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Im Stolperschritt auf die Zielgerade

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Von: Sebastian Borger

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Boris Johnsons entdeckt seine Liebe zum walisischen Drachen. Und offenbar zur walisischen blauen Eiscreme.
Boris Johnsons entdeckt seine Liebe zum walisischen Drachen. Und offenbar zur walisischen blauen Eiscreme. © AFP

Bei den britischen Kommunalwahlen an diesem Donnerstag geht es auch um Johnsons Zukunft. Bloß die Labour-Opposition wird ihm wohl nicht sonderlich gefährlich.

Sehen Sie im Premierminister eher einen Kriegshelden oder den Partylöwen? Natürlich steht diese Frage nicht auf den Stimmzetteln, mit denen die Menschen im Vereinigten Königreich an diesem Donnerstag vielerorts neue Kommunalvertretungen bestimmen. Von ihrer Beantwortung dürfte aber Vieles abhängen: Wer Boris Johnsons lautstarke und tatkräftige Unterstützung der Ukraine für wichtiger hält als die zahlreichen Lockdown-Partys in Downing Street, wird eher dazu neigen, den Torys den Rücken zu stärken.

Einen Schlag ins eigene Kontor lieferte sich Johnson auf seiner Wahlkampftour, als er beim Ortstermin die Regionen Tyneside und Teesside verwechselte. Ein gefundenes Fressen für alle seine Gegner:innen.

Traditionell gilt der Wahltag Anfang Mai als wichtiger Stimmungstest für die nationalen Parteien ebenso wie die auf ihre Region beschränkten. Brexit-Vormann Johnson setzt auch diesmal wieder auf sein bemerkenswertes politisches Glück. Vor Jahresfrist bescherte die erfolgreiche Corona-Impfkampagne den Torys ein unerwartet starkes Ergebnis; diesmal überdeckt der Ukraine-Krieg die jüngsten Enthüllungen über Lockdown-Verstöße, die in einer polizeilichen Verwarnung samt Geldstrafe für den Premier sowie Finanzminister Rishi Sunak gipfelten.

Keinen Zweifel gab es schon vorab daran, dass die Torys diesmal Kommunalmandate einbüßen würden. Das liegt einerseits an ihrem relativ starken Abschneiden 2018, andererseits am landesweiten Trend. Der sieht, wie Professorin Sara Hobolt von der London School of Economics analysiert, die Labour-Opposition bei 40, die Konservativen hingegen nur bei 34 Prozent. Lediglich 23 Prozent gaben sich in der jüngsten Yougov-Umfrage zufrieden mit Johnson. Bei der Frage nach dem besten Premier liegt er mit 27:34 Prozent hinter Labour-Chef Keir Starmer.

Große Freude kam deshalb bei Labour aber nicht auf, dazu entfacht der Chef zu wenig Enthusiasmus im eigenen Lager oder gar darüber hinaus. Zu Monatsbeginn jährte sich der triumphale Wahlsieg von Tony Blair, Premier von 1997 bis 2007, zum 25. Mal. Für einen Wahlspot zählte der die Erfolge seiner eigenen Amtszeit sowie der folgenden drei Jahre unter Gordon Brown auf und hämmerte dem Publikum ein: Nur im Amt kann Labour für die Menschen aktiv werden, in der Opposition lässt sich wenig ausrichten. „Keir Starmer steht als Premierminister bereit“, beteuerte der einzige Labour-Mann, der drei Wahlen in Folge gewinnen konnte.

Die Binsenweisheit, wonach positive Veränderung zunächst Wählbarkeit voraussetzt, richtete sich an all jene, die Starmer nach den linken Utopien von Vorgänger Jeremy Corbyn allzu viel Pragmatismus vorwerfen. Für viele spannender war die souveräne Kommunikation des alten Schlachtrosses Blair – und der Kontrast zum oft gehemmt wirkenden derzeitigen Parteichef.

Geschürt von der fanatisch pro-konservativen „Daily Mail“ musste sich Starmer in den vergangenen Tagen lächerlicher Vorwürfe erwehren, wonach er bei einem Wahltermin vor Jahresfrist ebenfalls gegen Covid-Vorschriften verstoßen habe. Anstatt geringfügiges Fehlverhalten einzuräumen und gleichzeitig auf die völlig hemmungslose Saufkultur in Johnsons Downing Street hinzuweisen, druckste Starmer auf Anweisung seiner PR-Leute herum und machte dadurch alles nur noch schlimmer. „Die halten sich für besonders schlau“, stöhnen selbst loyale Labour-Leute.

In der Hauptstadt richtet sich die Aufmerksamkeit in der Wahlnacht vor allem auf Wandsworth, weil der dortige Bezirk seit 1979 in Tory-Hand ist. Ein Verlust wäre also schmerzhaft, läge aber im Trend: Anders als noch zu Johnsons Zeit als Bürgermeister (2008-2016) gibt es für seine Partei in London immer weniger zu holen. Rückschlüsse auf das Abschneiden bei der spätestens 2024 anstehenden Unterhauswahl bieten schon eher südliche Grafschaften wie Somerset und Hampshire oder auch Yorkshire.

In Schottland muss der dortige Tory-Chef Douglas Ross mit Verlusten rechnen, Platz Zwei dürfte an Labour unter ihrem jugendlichen Boss Anas Sarwar gehen. Unangefochten die Nummer Eins bleiben aber die Nationalisten unter Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon. Vom Amtsbonus profitieren wird in Wales Labour, wo Mark Drakeford als First Minister hohes Ansehen genießt.

In Nordirland könnter erstmals Sinn Féin, die Partei der katholischen Minderheit, eine Mehrheit erringen. Nicht zuletzt, weil die London-freundliche Protestantenpartei DUP sich immer weiter demontiert.

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