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Warten, bangen und hoffen im Erdgeschoss des Haydar-Hospitals in Mukelle. Johannes Dieterich (3)
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Warten, bangen und hoffen im Erdgeschoss des Haydar-Hospitals in Mekelle. Johannes Dieterich (3)

Äthiopien

Opfer des Tigray-Konflikts: An Körper und Seele schwer verletzt

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Im Haydar-Hospital in der äthiopischen Provinz Tigray liegen die Opfer von brutalen Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen. Unser Autor Johannes Dieterich hat sie dort besucht.

Im Haydar-Hospital der Hauptstadt der äthiopischen Tigray-Provinz Mekelle geht es überraschend lebhaft zu. Rollstuhlfahrer im Teenager-Alter rasen durch die Gänge, in denen Patienten auf Matratzen auf dem Boden liegen: Dazwischen sitzen unversehrte junge Männer über ihre Smartphones gebeugt. Das Hospital ist einer der wenigen Orte in Mekelle mit Internetempfang. Und Krankenhausdirektor Mussie Tesfay hat nichts dagegen, dass auch Studierende davon profitieren.

In einem Raum im 3. Stock des Hospitals sind fünf Betten mit blutjungen Menschen belegt. Vier Jungs und ein 15-jähriges Mädchen, das in farbenfrohe Tücher gehüllt auf seinem Lager kauert. Beriha Gebray schaut apathisch vor sich hin: Ihr rechtes Auge ist auf die Hände in ihrem Schoß gerichtet, ihr linkes Auge gibt es nicht mehr. Die Mediziner:innen haben ein Stück Haut von ihrem Hals auf die Augenhöhle transplantiert. Vor der zweiten Operation habe man noch durch ein Loch durch Berihas Kopf schauen können, erzählt ihr Vater.

Die Kugel durchtrennte auch den Sehnerv des rechten Auges

Die Gewehrkugel war an der rechten Seite ihres Schädels zwischen Ohr und Auge eingedrungen und hatte ihren Kopf durch die linke Augenhöhle verlassen. Weil sie auf ihrem Weg auch den Sehnerv des rechten Auges durchtrennte, ist das Mädchen seit mehr als zwei Monaten blind. „Ich bin so froh, dass sie noch lebt“, sagt ihr Vater Gebray Zenebe.

Der Farmer aus dem Provinzstädtchen Samre sitzt seit mehr als zwei Monaten neben seiner Tochter, streicht ihr immer wieder mit der Hand über die Haare oder zupft ihr Kopftuch zurecht. Seit Mitte April ist der Vater nicht von Berihas Seite gewichen. Nachts krümmt er sich auf dem Plastikstuhl und legt seine Füße auf ihr Bett. Statt Hass oder Bitterkeit sind in Gebrays Worten und seinem Gesicht nur Dankbarkeit und Zuneigung zu seiner Tochter auszumachen. „Viele meiner Nachbarn haben ihre Kinder verloren“, sagt der 43-Jährige, der in seinem Leben keinen einzigen Tag in einer Schule verbrachte: „Wir hatten noch einmal Glück.“

Ein eritreischer Scharfschütze gab 26 Schüsse ab

Berihas Qual begann am 15. April mit dem zweiten Einmarsch eritreischer Soldaten in Samre, ihrer knapp 60 Kilometer südwestlich von Mekelle gelegenen Heimat. Die Soldaten seien schießend durch das Städtchen gezogen, berichtet Gebray. Daraufhin habe Berihas Großmutter ihrer Tochter geraten, mit den drei Kindern das Weite zu suchen.

Ein eritreischer Scharfschütze sah die vier Fliehenden und gab 26 Schüsse ab. Einer traf ihren Bruder ins Bein, ein anderer Beriha am Kopf. Alle vier stürzten zu Boden. Der Scharfschütze meinte wohl, saubere Arbeit geleistet zu haben, und wandte sich anderen Zielen zu. Der Mutter gelang es später, den verletzten Sohn und ihre bewusstlose Tochter in Sicherheit zu bringen.

Anderntags brachte Gebray seine erstgeborene Tochter zu einem Arzt, der sie ins Hospital nach Mekelle überwies. Dort wurde Beriha inzwischen dreimal operiert. Dennoch machen ihr die Ärzt:innen keine Hoffnung, jemals wieder sehen zu können. Er erinnere sich noch an den äthiopischen Bürgerkrieg vor mehr als 30 Jahren, als Rebellen der Volksbefreiungsfront Tigray (TPLF) gegen den „roten Terror“ der Derg-Offiziere kämpften, fährt Gebray fort. Trotz ihres miserablen Rufs hätten sich deren Soldaten nie an der Zivilbevölkerung oder gar an Kindern vergriffen.

