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Die letzten Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr besteigen einen Militärtransporter, der sie nach Deutschland bringt.
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Die letzten Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr besteigen einen Militärtransporter, der sie nach Deutschland bringt.

Afghanistan

„Ich wollte nur klar machen: Das ist ein Kriegseinsatz“

  • Bascha Mika
    VonBascha Mika
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Die Theologin Margot Käßmann kritisierte die Entsendung der Bundeswehr in den Kundus in einer Rede im Jahr 2010 scharf und wurde dafür angegangen. Im Interview spricht sie über ihre unerschütterliche Haltung, Verantwortungsethik und die politische Verantwortung der Kirche.

„Nichts ist gut in Afghanistan.“ Dieser denkwürdige Satz, Frau Käßmann, stammt aus Ihrer Neujahrspredigt 2010 im Berliner Dom. Würden Sie ihn heute wiederholen?

Leider ja. Es ist ein Trauerspiel, dass nach einem 20-jährigen Einsatz keine Perspektive für die Menschen dort geschaffen werden konnte.

Wieso haben Sie Afghanistan überhaupt in der Predigt erwähnt?

Ein junger Soldat hat mich in der Bischofskanzlei besucht und von seinem Einsatz in dem Land erzählt. Von den psychischen Folgen des Krieges und dass niemand in Deutschland das wahrnimmt. Dann bekam ich den Brief einer jungen Frau. Wer hat eine Trauerfeier für meinen Mann abgehalten, der im Zinksarg aus Afghanistan zurückkehrte, fragte sie. Hinzu kam, dass im September 2009 der deutsche Oberst Klein den Befehl gegeben hatte, zwei Tanklastwagen in Kundus zu bombardieren, wodurch an die hundert Zivilisten ums Leben kamen. Auch Kinder.

Spätestens da war wohl hierzulande jedem klar, dass in Afghanistan Krieg geführt wird…

…und die Bundeswehr nicht einfach den Auftrag hat, Mädchenschulen zu bauen und Brunnen zu bohren. Deshalb wollte ich aufrütteln und klar machen: Das ist ein Kriegseinsatz, das können wir nicht ignorieren, da müssen wir hingucken. Das war der Sinn meiner Predigt. Was wollen wir in diesem Land? Welches Ziel hat der Einsatz? Wann endet er? Diese Fragen waren nicht geklärt. Jetzt endet der Einsatz, weil die Amerikaner den Abzug beschlossen haben. In Afghanistan sind 59 deutsche Soldaten gestorben, 12,2 Milliarden Euro Steuergelder wurden ausgegeben. Und noch immer ist nicht klar, was dadurch erreicht wurde. Das ist doch deprimierend und tut weh.

Für Ihre Aussage sind Sie von Politikerinnen, Politikern und Medienleuten regelrecht gegeißelt worden. „Ein hochmütiges Pauschalurteil“, sei das, „eine populistische Fundamentalkritik“.

Und ich soll mich bei Kerzenlicht mit den Taliban in ein Zelt setzen und beten – das war auch so ein schöner Satz. Aber inzwischen verhandeln die USA seit Jahren mit den Taliban, das sollten wir auch mal festhalten.

Damals sagten Sie zu den Reaktionen: Die Kritikerinnen und Kritiker „knallen auf meine Person.“ Hatten Sie nicht mit Empörung gerechnet?

Dass ich derart provoziere, habe ich mir nicht vorstellen können. Da war ich auch naiv. Heute bin ich elf Jahre älter und gelassener. Ich würde es wieder so sagen, aber ich wäre ruhiger gegenüber dieser massiven, teils bösartigen und hämischen Kritik. Und ich würde mich nicht mehr so unter Rechtfertigungsdruck setzen lassen.

Warum wurde Ihnen die Einmischung derart übel genommen?

Nach der Bombardierung in Kundus gab es großes Erschrecken: Im Ausland sterben Menschen, weil wir uns an einem Krieg beteiligen. Ich erinnere mich, dass ich damals in einer Talkshow mit Horst Seehofer saß und der gefragt wurde: Frau Käßmann spricht vom Krieg in Afghanistan, was sagen Sie dazu? Seehofer hat eine Weile überlegt und dann gemeint: Ja, da hat sie recht. Das war der Punkt. Dass es um Krieg geht, wollten viele nicht wahrhaben.

Aber gerade diese Menschen hätten Ihnen doch für Ihre klaren Worte dankbar sein müssen.

