in Athen schon Kleinbusse mit verdunkelten Scheiben und Diplomatenkennzeichen der türkischen Botschaft gesehen. „Erdogans Arm ist lang“, sagt er. Mehr als um seine eigene Sicherheit und die seiner Frau sorgt er sich um seine drei Kinder, keines zehn Jahre alt.

Mehmet ist ein kleiner Mann, fast zierlich, er wirkt jung, aber unter den Augen zeichnen sich dunkle Ringe ab. Als er von der dramatischen Flucht erzählt, versagt seine Stimme. Er beginnt zu weinen.

Sieht so ein Terrorist aus? Erdogans Justiz findet, ja: Anhänger des Predigers Fethullah Gülen, den Erdogan für den Putschversuch verantwortlich macht. Mehmet bestreitet das vehement: „Ich gehe nicht mal in die Moschee und trinke Alkohol – wie soll ich da dieser Sekte angehören?“ Tatsächlich begannen Mehmets Probleme schon, als Gülen noch ein Mitstreiter Erdogans war. Seit 2010 kritisierte der Richter in wissenschaftlichen Veröffentlichungen die wachsende Politisierung der türkischen Justiz und einen schleichenden Verlust ihrer Unabhängigkeit. 2015 wurde Mehmet strafversetzt, aus Ankara in den äußersten Osten der Türkei. Am 17. Juli 2016, zwei Tage nach dem Putschversuch, stürmte Antiterrorpolizei seine Wohnung und nahm ihn fest – wegen angeblicher Beteiligung an dem versuchten Umsturz. 530 Tage verbrachte der Richter in Untersuchungshaft, dann wurde er entlassen, weil der Haftrichter keine hinreichenden Verdachtsmomente sah. Das Strafverfahren lief dennoch weiter.

Im Sommer 2019 entschloss sich die Familie zur Flucht. „Wir haben alles verkauft, um die Menschenschmuggler bezahlen zu können“, erzählt Mehmet. In Athen hat er eine kleine Altbauwohnung gemietet. „Unsere Ersparnisse reichen noch für etwa drei Monate.“ In der vorigen Woche erfuhr Mehmet, dass er am 16. Oktober in der Türkei zu acht Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden ist, seine Frau zu sieben Jahren und sechs Monaten. Das Gericht erließ einen internationalen Haftbefehl.

Bis über die Asylanträge der Familie entschieden ist, kann es Jahre dauern. So lange will Mehmet nicht warten. Er möchte weg aus Griechenland, „weg so weit wie möglich von Erdogan“, wie er sagt. „Die Flucht aus der Türkei ist uns zwar geglückt“, sagt Mehmet, „aber die Angst ist ein ständiger Begleiter.“

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