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Imagination als politische Kraft: „Auch negative Szenarien können befreiend wirken“

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Von: Valerie Eiseler

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Wie können wir uns eine gerechtere Welt vorstellen?
Wie können wir uns eine gerechtere Welt vorstellen? © Getty Images/iStockphoto

FR-Event: Können Sie sich das Ende der Nationalstaaten in unserer Welt vorstellen? Für viele scheint das unmöglich. Warum das so ist und warum die Imagination als politische Kraft dennoch enormes Potenzial hat, erzählt Sozialphilosoph Felix Trautmann im Interview

Herr Trautmann, was verstehen Sie unter dem Begriff der Imagination? Ist es wörtlich das, was wir uns vorstellen können? Unsere Fantasie? Unsere Träume?

Wenn wir über unsere Träume und Fantasien sprechen, dann nehmen wir Imagination als etwas sehr Individuelles wahr. Was mich jedoch interessiert, ist die Imagination vor allem als eine soziale, aber auch als eine kollektivierende Kraft. Eine ästhetische und politische Kraft, die Wirklichkeit überschreitet und gleichzeitig zu unserer Vorstellung von Wirklichkeit beiträgt. Denn unsere Vorstellung von Wirklichkeit beruht einerseits auf Erfahrung und Wissen, aber eben auch auf imaginären Vorstellungen von der Welt, von uns selbst, von „den Anderen“. Manche dieser Vorstellungen teilen wir, manche aber auch nicht.

Wenn es um imaginäre Vorstellungen der Wirklichkeit geht, die manche nicht teilen, denkt man schnell an Verschwörungserzählungen, Stichwort „Querdenker“. Sind solche Gruppen ein Beispiel für kollektivierende Imagination?

In gewisser Weise, ja. Man lässt sich leicht hinreißen zu sagen, Querdenker hätten allein eine falsche Vorstellung von der Wirklichkeit, aber genauso problematisch an solchen Bewegungen erscheinen mir die Imaginationen der Gemeinschaft und des politischen Zusammenlebens, die sie für manche so attraktiv machen. Ein entscheidenderes Beispiel für die kollektivierende Kraft der Imagination ist aber die historische Herausbildung von nationalen Gemeinschaften. Sich als Teil einer Gemeinschaft vorzustellen, in der man die wenigsten persönlich kennt, erfordert sprachlich und kulturell geteilte Vorstellungen. Solche „imagined communities“ sind dann auch die Träger der politischen Institutionen eines Staates, entscheiden aber auch, wer dazu gehört und wer nicht.

Was bedeutet es, die Zugehörigkeit zu einem Nationalstaat als Teil einer Vorstellung zu begreifen?

In der Theorie von Homi Bhabha wurde die Nation als wesentlich abhängig von der Erzählung über Zugehörigkeit und die gemeinsame Geschichte formuliert. Eine Erzählung, die alles integriert und allem eine nationale Bedeutung verleiht. Doch die Bindung nach innen produziert immer auch eine Abgrenzung nach außen – sowie zum Teil auch Ausschlüsse im Inneren. Die Vorstellung, Teil einer nationalen Gemeinschaften zu sein, geht einher mit der Verständigung darüber, wer dieses besondere „wir“ ist. Damit ist das „Imaginäre“ der Nation auch immer die Vorstellung einer exklusiven politischen Identität. Historisch kann man die Entstehung von Nationalstaaten einerseits als bürgerliche Befreiung aus feudaler Herrschaft verstehen – aber sie war eben auch geprägt durch Ausschlüsse und Gewalt. Ausschlüsse, die mit Vorstellungen „der Anderen“ legitimiert wurden. Anderer Nationen, aber eben auch der Kolonialisierten. Dieser Rückblick ist wichtig, weil uns genau diese Erzählung immer noch „in den Knochen“ steckt.

Sind also alle Gemeinschaften, die wir heute kennen, ein imaginiertes Konstrukt?

