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Russische Imagepflege liegt in Trümmern – „Buch der Henker“ kommt

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Von: Peter Rutkowski

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Die Ukraine wirft russischen Soldaten schwere Misshandlungen der Zivilbevölkerung vor. (Archivfoto)
Die Ukraine wirft russischen Soldaten schwere Misshandlungen der Zivilbevölkerung vor. (Archivfoto) © RIA Novosti / Imago Images

In der Ukraine werden Berichte über Kriegverbrechen gesammelt, gleichzeitig versucht die russische Armee Sjewjerodonezk einzunehmen – ein Imagekrieg.

Kiew – Selten war ein Buchtitel besser gewählt: Die Ukraine wird kommende Woche das „Buch der Henker“ zu schreiben beginnen – das ist ein Portal, in dem Berichte von Kriegsverbrechen gesammelt werden sollen, damit die ukrainische Justiz einen zentralen Ort hat, von dem sie aus ihre Arbeit wird tun können. Derzeit sind mehr als 12.000 mutmaßliche Vergehen gemeldet und rund 600 Verdächtige benannt. Es steht zu fürchten: Das ist erst der Anfang.

Der Ort, an dem sich mutmaßlich jede Stunde ein Verstoß gegen die international vereinbarten Regeln des Krieges ereignet, ist Sjewjerodonezk. Am Mittwoch, Tag 105 des russischen Überfalls, standen dichte Rauchwolken über der umkämpften Stadt. Ukrainische Truppen wehrten sich verzweifelt gegen die weiter sie bedrängenden Russen.

Schlacht um Sjewjerodonezk: Russische Truppen kämpfen nur für Image

Verzweifelt – aber nicht hoffnungslos: In der Nacht zum Mittwoch sollen die Verteidiger der Stadt alle Angriffe der Invasoren abgewiesen haben. Der US-amerikanische Thinktank Institute for the Study of War schätzte am Mittwoch dann die Lage so ein, dass Moskaus Ringen um das strategisch unbedeutsame Sjewjerodonezk viel eher eine Image-Kampagne darstelle: Es solle gezeigt werden, dass die an allen anderen Frontabschnitten zurückgeschlagene russische Armee zu alter Stärke zurückgefunden habe.

Das US-Institut sieht es aber als erwiesen an, dass Putins Truppe weitgehend ausgeblutet ist, die keine entscheidenden Geländegewinne mehr wird schaffen können, wenn nur die Ukrainer durchhalten. Die jüngsten Hilferufe Kiews nach Artillerie mit großer Reichweite zeigen aber, dass auch Putins Gegner nicht mehr aus dem Vollen schöpfen.

Fronten im Ukraine-Krieg: Russische Soldaten klagen über unwürdige Zustände

Die US-amerikanischen Fachleute hoffen aber, dass die ukrainischen Truppen die rollenden Artillerieschläge der Russen überstehen, denn dahinter kämen nur noch in Hast und Eile zusammengewürfelte Ad-hoc-Einheiten, die leicht zu zerbrechen seien. Ein Hinweis auf die Richtigkeit dieser Einschätzung mag sein, dass sich am Mittwoch wieder Nachrichten häuften, russische Soldaten klagten über unwürdige und unhaltbare Zustände an der Front.

Daran ändern auch die russischen Bombardements am kompletten Frontbogen zwischen Odessa und Charkiw von Mittwochmittag an nichts. Eher noch zeigt das unentwegte Schießen – das allein auf Terror und Trümmer aus ist –, dass man im Kreml nervös wird. Seit dem 24. Februar halten die vorab schon als siegreich deklarierten „Befreier der Ukraine“ keinen Zeitplan ein. (Peter Rutkowski)

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