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Ilse Aigner in einem Gemeinschaftsgarten am ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof.

Porträt Ilse Aigner

Ilse Aigner wühlt sich nach oben

Sie ist Ministerin. Sie gilt als nett. Als zu nett für eine Politikerin. Doch genau das könnte Ilse Aigner bald sehr mächtig machen.

Von Katja Tichomirowa und Daniela Vates

Gärtnern passt zu ihr. Sich Ilse Aigner in Gummistiefeln vorzustellen, wie sie umgräbt, aussät und Unkraut jätet? Das geht. Zupacken kann die Ministerin für Landwirtschaft, sich bücken auch.

Im Garten der Schwester in Oberbayern, „da wachsen die Kirschen ins Fenster hinein“, erzählt sie. „Als nächstes kommen die Birnen und dann die Kriachal, die Mirabellen.“ Man freut sich über jedes sanft kollernde „r“ wenn Ilse Aigner von ihrem Garten erzählt. Man denkt an eine saftige Wiese, üppig behangene Obstbäume und das Ganze unter einem absolut unbeirrbar bayerisch-blauen Himmel.

Erste bayerische Ministerpräsidentin

Sollte man eine natürliche Umgebung für Ilse Aigner ersinnen, fiele die Wahl eher auf einen Garten als auf ihr Ministerbüro in der Berliner Wilhelmstraße. Trotzdem könnte Aigner bald eine der mächtigsten Frauen der Republik werden. Die erste bayerische Ministerpräsidentin. Um das zu verstehen, muss man sie in einem Garten beobachten.

Ein grauer Juli-Vormittag auf dem Tempelhofer Flugfeld in Berlin. Ilse Aigner begutachtet ein Urban-Farming-Projekt, Landwirtschaft in der Stadt. Es ist ein Sommertermin der Bundeslandwirtschaftsministerin.

Auf einer Grünfläche neben der ehemaligen Landebahn stehen auf einem halben Hektar unbeholfen zusammengezimmerte hölzerne Pflanzenkästen nebeneinander. Hochbeete mit Sonnenblumen, Kapuzinerkresse, Zucchini und allem, was grünt und blüht. Dazwischen ein paar klapprige Bänke.

Der Garten ist noch im Werden begriffen. Ilse Aigner stapft in Jeans und schwarzem Lederjäckchen über diese größte Brache Berlins und betrachtet das Ganze ein wenig gerührt und ein wenig amüsiert. Ein Gemeinschaftsgarten? Mit mehr als 700 Freizeitgärtnern? „Gibt es da keine Konflikte?“, fragt Aigner.

Ideen sind liebenswürdig

Sie wird belehrt, dass das „Gartenprojekt Allmende Kontor“ nicht zufällig Allmende heißt. Der Begriff, sagt Severin Halder, einer von dreizehn Verantwortlichen des Kontors, bezeichne vielmehr einen Gemeinschaftsbesitz. Allen gehört alles gemeinsam. Entsprechend gewaltig ist der theoretische Überbau. Der Acker hier soll alles sein: gemeinschaftlich organisierte Landwirtschaft, interkultureller Treffpunkt, Vernetzungs- und Beratungsstelle, ein Projekt, in dem sich Klimaschutz, Stadtentwicklung, Ökologie und Biodiversität vereinen.

Ilse Aigner sieht nicht so aus, als fände sie, dass ihre Frage damit beantwortet ist. 700 Gärtner mögen wohl beschließen, dass sie 5000 Quadratmeter Land gemeinsam besitzen. Aber dass sie es auch gemeinsam bewirtschaften, sich organisieren, Interessen ausgleichen? Wie schwierig das ist, wer wüsste es besser als die Bundeslandwirtschaftsministerin.

Trotzdem: Ilse Aigner findet die Idee liebenswürdig. Das macht sie sympathisch, und es macht ihren Erfolg aus. Später am Vormittag bricht die Sonne durch, und man ist jederzeit bereit, das Ilse Aigners Konto gutzuschreiben. Sie hat einfach ein gewinnendes Wesen. Selbst unter ihren politischen Gegnern findet man kaum jemanden, der dem widersprechen würde. Ihre Politik ist umstritten, nicht ihre Art.