Gerade im Bezug auf nationale Gemeinschaften möchte ich betonen, dass man diese nicht als „eingebildet“ oder „Hirngespinst“ begreifen sollte. Denn wir erleben ja täglich, wie real die Vorstellung von nationaler Zugehörigkeit ist – aktuell zum Beispiel in Bezug auf Fußballmannschaften. Das Imaginäre der nationalen Gemeinschaft materialisiert sich in unserem Tun und emotionalem Erleben. Es prägt die Beziehungen zu anderen, zur Welt, zu uns selbst. Die Tatsache, dass die imaginäre Gemeinschaft der Nation nicht nur ein Bild in unserem Kopf ist, sondern eben auch unsere Wirklichkeit rahmt, macht es auch so schwer, genau diese Vorstellung wieder aufzubrechen. Ich möchte damit nicht sagen, dass Wirklichkeit das Ergebnis von Imagination ist, aber sie trägt wesentlich dazu bei, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen. Die Imagination ist damit also nicht reine Fiktion, sondern kann ein bestimmtes Bild der Wirklichkeit festigen.

Um das noch mal klarzustellen: Die Imagination sollten wir also keinesfalls als etwas begreifen, das nur „ausgedacht“ ist?

Genau, dieses Verständnis würde ich zurückweisen. Ich denke, wenn wir verstehen, wie sehr die Vorstellung der nationalen Zugehörigkeit in unseren Praktiken und Körpern – auch im Bild der Gemeinschaft als einem politischen Körper – eingeschrieben ist, dann begreifen wir erst, wie schwierig es ist, ihr eine andere, offenere Form der Zugehörigkeit entgegenzuhalten. Grenzen sind zwar imaginär hergestellt, aber sie erscheinen wie das Natürlichste der Welt.

Wessen Vorstellung beeinflusst die Denkweise der Gesellschaft am meisten? Die der ohnehin schon Mächtigen?

Ich denke nicht, dass es so eindeutig ist, auf welche Seite die Macht der Imagination fällt, auf die Seite der Beherrschten oder der Herrschaft. Formeln wie „Fantasie an die Macht“ oder „Mit der Fantasie gegen das System“, wie sie von der 68er Bewegung formuliert wurden, neigen, bei aller Ironie, zu einem einseitigen Utopismus sowie zu einer zu starken Gegenüberstellung von Herrschaft und Fantasie. Imaginationen sind in gewisser Weise immer schon machtvoll, auch wenn sie jeweils unterschiedlich wirksam sind. Zwar ist die Imagination natürlich eine soziale Kraft, die „von unten“ wirkt und dadurch eine enorme Sprengkraft haben kann. Gleichzeitig muss man aber vorsichtig sein, denn die Imagination kann ja, wie im Nationalismus, eine politische Ideologie „von unten“ stärken oder auch instrumentalisiert werden – etwa durch Propaganda.

Der Utopische Raum

Nationen sind imaginierte Gemeinschaften. Doch was genau eint sie und gegen wen stellt sich dieses Gefühl der Einigkeit? Kann ein neuer Kosmopolitismus die alte Denkweise des Nationalismus ablösen?

Über diese Denkweisen und weitere Fragen nach Zugehörigkeit diskutieren Interviewpartner Felix Trautmann und Schriftsteller Ilija Trojanov bei ihrem gemeinsamen Vortrag und Gespräch unter dem Titel „Die Macht grenzenloser Imagination“.

Die Reihe „Der utopische Raum“ findet seit 2019 statt und widmet sich derzeit Fragen nach der Überwindung tief verwurzelter Vorstellungen von „nationalen Gemeinschaften“.

Die Veranstaltung beginnt am Mittwoch, 14. Dezember um 19 Uhr im Medico-Haus, Lindleystraße 15, in Frankfurt.Die Diskussion wird auf dem Youtube-Kanal von Medico international auch gestreamt.

„Der utopische Raum“ ist eine Kooperation der Stiftung Medico international mit dem Institut für Sozialforschung und der Frankfurter Rundschau. FR

Die Imagination ist also eine Kraft und kein Werkzeug – da man sie nicht kontrollieren kann?

Das macht die Imagination so ambivalent und faszinierend, dass sie eben unsere je eigene Macht ist – aber eben auch etwas unkontrollierbares hat. Wir sind unserer Vorstellungen nicht immer ganz Herr. Und manchmal kommen sie uns im Grunde wie Gestalten entgegen, die unabhängig von uns existieren. Daher kommt auch meine Skepsis gegenüber dem Glauben, in ihr findet sich allein ein Mittel der Befreiung. Man sollte Imaginationen nicht so verstehen, dass sie allein Ausdruck unserer Freiheit sind, auch nicht im Zusammenhang mit Herrschaftskritik. Die Idee, dass die Fantasie die schlechte Wirklichkeit aufbricht, ist zu einfach gedacht.

Betonen Sie deshalb, dass Imagination auch kritisch zu sehen ist?

