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Bei drei Einsätzen Ende Januar rettete die Crew der „Ocean Viking“ 374 Menschen aus Seenot.
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Bei drei Einsätzen Ende Januar rettete die Crew der „Ocean Viking“ 374 Menschen aus Seenot.

Flucht

„Ihr habt zu viele Menschen gerettet“

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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Die Geschäftsführerin von SOS Mediterranee Deutschland erklärt, mit welchen Tricks zivilen Rettungsschiffen die Arbeit auf dem Mittelmeer erschwert wird.

Das unter norwegischer Flagge fahrende Schiff „Ocean Viking“ der Rettungsorganisation SOS Mediterranee hat in den vergangenen Wochen im zentralen Mittelmeer Hunderte Menschen aus Schlauchbooten gerettet und nach Italien gebracht. Zuvor hatten die Behörden das Schiff fünf Monate in einem sizilianischen Hafen festgesetzt. Auch die Schiffe vieler anderer Rettungsorganisationen dürfen die Häfen derzeit nicht verlassen.

Frau Papke, die „Ocean Viking“ konnte monatelang nicht auslaufen. Die italienische Küstenwache hatte die Festsetzung im Sommer 2020 mit Sicherheitsmängeln begründet. Sie sprechen von „behördlicher Schikane“. Warum?

Verena Papke leitet die Seenotrettung SOS Mediterranee Deutschland.

Ich muss dazu erst mal sagen, dass zivile Seenotrettungsorganisationen wie SOS Mediterranee in den letzten Jahren immer wieder politischen Blockaden ausgesetzt waren. So wurde unserem Vorgängerschiff, der Aquarius, zum Beispiel zwei Mal die Flagge entzogen. Nun scheinen diese Behinderungen auf eine administrative Ebene zu wandern. So hat man uns diesmal vorgeworfen, dass wir zu viele „Passagiere“ an Bord genommen hätten. Also: zu viele Gerettete.

Klingt absurd.

Ja, denn eine Begrenzung der Anzahl von Menschen, die man retten darf, gibt es im internationalen Seerecht natürlich nicht. Im Gegenteil: Dort heißt es, dass man Menschen in Seenot helfen muss. Und es ist klar, dass wir nicht sagen: Wir dürfen nur zehn Menschen retten, deshalb lassen wir die elfte Person ertrinken …

Was hat die Küstenwache von Ihnen verlangt?

Sie hat zahlreiche sogenannte Sicherheitsmängel aufgelistet und die mussten wir beheben. Ich sage bewusst sogenannt, denn bei den letzten Inspektionen im Juni, September und November 2019 hatte unser Schiff noch alle Sicherheitsanforderungen in vollem Umfang erfüllt. Seitdem hat sich an dem Schiff nichts geändert. Und dann hieß es im Sommer auf einmal: „Ihr habt zu viele Menschen gerettet!“ Die Sicherheitsnormen wurden plötzlich ganz anders ausgelegt. Es hieß zum Beispiel, wir bräuchten für eine mögliche Havarie an Bord andere Notfallrettungsinseln und -schutzwesten.

Oft werden auch Kinder aus den Schlauchbooten geholt.

Warum haben Sie sich nicht gerichtlich gewehrt ?

Es hätte unsere Ressourcen in einem Prozess gebunden, von dem wir nicht gewusst hätten, wie lange er dauern würde. In dieser Zeit hätten wir keine Menschen retten können. Wir hielten die Begründung unserer Festsetzung auch für fadenscheinig, aber wir dachten uns: Okay, wir kümmern uns um die geforderten Nachrüstungen und können dann wieder aufs Meer. Wir wollten dort ja so schnell wie möglich wieder Menschen retten. Und jetzt frage ich mich, was sich Italien wohl als nächstes einfallen lässt.

DIE ORGANISATION

SOS Mediterranee ist eine europäische Nichtregierungsorganisation zur Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer. Sie wurde 2015 in Berlin gegründet, war von Februar 2016 bis Dezember 2018 mit der „Aquarius“ und ist seit August 2019 mit der „Ocean Viking“ im zentralen Mittelmeer im Einsatz. Fünf Monate war das Schiff festgesetzt. Um technische Auflagen der italienischen Küstenwache zu erfüllen, mussten 200 000 Euro investiert werden. Seit Mitte Januar ist die „Ocean Viking“ wieder zwischen Italien und Libyen unterwegs. 32 173 Menschen konnte die Organisation nach eigenen Angaben bisher aus Seenot, also vor dem Ertrinken, retten. Mehr Infos: sosmediterranee.de

Im Herbst waren alle zivilen Rettungsschiffe im Mittelmeer festgesetzt. Auch während wir sprechen, ist keines unterwegs – die „Ocean Viking“ macht kurz Pause und die Belegschaft der „Open Arms“ ist in Quarantäne. Was passiert mit den Menschen, die jetzt in Libyen per Boot ablegen?