Das freundliche Gesicht der CSU

Ilse Aigner ist das freundliche Gesicht der CSU, meistens lächelnd, immer zugewandt. Parteichef Horst Seehofer poltert, droht mit Koalitionsbruch, verspottet die eigenen Parteifreunde. In der Logik der CSU sind das Beweise seiner Stärke. Ilse Aigner lächelt. Sie lächelt in Bayern und in Berlin. Eine Ankündigungsministerin sei sie, wird ihr vorgehalten. Die redet viel und tut wenig, kritisieren politische Gegner, und am lautesten wettert ihre Amtsvorgängerin: „Sie kann nicht, und sie will nicht“, sagt Renate Künast.

Dass Ilse Aigner oft nicht kann und schon gar nicht so, wie sie vielleicht wollte, liegt auch am Zuschnitt ihres Ministeriums. Die Zuständigkeiten für Landwirtschaft und Verbraucherschutz in einem Ministerium zusammenzuführen, war eine Idee von Renate Künast. Weil aber die Interessen der Landwirte nicht per se mit denen der Verbraucher identisch sind, ist ein permanenter Ausgleich gefordert. So jedenfalls versteht Ilse Aigner ihr Amt. Also versucht man sich im Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz an der Quadratur des Kreises. Und Ilse Aigner schließt beständig Kompromisse mit sich selbst.

Zuständig für alles und nichts

Nehmen wir den jüngsten Fall, Aigners Versuch einer Gesetzesnovelle, mit der sie den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast beschränken will. Im Sinne der Verbraucher, deren Interessen sie schützen soll, müsste sie den Antibiotikaeinsatz streng reglementieren. Täte sie das, müssten alle Betriebe mit Massentierhaltung schließen. Ohne das Schmiermittel Antibiotika stünde die Billigfleischmaschine still. Also hält es Ilse mit ihrem Landsmann Karl Valentin: Möchten hätt’ sie schon gewollt, aber dürfen hat sie sich nicht getraut. Herauskommt ein Gesetz, das den massenhaften Einsatz von Antibiotika wohl erschwert, aber nicht unmöglich macht.

Zuständig für alles und nichts, in nahezu allen Fragen vom Wohlwollen der Bundesländer und der Abstimmung in Brüssel abhängig – so müsste Aigners Stellenbeschreibung lauten. Als Ministerin reüssieren kann man so nicht. Renate Künast konnte das nicht. Ilse Aigner kann es auch nicht.

Aber wer sagt, dass sie Ministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz bleiben will? Nach Bayern, zurück in die Heimat locke es sie, hört man. In der Männertruppe CSU hat es Aigner ziemlich weit nach oben geschafft. Bundesministerin ist sie und Vorsitzende des Bezirksverbands Oberbayern. Der gilt als der mächtigste der zehn CSU-Bezirke.

In Oberbayern, so heißt es, werden die Wahlen für die Christsozialen gewonnen. Ohne Oberbayern geht nichts in der Partei. Auch die Niederlage von Günther Beckstein bei der letzten Landtagswahl wird so erklärt: Die Oberbayern hätten einfach keinen Franken als Ministerpräsident ertragen können. Ilse Aigner als bayerische Ministerpräsidentin, das müsste den Oberbayern gefallen.

Bleibt die CSU in Bayern an der Macht, sollten die Karriereaussichten von Ilse Aigner also bestens sein. Dann könnte sie bald Parteivorsitzende werden oder Ministerpräsidentin. Markus Söder, der ehrgeizige bayerische Finanzminister, dürfte keine Chance haben, wenn Seehofer weg ist. Weil er ein Franke ist und in seinem Aufstiegskampf zu viele Leute verletzt hat. Ilse Aigner hinterlässt keine Opfer. Jedenfalls sind keine bekannt. „Sie ist sehr darum bemüht, mit allen gut Freund zu sein“, heißt es in der CSU. „Das ist ihr Erfolgsgeheimnis.“

Wahlsiege statt Intrigen

So ist sie nach oben gekommen, die gelernte Elektrotechnikerin aus Feldkirchen-Westerham. Dass sie bei einer EADS-Tochter Systemelektrik für Hubschrauber entwickelte, dürfte manchen Kerl in der CSU beeindruckt haben. Mit 21 Jahren tritt sie 1985 in die Partei ein, zehn Jahre später steigt sie in den Vorstand auf. 1998 wird sie zum ersten Mal in den Bundestag gewählt. Seither gewinnt sie ihren Wahlkreis souverän. Unter 50 Prozent kam Aigner nie. Sie ist zuverlässig. Richtig gedrängelt hat sie nicht. Aigner gilt als solide und eben in dem Maß angepasst, wie es sich in der Union geziemt.