Die Imagination kann man nicht aus dem Politischen verbannen. Im Fall von nationalen Vergemeinschaftung zeigt sich, dass sie eine wesentliche Kraft der Stabilisierung ist, indem sie eine Bindung schafft und das Versprechen der Gemeinschaft realisiert. Zugleich ist sie aber auch ein Mittel der Kritik. Sie kann die Überzeugung, dass die Welt nicht so sein muss, wie sie ist, beflügeln. In dieser überschreitenden Wirkung, die sich im Freiheitsbegehren politischer Bewegungen zeigt, würde ich sie gar nicht kritisch sehen.

Wo dann?

Wir sollten uns immer die Frage stellen, warum wir uns bestimmte Dinge gerade nicht vorstellen können. So ist zum Beispiel die Vorstellung vom Untergang der Welt, einem ökologischen Totalkollaps, realer als die vom Ende der Nationalstaaten oder auch vom Ende des Kapitalismus. Wenn man sich also kritisch mit der Imagination auseinandersetzen will, führt das zu der Frage, wie sich bestimmte Wirklichkeitsauffassungen, obwohl sie krisenhaft und voller Gewalt sind, überhaupt halten können. Dass das Utopische manchmal nicht zum Zuge kommt, muss nicht einen Mangel an Imagination anzeigen, sondern kann aufgrund der Macht anderer Vorstellungen so sein. Mit Blick auf die Zukunft möchte ich mit Ágnes Hellers darauf hinweisen, dass gerade auch Dystopien helfen können, den Sinn für die Möglichkeiten des zukünftigen Zusammenlebens zu schärfen. Es braucht also nicht unbedingt die Vorstellung davon, wie es schöner sein könnte. Auch negative Szenarien können eine kritische Kraft aufbringen und dadurch befreiend wirken.

Ob Utopie oder Dystopie: Wie können wir uns also eine zukünftige Gemeinschaft imaginieren? Und damit meine ich nicht zwangsläufig die tatsächliche Idee, aber die Methode.

Es reicht nicht aus, neue Vorstellungen der Welt zu haben. Wir müssen verstehen – und dafür braucht es eine kritische Arbeit an den historisch gewachsenen Wirkungsweisen der Imagination – warum wir die Welt noch immer primär nach dem Muster nationaler Gemeinschaften wahrnehmen. Was die Methoden angeht, gibt es keine einfache Antwort. Klar ist nur, dass die Idee des Nationalstaats aus unseren Köpfen und Körpern auf genauso viele Weisen herausgeschrieben werden muss, wie sie sich uns eingetragen hat. Das betrifft sämtliche Bildungsprozesse, in denen die imaginäre Gemeinschaft hergestellt wird – eben in der Schule, im Alltag, im Privaten. Wenn man sich das erst mal anschaut, merkt man auch, wie tief die Vorstellung von der nationalen Gemeinschaft greift.

Sie meinen etwa, welche Bücher im Deutschunterricht gelesen werden?

Curricula sind ein Ansatzpunkt, ja. Denn die Literatur hatte – etwa in der Form von Nationaldichtern – einen erheblichen Anteil an der Imagination des Nationalen. Vielleicht lässt sich daher diese Vorstellung auch durch andere Lektüren wieder aufbrechen. Das sehen wir derzeit an Beispielen diasporischer, postmigrantischer literarischer Erzählungen über Ausschluss und Herkunft – oder auch verschiedene Herkünfte, neue Zugehörigkeiten. Das scheint mir die Perspektive jener zu sein, die einer bestimmten nationalen Vorstellung nicht zugehörig sein wollten oder es auch nicht können oder sollen. Von diesen Erzählungen her lässt sich auch ein kosmopolitisches Zusammenleben neu denken, aber auch die Gewalt der nationalen Vergemeinschaftung kritisch reflektieren. Das ist natürlich keine einfache Aufgabe, aber gleichzeitig eine der dringlichsten. Denn viele Konflikte spielen sich auf der Ebene dieser Vorstellungen oder Fantasien über „die Anderen“ ab. Imaginationen können dagegen eine kritische Ressource für Empathie und Solidarität darstellen, also für das Vermögen, sich in das Erleben und das Leid eines Anderen hineinzuversetzen.

Interview: Valérie Eiseler

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hatten wir die Veranstaltung für den 7. statt den 14. Dezember angekündigt. Der Fehler wurde am 5.12. korrigiert.

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