„Ich hoffe, die Eritreer wissen, was sie tun“

„Was in den vergangenen Monaten hier passierte, ist völlig neu für uns“, sagt Berihas Vater ruhig: „Ich hoffe, die Eritreer wissen, was sie tun.“ Schon zwei Monate vor dem Vorfall mit seiner Tochter hätten Samres Bewohner die Brutalität der Eritreer zu spüren bekommen, berichtet Gebray. Bei ihrem ersten Einmarsch im Februar habe eine Familie gerade die Taufe eines Kindes gefeiert. Die Soldaten raubten den Frauen ihren Schmuck, teilten das Essen unter sich auf und erschossen fünf Männer, darunter den Gastgeber. „Wir Tigray haben den Ruf, uns niemals zu ergeben“, sagt Gebray: „Deshalb wollen uns die Eritreer alle töten.“

Müsste er sich nicht um seine Tochter kümmern, hätte er sich längst den Kämpfern der „Tigray Defense Force“ (TDF) angeschlossen: „Es ist besser, mit einer Waffe in der Hand als wehrlos zu sterben.“ Auf demselben Stockwerk im weit über 500 Betten umfassenden Haydar-Hospital sitzt wenige Räume entfernt die vierjährige Samrawit auf ihrem Schragen. Ein ausgetüfteltes Metallgestell fixiert ihr rechtes Bein. Es lässt auf einen komplizierten Knochenbruch schließen.

Die Soldaten schlitzten ihr mit einem Messer das Bein auf

Samrawit schaut mit ihren riesigen dunklen Augen entsetzt in die Welt. Sie musste vor zwei Monaten mit ansehen, wie acht Angehörige ihrer Familie von eritreischen und äthiopischen Soldaten ermordet wurden. Sie habe als Einzige das Massaker in ihrem Gehöft in Debre Salam überlebt, sagt ihr Vater Gebre Hewit. Er selbst war an jenem Tag zufällig nicht zu Hause. Die Nachbarin erzählte ihm später, was vorgefallen war. Soldaten seien in sein Haus eingedrungen und hätten wissen wollen, wo sich die „Terroristen“ der TDF befänden.

Als sie keine befriedigende Antwort erhielten, erschossen sie Gebres Frau und seinen Vater, eine seiner Töchter, seinen Bruder und dessen Frau mitsamt ihren drei Kindern. Auch die vierjährige Samrawit wurde von einer Kugel am Arm getroffen – darüber hinaus schlitzten ihr die Soldaten noch mit einem Messer das rechte Bein auf. Ein schwer erträgliches Foto der Verletzung hat ihr Vater auf seinem Handy gespeichert. Selbstverständlich sei er bereit, vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auszusagen, sagt Gebre: „Falls sich hier mal jemand blicken lässt.“

An einem geheimen Ort sollen 190 Opfer von Vergewaltigungen untergebracht sein

Im Erdgeschoss des Krankenhauses begegnen wir zwei Neurochirurgen. „Wenn wir täglich fünf verletzte Köpfe öffnen“, sagt der eine, „müssen wir fünf ungeöffnet lassen, weil unsere Kapazitäten nicht ausreichen.“ Wiederholt hätten Soldaten das Hospital geplündert, fährt der Arzt fort: „Sie haben unsere Geräte zerstört – darunter auch einen Magnetresonanztomographen (MRT) – und haben uns vom Stromnetz getrennt.“ Er sei hier seit mehr als zwanzig Jahren tätig, fährt der Arzt fort, der anonym bleiben will: „Etwas Vergleichbares habe ich noch nicht erlebt.“

Damit sind auch die Frauen und Mädchen gemeint, die sich nur wenige Stunden im Haydar-Hospital aufhalten, um dann in ein „Safe House“ verlegt zu werden. In dem geheimen Ort sollen derzeit 190 Opfer von Vergewaltigungen untergebracht sein. Seit Beginn der Besatzung im vergangenen November seien hier fast 1600 Fälle von Vergewaltigungen registriert worden, sagt Hospitaldirektor Mussie. Doch die tatsächliche Zahl sei wesentlich höher, weil viele nicht ins Krankenhaus kommen könnten oder ihnen ihre Tortur zu peinlich sei.

Einer hielt seine Kalaschnikow auf sie gerichtet

Tirhas bedankt sich schon zu Beginn unseres Gesprächs für die Chance, der Welt ihre Geschichte erzählen zu können: „Alle sollen wissen, was hier passiert.“ Die 22-jährige Frau, deren richtiger Name der Redaktion bekannt ist, sitzt uns in einem blaugrünen Wollpullover mit gelben Fischen gegenüber und erzählt leise aber bestimmt von dem Vorfall, der für ihr Hiersein verantwortlich ist.

An einem Sonntagmorgen im Mai – ihre Eltern waren in der Kirche – seien eritreische Soldaten in ihrem an der Straße zwischen Adua und Abiy Addi gelegenen Gehöft aufgetaucht. Neben ihr selbst hätten sich dort noch ihr jüngerer Bruder sowie ihre schwangere Schwägerin mit ihrem dreijährigen Kind aufgehalten. Erst hätten sich die Soldaten auf ihren Bruder konzentriert: „Sie wollten ihm die Gurgel aufschneiden“, berichtet Tirhas. Doch schließlich hätten sie sich damit begnügt, ihn mit Stöcken grün und blau zu schlagen. Als Tirhas schauen wollte, ob ihr Bruder noch lebte, stürzten sich die Soldaten auf sie. Einer hielt seine Kalaschnikow auf sie gerichtet, der andere würgte sie.