In den Gremiensitzungen der Partei sei sie eher ruhig, erzählen Teilnehmer. Sie ist niemand, der der Parteispitze mit eigenmächtigen Vorschlägen in die Quere käme. Niemand, der Intrigen spinnt. Deshalb machte Seehofer sie, als er vom Verbraucherschutzminister zum Ministerpräsidenten wurde, zu seiner Nachfolgerin. Horst Seehofer war es auch, der das Motto ausgab: Die Jüngeren fördern und die Frauen.

„Ilse hat ihre Grenzen“

Als es um den oberbayerischen Bezirksvorsitz ging, war es gleichfalls Aigner, die seine Favoritin wurde, nicht der damalige Finanzminister Georg Fahrenschon. Fahrenschon ließ Aigner an sich vorbeiziehen. Beide sind ähnliche Charaktere, eher ruhig, unaufgeregt und sachorientiert. Fahrenschon verließ wenig später ganz die Politik. Er sei zu weich gewesen, heißt es heute in der CSU.

Das sagt man auch über Ilse Aigner. „Die Ilse hat ihre Grenzen“, heißt es in der Partei. „Sie ist kein Alphatier.“ Nur: Das bedeutet nicht, dass sie es nicht bis ganz nach oben schaffen wird. Einerseits, weil Seehofer zuzutrauen ist, dass er sie nach einer gewonnenen Wahl zur Nachfolgerin ausruft, weil er glaubt, dass die präsidiale Freundlichkeit einer Ilse Aigner die CSU vor dem Absturz retten kann. Oder er hievt sie nach oben, weil er die ärgern will, die sich schon seit Langem auf seinem Posten sahen.

Aigner könnte auch die Kompromiss-Kandidatin sein, wenn sich die Anhänger aller anderen Aspiranten gegenseitig blockieren. Schon einmal hat eine Frau auf diese Weise ihre Schwäche in Stärke umgewandelt: Angela Merkel. Auch sie profitierte davon, dass sich die Alphatiere in ihrer Partei vor allem gegenseitig belauert haben.

„Man müsste sie dann einrahmen mit starken Ministern“, heißt es in der CSU. Und es werden sogar schon historische Vergleiche gesucht. Alfons Goppel, der Bayern von 1962 bis 1978 regierte, sei so ein präsidialer Ministerpräsident gewesen.

Kein gemütliches Amt

Es würde wohl kein gemütliches Amt werden für Ilse Aigner, sie müsste sich gegen Söder und andere aufstrebende Politiker zur Wehr setzen. „Da braucht es Schienbein- und Wadenschoner“, sagt einer aus der Parteiführung.

Aber gemütlich ist das Ministerium in der Wilhelmstraße auch nicht. Hier kommen die Querschläger aus den eigenen Reihen. Als Aigner im Agrar-Ausschuss ihr Modell einer Hygiene-Ampel vorstellte, hieß es aus der Union schlicht: Nö, machen wir nicht.

Und als Fahrenschon seinen Job als Finanzminister aufgab, da beanspruchte Aigner den Posten erst für Oberbayern, wie das üblich ist in der CSU. Und überließ ihn dann doch Söder.

So wirkt es oft im ersten Moment so, als schwächele Aigner, als sie scheue sie zurück. Vor der schweren Aufgabe. Oder davor, so direkt unter Seehofer zu arbeiten. Auf den zweiten Blick kann man diese Handlungen vernünftig nennen, strategisch klug. Bei der Ampel hat sie einen Konflikt im Bund verhindert. Bei der Suche nach dem neuen Finanzminister hat sie es vermieden, sich im eigenen Bezirksverband Konkurrenz heranzuzüchten. So etwas heißt Machtbewusstsein.

Auf dem Tempelhofer Flugfeld ist die Führung fast beendet, als der Blick der Ministerin auf ein Büschel Unkraut fällt. „Wer weiß denn noch, wie viel Mühe es macht, einen Garten zu pflegen, zu pflanzen und zu ernten“, sagt Ilse Aigner, bückt sich und zupft das Büschel heraus. „Man muss schauen, dass nicht alles gleichzeitig reif wird. Ein Gärtner braucht Geduld.“

Da bestellt eine ihren Garten.

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