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Interview

„Ich würde den Männern zeigen, was sie gewinnen“

  • Viktor Funk
    VonViktor Funk
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Michael Schirner spricht im Interview mit der FR über den Reiz einer Kampagne für eine feministische Partei.

Herr Schirner, in wenigen Tagen wählen Millionen Deutsche neue Landesparlamente. Was, wenn zu den Wahlen auch eine feministische Partei antreten würde und Sie um eine Kampagne gebeten hätte?
Mache ich sofort.

Warum?
Ich freue mich über jeden Auftrag. Mit meinen Studierenden in Bremen und Stuttgart hatte ich mir neue Parteien ausgedacht. Aus einer sind später die Piraten geworden. Ich habe für die SPD Imagewerbung gemacht und für die Grünen die Wahlkampagne, über die sie 1998 an die Regierung gekommen sind.

Mit welchem Slogan?
Statt eines Slogans gab’s ein großes grünes Ü, das alle anlacht. Und dazu Sprüche wie: „Beckstein würde auch Jesus abschieben“, oder „Ach, Helmut.“

Was würde Sie denn inhaltlich reizen, für eine feministische Partei zu werben?
Die Gleichberechtigung, die soll doch endlich hergestellt werden. Das hinzukriegen, ist jeden Versuch wert. Und es über Kommunikation zu machen, ist richtig – anders geht es gar nicht.

Viele Männer – aber auch Frauen – haben ein Problem mit dem Begriff Feminist. Er ist hierzulande offenbar negativ besetzt.
Wenn Namen oder Begriffe ernste Probleme sind, sagen Werbeleute meist: Vielleicht müssen wir den Begriff Feminist ersetzen und einen anderen finden, der keine Aversion auslöst.

Fällt Ihnen eine Alternative ein?
Eigentlich nicht. Der Begriff stößt ja nur dann unangenehm auf, wenn die Kampagne unangenehm ist. Aber wenn die Kampagne sympathisch und klug ist, tut das Wort Feminismus nicht weh.

Tut Feminismus nicht per se weh? Hier geht es schließlich um Machtfragen. Die Macht, die die Frauen haben wollen, müssen Männer abtreten. Wir können ja nicht so tun, als wäre das ein Freundesfest.
Das stimmt, aber ich würde dem Kampf um Macht nicht zur Hauptsache der Kommunikation machen. Ich würde eher die Vorteile einer Gleichberechtigung herausstellen. Mit Humor, mit Witz, mit Intelligenz. Ich würde den Männern zeigen, was sie dadurch gewinnen, das Positive hervorheben.

Nun wollen Sie keine Antagonismen zwischen Männern und Frauen betonen, aber die Männer-Illustrationen für unsere Ausgabe, die Sie entwickelt haben, sind teilweise sehr brutal.
Die Texte sind von Herbert Grönemeyer, die Bilder von Kexin Zang, der Kreativdirektorin. Die Methode ist die der Übertreibung. Wir treiben die Vorurteile und Klischees auf die Spitze und lösen sie dadurch auf.

Nach der sogenannten Kölner Silvesternacht gab es auch Stimmen, die Frauen eine Mitschuld zugeschrieben haben. Eine Europastudie zeigt, dass dies bei sexuellen Übergriffen eine gängige Meinung ist. Woher kommt das?
Das ist eine Folge des Antagonismus der Geschlechter. Ich bin ein Fan von Judith Butler, sie hat die Idee der unendlich vielen Geschlechter eingeführt. Statt auf Männer und Frauen als jeweilige Gruppen zu schauen, zeigte die Philologin, dass es selbst innerhalb der Gruppe der Männer größere Unterschiede gibt, als zwischen Männern und Frauen. Daraus folgt, dass es so viele Geschlechter gibt, wie es Menschen gibt. Sie schaut auf die Unterschiede zwischen einzelnen Menschen und sieht darin etwas Wertvolles. Damit hebt sie den Antagonismus von Mann und Frau auf. Durch die Gleichheit in der Unterschiedlichkeit aller werden auch die alten Rollen, Vorurteile und Fronten aufgebrochen.

Fronten aufzubrechen ist ja wichtig, nur stellen wir fest, dass Einsichten wenig wert sind, wenn es um Macht geht. Seit 15 Jahren bestätigt die Forschung, dass gemischte Führungsteams in der Wirtschaft bessere ökonomische Ergebnisse liefern. Man müsste annehmen, viele Unternehmen würden das erkennen und für sich nutzen. Aber Pustekuchen, Aufklärung reicht scheinbar nicht.

Stimmt, wir müssen neue Formen und Spielregeln ausprobieren, zum Beispiel Rollentausch als Gesellschaftsspiel. Wie es der Art Directors Club und seine überwiegend männlichen Mitglieder es jetzt machen: In diesem Jahr sollen alle neu aufgenommenen Mitglieder Frauen sein. Die anfängliche Kritik hat sich ins Gegenteil gedreht. Wenn das so weitergeht, haben wir bald einen Club der Artdirektorinnen.

Sehen Sie denn in Deutschland eine gesellschaftlich bekannte Sympathiefigur, die den Feminismus positiv verkaufen könnte?
So schnell fällt mir da niemand ein. In den angelsächsischen Ländern wird diese Aufgabe von der Popkultur übernommen. Von Lady Gaga, Beyoncé, Miley Cyrus, die von einem Kinderstar zu einer lustigen, frechen Provokantin geworden ist. Das sind wunderbare Vorbilder für alle. Ich glaube sowieso, dass bei den jetzt 14 bis 28-Jährigen das alte Rollenverständnis nicht mehr so vorherrschend ist, wie bei uns. Wir müssen uns über den Feminismus nicht allzu große Sorgen machen, er ist auf einem guten Weg.

Interview: Viktor Funk

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