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Im Osten nichts Neues

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Von: Peter Rutkowski

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Im Osten der Ukraine – hier in Sloviansk – nichts Neues, aber immer aufs Neue schrecklich: zerstörte Häuser, tiefe Krater, traumatisierte Menschen.
Im Osten der Ukraine – hier in Sloviansk – nichts Neues, aber immer aufs Neue schrecklich: zerstörte Häuser, tiefe Krater, traumatisierte Menschen. © Genya Savilov/afp

Siwersk wird zum nächsten Ziel der russischen Invasoren. Slowjansk wird von Artillerie ohne Unterlass beschossen. Bachmut ist bedroht.

Der Titel dieses Textes soll mit voller Absicht an den Weltkrieg-Eins-Klassiker Erich Maria Remarques über den tödlichen Alltag an der Westfront erinnern. An der ukrainischen Ostfront, in den noch unter Kiews Kontrolle stehenden Rändern der Oblast Donezk, tut sich an diesem 131. Tag des Krieges... „nichts“. Oder: „nichts neues“. Wie an den Tagen zuvor werden auf ukrainischer Seite am Abend 200 bis 300 Angehörige der kämpfenden Truppe weniger gezählt werden. Auch die russische Seite wird dann weniger Mann für ihre „militärische Spezialoperation“ (vulgo: Krieg) zur Verfügung haben – wieviel? Wer weiß schon, ob Moskau überhaupt seine Toten zählt?

Was also tut sich an einem Tag, an dem sich vermeintlich nichts Neues ergibt? Die russischen Truppen, die zur Stunde die letzten Widerstandsnester eingeschlossener Ukrainer im aufgegebenen Lyssytschansk niederkämpfen, machen sich bereit, nach Siwersk weiterzumarschieren. Die Kleinstadt mit ihren gerade mal 11 000 Menschen, entstanden aus einer Sowchose und mit Stadtrecht seit 1961, zieht ihre hauptsächliche Bedeutung aus der Ansiedlung einer Dolomit verarbeitenden Fabrik. Das war’s. Bilder aus der Vorkriegszeit zeigen ein sehr grünes Städtchen zwischen der Bahnlinie nach Bachmut und dem träge dahin fließenden Fluss Bachmutka. Dieses bisschen für Russland zu reklamieren, macht Siwersk nun zum Operationsziel.

Kampf um ein Dreieck

Und dafür wird es sehr wahrscheinlich ausradiert werden, wie schon zig ukrainische Siedlungen vor ihm. Denn Siwersk liegt nun zentral in dem Rest der ukrainischen Frontausbuchtung im Donbass. Zusammen mit den Eckpunkten Slowjansk und Bachmut bildet es eine Art Dreieck, das schützend vor dem regionalen Zentrum Kramatorsk liegt. Die Russen versuchen, dieses Dreieck an seinem östlichen Schenkel Siwersk-Bachmut einzudrücken und so von Süden an Kramatorsk und Slowjansk heranzukommen.

Nordöstlich des Dreiecks, bei Charkiw erwehren sich die Russen ukrainischer Vorstöße. Ihre eigenen Versuche, Slowjansk näher zu kommen, wurden auch am Montag wieder abgewiesen. Es ist an diesem Tag „nichts“ geschehen. Es wird noch viel geschehen.

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