In der Hauptstadt Mekelle fand sie im Safe House Unterschlupf

Tirhas anfängliche Beherrschung ist jetzt aufgebraucht: Sie weint, während ihre Tränen auf den Pullover mit den Fischen tropfen. Der Soldat mit der Hand an Tirhas’ Gurgel habe sie schließlich zu Boden geworfen und gefragt, wo sich die Terroristen versteckt hielten. Als sie „ich weiß es nicht“ sagte, vergewaltigte er sie und überließ sie anschließend seinem „Kameraden“. Auch der machte sich über sie her. „Und das alles vor den Augen meiner kleinen Nichte“, sagt Tirhas.

Sie solle sich etwas anderes anziehen, weil sie später wiederkämen, verabschiedeten sich die Soldaten. Bevor es dazu kommen konnte, war Tirhas verschwunden. Zwei junge Dorfbewohner zeigten ihr den Weg in die Hauptstadt Mekelle, wo sie im Safe House Unterschlupf fand. Dessen Leiterin spricht von dem „entsetzlichen Umstand“, dass sich unter den Vergewaltigten so viele ältere Frauen, Mütter und Großmütter, befänden. Offenbar komme es den Soldaten nicht darauf an, junge Mädchen ihre Macht spüren zu lassen: „Vielmehr suchen sie das Zentrum der Gemeinschaft, gestandene Frauen, zu zerstören.“

Vor zwei Wochen wurde ihr eine Abtreibung ermöglicht

Den Soldaten würden die Vergewaltigungen von ihren Vorgesetzten ausdrücklich befohlen, will die Leiterin des Safe Houses wissen. Manche Soldaten müssten sich betrinken, um den Befehl ausführen zu können. In Alemas Fall wurde niemand gezwungen. Die 17-Jährige hatte einen Job als Haushälterin bei einem Eritreer in dem Grenzstädtchen Erob angetreten. Sie wollte ihrem Vater nicht länger auf der Tasche liegen. Eines Nachts habe sie ihr Arbeitgeber an fünf eritreische Soldaten „verkauft“: Einer nach dem anderen sei in ihr Zimmer gekommen und habe sich über sie hergemacht.

Als sie zu weinen anfing, sagte einer der uniformierten Eritreer zu ihr: „Hör auf zu heulen, sonst tun wir, was wir zu Hause mit Frauen wie dir tun: Wir stecken ihnen Metallteile in die Scheide.“ Am Morgen gab ihr der schockierte Bruder ihres „Arbeitsgebers“ Geld, um in ein nahe gelegenes Hospital zu fahren. Alema wählte jedoch den weiten Weg bis in die Hauptstadt Mekelle. Dort erfuhr sie zwei Monate später, dass sie schwanger war. Vor zwei Wochen wurde ihr eine Abtreibung ermöglicht.

Ihre Mutter zeigte sich darüber erbost. Ihr hatte Alema allerdings auch nichts von der Massenvergewaltigung erzählt, aus Scham. Zunächst hätte sie jeden Soldaten, dem sie begegnete, umbringen können, fährt das Mädchen fort. Doch als sie im Safe House sah, wie viele Frauen den Soldaten zum Opfer gefallen waren, habe sie sich etwas beruhigt. „Ich war zumindest nicht die Einzige, die das erleiden musste.“

Die Präsidentin habe „geweint wie wir alle“

Alema würde lieber heute als morgen nach Hause zurückkehren. Doch Erob wird noch immer vom eritreischen Militärs kontrolliert, auch nach dem Abzug Tausender äthiopischer Soldaten ist die Provinz längst nicht von allen Besatzern befreit. Hospitaldirektor Mussie ist deshalb auch nicht nach Feiern zumute. Der Anästhesist erzählt von dem Tag Anfang des Jahres, den er mehr als alle anderen bereue: Als die äthiopische Präsidentin Sahle-Work Zewde nach Mekelle kam, um sich ein Bild von den Verhältnissen in Tigray zu machen. Wie in Deutschland hat Äthiopiens Präsidentin vor allem repräsentative Funktion. Die Regierungsgeschäfte werden vom Ministerpräsident Abiy Ahmed geführt.

Bei ihrem Besuch habe die Präsidentin unbedingt auch mit den Opfern der Vergewaltigungen sprechen wollen, fährt Mussie fort. Widerwillig habe man zugestimmt, weil die Präsidentin mit ihrem Sicherheitstrupp unterwegs war. Eine Zumutung für Frauen, die von uniformierten Vertretern der Staatsmacht missbraucht worden sind. Beim Besuch der Vergewaltigten habe die Präsidentin „geweint wie wir alle“, erzählt der 33-jährige Hospitaldirektor. Doch in den kommenden Tagen habe sie in der Öffentlichkeit kein Wort darüber verloren, was sie bei ihrem Besuch im Safe House erfahren hatte. „Ich hätte von unserer Präsidentin anderes erwartet“, sagt Mussie und bricht noch einmal in Tränen aus.

Haupteingang des Hospitals.
Zerschossene Mutter-Kind-Skulptur vorm Frauenhaus in Mekelle.

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