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Ihr Tod erschüttert das ganze Land

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Von: Peter Riesbeck

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Anschläge in Brüssel
Polizisten sperren am 23. März 2016 in Brüssel die Metrostation Maelbeek. Bei einer Terrorserie wurden damals mehr als 30 Menschen getötet. © Federico Gambarini/dpa

Eine 23-Jährige, traumatisiert von einem Terroranschlag, entscheidet sich für Sterbehilfe. Darüber gibt es eine Debatte.

Die letzten Zeilen auf Facebook klingen selbstbewusst: „Ich habe gelacht und geweint. Bis zum allerletzten Tag“, schreibt Shanti De Corte und fügt hinzu: „Ich werde jetzt in Ruhe gehen.“ De Corte ist, wie erst jetzt durch Recherchen des Fernsehsenders RTBF bekanntgeworden ist, schon im Mai gegangen. Der Fall der Belgierin wirft Fragen auf. De Corte, 23, nahm Sterbehilfe in Anspruch. Ihre Begründung: schwere Traumatisierungen nach den Terroranschlägen von Brüssel.

De Corte war 17, als Attentäter am 16. März 2016 zunächst Bomben am Flughafen Zaventem und dann in der Metrostation Maelbeek im Europaviertel in Brüssel zündeten. 32 Menschen starben. De Corte ist ein weiteres spätes Opfer jener Attacken. Die damals 17-Jährige war mit ihrer Schulklasse auf Abschlussfahrt nach Rom, als die Bomben auf dem Brüsseler Flughafen detonierten.

De Corte blieb äußerlich unverletzt, war jedoch schwer traumatisiert. „Manchmal schreie ich, als ob ich noch immer in Zaventem wär‘“, erzählte Shanti vor vier Jahren in einem Interview und gab einen Einblicke in ihr Seelenleben. „Plötzlich kam die Decke nieder, Leichen fielen über mich. Dafür fühle ich mich noch immer schuldig.“ Zwei Jahre in wechselnden psychiatrischen Kliniken lagen da schon hinter ihr.

Psychische Probleme?

Weitere sollten folgen. „Bei all den Drogen, die ich nehme, fühle ich mich wie ein Geist, der nichts mehr spürt. Vielleicht gab es andere Lösungen als Drogen“, ließ De Corte schon früh den Wunsch nach Sterbehilfe verspüren. Andere urteilen zurückhaltender. „Für mich war klar, sie hatte schon früher psychische Probleme“, erzählte De Cortes früherer Schulpsychologe dem Sender RTBF.

Belgien hatte die Sterbehilfe im Jahr 2002 legalisiert. Rund zwei Prozent der Todesfälle pro Jahr geht auf medizinischen Beistand zurück. Voraussetzung ist eine unheilbare Krankheit. Zu der zählen in Belgien auch psychische Erkrankungen. Eine Ethikkommission bestehend aus Ärzten:innen, juristischen und theologischen Fachleuten muss über den Antrag befinden.

Doch regen sich im Fall De Corte auch Kritik. Die Therapie sei nicht ausgereizt worden, ließ ein Mitglied der Ethik-Kommission wissen. So sei De Cortes Wunsch auf Behandlung in einer Spezialeinrichtung für Opfer der Brüsseler Terroranschläge in Ostende abgelehnt worden.

Das katholische Belgien streitet seit langem über die aktive Sterbehilfe und den selbstbestimmten Tod. Der belgische Medizinobelpreisträger Christian De Duve nahm sich 2013 das Leben. Er hinterließ ein bemerkenswertes Interview. „Es wäre eine Untertreibung, zu sagen, ich hätte keine Angst vor dem Tod“, ließ er wissen und ergänzte: „Aber ich fürchte mich nicht vor dem, was kommt, denn ich bin nicht gläubig. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Es wird nichts bleiben.“ Der Mann war 95.

Shanti De Corte schied mit 23 aus dem Leben. Nach Medienberichten prüft die Justiz in Antwerpen den Fall. „Ich hoffte auf ein Wunder, aber das Wunder kam nicht“, erklärte De Corte schon vor vier Jahren in einem Interview. Ihr Abschiedsbrief ist eindeutig. „Ich liebte und durfte spüren, was Liebe ist. Das Leben werde ich schon jetzt vermissen.“

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