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Katholische Kirche

"Ignoranz wirkt wie Gift in der Gemeinschaft"

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Ex-Vatikanbotschafterin Annette Schavan spricht im Interview mit der FR über Missbrauchsskandale, die Kritik an Papst Franziskus und die Rolle der Frauen in der katholischen Kirche.

Frau Schavan, was bedeutet es, wenn jetzt der „Klerikalismus“ als speziell katholische Ursache von sexuellem Missbrauch herausgestellt wird?
Das ist ein großer und wichtiger Schritt, weil damit anerkannt wird, dass es einen strukturellen Kontext gibt, der förderlich war für den Missbrauch der Macht, der Gewissen und für sexualisierte Gewalt. Papst Franziskus hat diesen dreifachen Missbrauch in seinem Brief an alle Gläubigen klar benannt.

Reformen in der Ämterfrage lehnt die Kirchenleitung aber regelmäßig ab.
Bislang ja, aber nun hat Kardinal Marx gesagt, es müsse eine Debatte über den Zölibat geführt werden. Die Synode der Bischöfe im Amazonasgebiet wird vermutlich auch Vorschläge für neue Zugänge zum Amt machen. Ich finde, es muss auch im Verhältnis von Amt und Laien neue Wege geben. Laien sind keine Dilettanten, wie das Wort vermuten lässt. Neue Wege braucht es auch für die Frauen in der Kirche. Die Leitung einer Gemeinde oder auch der Verwaltung einer Diözese sollte nach Erfahrung und Fähigkeiten besetzt werden, nicht nach Geschlecht.

Gibt es denn keinen weiblichen Machtmissbrauch?
Dazu hatten Frauen bislang in der Kirche wenig Gelegenheit (schmunzelt). Aber im Ernst: Auch Frauen können natürlich unfähig im Umgang mit Macht sein oder Macht missbrauchen. Das Thema ist aber ein anderes: Wieso beklagen jetzt Männer in der Kirche die Männerbünde? Dahinter stehen ja wohl Erfahrungen, die nicht erst seit dem Bericht über sexualisierte Gewalt in der Kirche bekannt sind. Das weit verbreitete Unbehagen über „geschlossene Gesellschaften“ innerhalb der Kirche wird jetzt öffentlich. Das öffnet ein Zeitfenster für eine Weiterentwicklung der Kirche, die auch geistlich überzeugt. Das betrifft nicht nur die Kirche in Deutschland und die üblichen Reformthemen.

Sondern?
Es ist ein wirklich geistlicher Aufbruch gemeint. Da werden nicht andauernd geistlicher Dienst und Macht in einer Institution gleichgesetzt. Da arbeiten Frauen und Männer in Leitung und Führung zusammen. Da gibt es keine Laien, sondern Christen. Da ist die zölibatäre Lebensform die Lebensform der Ordensleute, nicht aber zwingend auch die der Weltpriester. Da übernehmen Frauen diakonische und geistliche Dienste. Da wird ein Wechsel der Perspektive gewagt, die Papst Franziskus so am Herzen liegt: Das Leiden der Opfer, nicht der Schutz der Kirche oder des Ordens, steht im Mittelpunkt; die Peripherien, die Ränder in unseren Städten und Gemeinden rücken in den Blick, nicht nur die Kathedralen; die verlorenen „Schafe“ werden wichtig, nicht nur die wenigen verbliebenen.

Sollten jetzt auch die katholischen Orden, die Träger vieler Schulen und Jugendeinrichtungen waren und sind, Studien zu sexualisierter Gewalt in Auftrag geben?
Die Orden beraten längst darüber. Ich bin ziemlich sicher, dass am Ende jede Gemeinschaft in der Kirche weltweit an einer konsequenten Aufklärung interessiert sein wird und sein muss. Wer findet, er könne das Thema gleichsam liegen lassen, wird erleben, dass sich solche Ignoranz wie Gift in der Gemeinschaft auswirkt.

Die deutschen Bischöfe haben sich in der vorigen Woche in Fulda auf organisatorische Reformschritte und eine vertiefte Aufarbeitung des Missbrauchsskandals verständigt. Was erwarten Sie?
Ich erwarte, dass die Bischöfe Veränderungen des strukturellen Kontextes wirklich wollen und leisten. Der Münchener Generalvikar Peter Beer hat davon gesprochen, dass Frauen stärker an der Ausbildung der Priester beteiligt werden sollten. Das kann so ein Schritt sein – aber eben nur einer. Der Missbrauch von Macht und Gewissen sowie die festgestellte sexualisierte Gewalt machen vor allem nötig, andere Strukturen der Verantwortung und Rechenschaft zu schaffen. Das wird die anspruchsvollste Aufgabe werden.

Sie waren vier Jahre in Rom ganz nah an der Kirchenzentrale. Ist das Problem dort angekommen?
Ich bin davon überzeugt, dass Papst Franziskus die ganze Tragweite der Krise mit am besten verstanden hat. Ich erinnere an die Ansprache an die Kardinäle vor seiner Wahl im Konklave 2013: Da hat er das Kreisen der Kirche um sich selbst angeprangert. Jedes geschlossene System neigt zum Missbrauch von Macht. Auch und gerade die Kirche, die „an die Ränder“ gesandt ist, versagt als geschlossenes System. Das gilt nicht nur für den Missbrauchsskandal, sondern generell. Diese schonungslose, für manche in Rom unerträgliche Analyse hat die Kardinäle nicht gehindert, Papst Franziskus zu wählen. Deshalb gilt jetzt auch die Ausrede nicht mehr, „Rom will das nicht“.

Den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Chile hat der Papst zunächst eher verharmlost, indem er Täter in Schutz genommen hat.
Auch der Papst macht Fehler – vor allem dann, wenn man ihm falsche Informationen gibt. Als er aus Chile zurückkam, muss er ein komisches Gefühl gehabt haben. Er hat dann einen Bischof von Rom nach Chile geschickt, der viele Gespräche geführt hat. Danach hat der Papst sich mit Opfern aus Chile in Rom getroffen und den Rücktritt einiger chilenischer Bischöfe angenommen. Diese Geschichte zeigt seine Konsequenz beim Thema, die auch für die Zukunft gilt.

Interview: Joachim Frank

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