Der Direktor des „World Food Programme“ der WHO David Beasley.
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Der Direktor des „World Food Programme“ der WHO David Beasley.

„World Food Programme“

Im Mittelpunkt der WFP-Welt

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Das „World Food Programme“ ist nirgends so aktiv, so gestresst und so bedrängt wie in Afrika – und kämpft doch um jedes Menschenleben.

Die Operationsräume des Welternährungsprogramms sind in einem afrikanischen Krisengebiet die sympathischsten Anlaufstellen. Ein Großraumbüro in einer Baracke oder einem maroden Verwaltungsgebäude, ein halbes Dutzend unter Starkstrom stehender Gestalten in blauen Westen, die in irgendeiner Sprache der Welt in ihre Telefone bellen: Flugnummern, Wetterprognose, Ladekapazitäten. An den Wänden hängen Fotos von im Schlamm steckenden LKW oder von Flugzeugen, aus denen Säcke purzeln. Auf den Schreibtischen liegen kalte Hamburger und leere Zigarettenschachteln: „Fünf Minuten“, sagt der Chef und dreht seinen Bürostuhl um: „Legen Sie los“. Die Fragen des Reporters werden kurz und mit Unmengen an Zahlen beantwortet: Dem Journalisten brummt bald der Schädel. Nach fünf Minuten ist zumindest klar, was die Person in der blauen Weste mit dem Reporter verbindet: Die Abneigung gegen die rasende Zeit, das Wetter und die Welt der Bürokraten.

UN-Leute können zu den kaltblütigsten Amtsschimmeln der Welt gerechnet werden. Das Welternährungsprogramm gehört nicht dazu. Wer weiß schon, dass der derzeitige Exekutivdirektor des WFP David Beasley heißt? Er hat anderes zu tun, als seinen Namen bekannt zu machen.

Nirgendwo sind die globalen Helfer stärker beschäftigt als in Afrika – auch wenn sich ihre Hotspots derzeit in Syrien oder im Jemen befinden. Auf der WFP-Einsatzkarte steht Afrika im Mittelpunkt der Welt: Vier Staaten sind dort dunkelrot als „overheating“ markiert, vier als „boiling“ (kochend) und fünf als „simmering“ (köchelnd). Im ganzen Rest der Welt sind lediglich vier weitere Farbflecken zu sehen.

Schon vor der Corona-Pandemie gingen täglich fast 700 Millionen Menschen hungrig zu Bett, die große Mehrheit von ihnen in Afrika. Eines von sechs Kindern des Kontinents ist untergewichtig, eines von vier wird wegen mangelnder Ernährung in seiner psychischen oder physischen Entwicklung beeinträchtigt. Auch Aggressivität kann eine Folge schlechter Ernährung sein.

Die Hauptursachen der Ernährungskrisen in Afrika sind bewaffnete Konflikte, von denen Staaten wie Libyen, der Sahel sowie die Zentralafrikanische Republik, Nigeria, Kamerun und der Kongo betroffen sind. Viele Konflikte sind mit weltweiten Spannungen verbunden, wie zwischen Islamisten und „westlicher Welt“. Hinzu kommen Staaten, die schon heute unter dem Klimawandel leiden: Auch dazu zählen die abwechselnd von Fluten und Dürren heimgesuchte Sahelzone, der überflutete Sudan und mehrere ostafrikanische Staaten, die unter einer beispiellosen Heuschreckenplage leiden.

Seit einem halben Jahr kommen noch die Folgen der Corona-Pandemie dazu. Weniger die direkten: Mit 1,5 von weltweit 37 Millionen Infizierten und knapp 40 000 von mehr als einer Million Toten kam der Kontinent bislang glimpflich davon. Aber nicht, was die wirtschaftlichen Folgen angeht: Lockdowns, die Unterbrechung des globalen Warenverkehrs sowie Einbrüche bei den Überweisungen der Diaspora-Afrikaner in die Heimat haben Afrikas Ökonomien schwer beschädigt. Die Zahl der in diesem Jahr zusätzlich in bittere Armut geratenden Afrikaner wird auf 80 Millionen geschätzt. Die Arbeit der Blauwesten wird sich mehr als verdoppeln müssen.

Und dabei geht ihnen jetzt schon das Geld aus. Im Kongo, wo mit 21 Millionen Menschen die meisten Afrikaner auf Hilfe angewiesen sind, mussten die Lieferanten die Rationen jüngst um fast ein Viertel reduzieren: Statt der sonst üblichen 13 Dollar pro Mund und Monat stehen derzeit weniger als 10 Dollar zur Verfügung. Für das zweite Halbjahr 2020 hat das Ernährungsprogramm die Staatengemeinschaft um fast sechs Milliarden Dollar gebeten: Zugesagt wurde bislang noch nicht einmal die Hälfte.

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