Von der zivilen Luftbeobachtung wissen wir, dass die Schlauchboote, die in dieser Zeit in Libyen ablegen, entweder von der libyschen Küstenwache zurückgeschleppt werden oder dass die Menschen eben ertrinken. Alleine zwischen Libyen und Italien sind in diesem Jahr schon fast 80 Menschen verschwunden, also ertrunken. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Früher gab es ja ein europäisches Seenotrettungsprogramm und auch eine funktionierende italienische Seenotleitstelle, die quasi alle gemeldeten Notfälle im zentralen Mittelmeer aufgenommen und an das nächste erreichbare Schiff weitergegeben hat. Aber die EU hat die Verantwortung in der Zwischenzeit de facto an die libysche Küstenwache übergeben. Die ist aber gar nicht in der Lage, alle Fälle zu bearbeiten, oft ist die Küstenwache überhaupt nicht zu erreichen.

Gerettete mit Fieber können an Bord isoliert werden.

Sind die Boote denn so untauglich, dass sie zwangsläufig untergehen?

Das sind große, dünnwandige Schlauchboote, das Gummi nicht mal zentimeterdick, damit würde keiner von uns auch nur auf die Spree steigen. Und wir sprechen ja nicht von der Ägäis, wo die Türkei und die griechischen Inseln nah beieinander liegen, sondern vom zentralen Mittelmeer, wo die Entfernungen viel größer sind. Das ist ein Riesengebiet. Was wir von Geretteten hören, ist, dass die Schlepper den Leuten sagen: Das da hinten ist Europa. Dabei ist das nur eine Ölbohrinsel, die leuchtet. Im Grunde befinden sich die Leute ab dem Zeitpunkt, wo sie auf den stark überbesetzten Schlauchbooten sind, in Seenot.

Sie bringen die Geretteten stets nach Europa und nie nach Libyen, warum?

Das ist aus mehreren Gründen für SOS Mediterranee ausgeschlossen. Im Seerecht heißt es, man muss gerettete Menschen an einen sicheren Ort bringen. Und Libyen ist kein sicherer Ort, das ist unbestritten. Viele Menschen, die wir an Bord nehmen, haben schlimmste Folterverletzungen und sind nachweislich hoch traumatisiert. Frauen erzählen uns, dass sie in den libyschen Lagern vergewaltigt worden sind, Männer erzählen davon, dass sie wie Sklaven verkauft und von ihren Haltern – man muss es wirklich so nennen – brutalst behandelt wurden. Man darf Menschen nicht in ein solches Land zurückbringen, sondern nur an einen Ort, wo elementare Menschenrechte eingehalten werden.

Bei der Ortung gibt es auch Unterstützung aus der Luft.

Was fordern Sie von der EU?

Die Europäische Union müsste endlich zu ihrer Verantwortung stehen und wieder ein staatlich koordiniertes Seenotrettungsprogramm etablieren. Und es muss ein verlässliches Verteilungssystem geben, sodass nicht bei jeder Rettung aufs Neue verhandelt werden muss, welches Land jetzt wie viele Menschen aufnimmt. Das kostet zu viel Zeit. Doch selbst der geplante EU-„Migrationspakt“ bietet leider keine Lösungen für diese Probleme.

Unter Ihren Beiträgen im Netz wird neben viel Lob und Hass immer wieder auch die Kritik geäußert, Sie würden mit den Rettungen noch mehr Leute motivieren, sich auf den gefährlichen Weg nach Europa zu begeben. Was sagen Sie dazu?

Auch im Herbst, als kein einziges ziviles Rettungsschiff unterwegs war, sind Hunderte Menschen ertrunken. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Präsenz von zivilen Rettungsorganisationen und der Flucht über das Mittelmeer, dazu gibt es auch Studien. Die Menschen nehmen es offensichtlich eher in Kauf, zu ertrinken, als in ihrem Heimatland oder gar in Libyen zu bleiben. Was ich bei solchen Kommentaren wie dem erwähnten besonders schwierig finde, ist, dass es offensichtlich kein Konsens mehr ist, dass man Menschen einfach nicht ertrinken lassen darf. Das sollte in unserer Gesellschaft aber Konsens sein – egal, welche politische Einstellung man hat.

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