Ich bekam ja auch viel Unterstützung. Aber für die Kritiker war es natürlich auch ein Punkt, dass da eine Frau spricht, die gerade Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands geworden ist. Ich war als geschiedene, alleinstehende Frau in dem Amt sowieso schon eine Provokation für manche. Und die wagt es auch noch, das Militär zu kritisieren. Zwei CDU-Politiker sagten damals, ich erinnere sie an Pfarrer, die in Talaren Friedensdemonstrationen anführten. Das waren die Projektionen und Bilder in den Köpfen.

Bewaffnete Afghanen wollen die Sicherheitskräfte im Kampf gegen die Taliban unterstützen.

Sie sollten lieber Gottes Wort verkünden, statt Politik zu machen, wurde Ihnen empfohlen. Wie politisch darf eine Kirchenrepräsentantin denn sein?

Die Kirche kann gar nicht unpolitisch sein. Wir wissen doch aus der Geschichte, dass sie selbst dann politisch ist, wenn sie schweigt. Mahatma Gandhi hat gesagt, er könne aus dem Neuen Testament keine Rechtfertigung für Gewalt herauslesen. Und ich kann das auch nicht. Ich bin mal gefragt worden, was Jesus zu Terroristen sagen würde. Liebet Eure Feinde, bittet für die, die Euch verfolgen, habe ich geantwortet. Damit habe ich den nächsten Shitstorm geerntet und musste klarstellen: Das war nicht von Käßmann, sondern von Jesus. Liebet Eure Feinde ist das Allerschwerste, was Jesus uns hinterlassen hat. Wenn wir das ernst nehmen, müssen wir uns doch permanent in diese Welt einmischen.

Krieg darf nach dem Willen Gottes nicht sein, heißt es in einem Kirchenwort…

…das war Amsterdam 1948, die erste Vollversammlung der Kirchen der Welt. Deshalb habe ich mich vor dem kirchlichen Hintergrund immer bestätigt gefühlt. Für mich ist das eine Glaubensfrage.

Darf ein Christ dann überhaupt Soldat sein?

Dazu hat schon Martin Luther eine lange Schrift verfasst: Kann ein Soldat seligen Standes sein? Das ist immer eine kritische Frage gewesen. Es gibt Christen, für die ist Kriegsdienst mit ihrem Glauben nicht zu vereinbaren. Ich persönlich sehe das auch so. In der Evangelischen Kirche Deutschlands ist aber auch die andere Haltung möglich.

Dann stimmt also der Vorwurf, der Ihnen damals gemacht wurde – dass Sie Soldaten das Christsein absprechen.

Nein, nein, ich würde keinem Soldaten das Christsein absprechen, wenn er das aus seiner Überzeugung heraus tut und auch begründet. Aber ich persönlich habe eine andere Haltung. Und ich habe es immer für falsch gehalten, dass die Bundeswehr bei Auslandseinsätzen dabei ist. Stellen Sie sich vor, wir hätten 12,2 Milliarden Euro in den zivilen Aufbau Afghanistans investiert. Dann heißt es zwar immer, das wäre ohne militärischen Schutz gar nicht möglich gewesen, aber es gab ja noch nicht mal die Idee dafür.

Angela Merke fand ihre Kritik durchaus legitim…

…ja, das war eine faire Haltung...

…anders als Wolfgang Schäuble. Der begründete den Einsatz mit Verantwortungsethik während Sie nur eine Gesinnungsethik vertreten würden. Auch so kann man Gewissensentscheidungen abwerten.

Mit dieser Unterscheidung steckt man die Menschen, die sich auf ihr Gewissen berufen in die Schublade: Nicht für die Praxis geeignet. Da muss ich nochmal auf Luther kommen. Als er seine Thesen widerrufen sollte, sagte er, das könne er nicht. Das könne er nicht vor der Bibel und nicht vor seinem Gewissen verantworten. Das Gewissen ist zu respektieren. Dafür bin ich auch bei Kriegsdienstverweigerung immer eingetreten.

Und was sagen Sie denjenigen, die sich bei einem solchen Kriegseinsatz auf Verantwortungsethik berufen?

Ich respektiere, dass jemand anderer Meinung ist. Das gehört zur Demokratie dazu. Ich finde es aber nicht in Ordnung, jemanden als verantwortungslos zu diffamieren, der gegen militärische Lösungen plädiert. Ich kenne sehr viele Menschen, die sich aktiv bei zivilen Friedensdiensten engagieren. Das ist auch Verantwortungsethik.

Der SPD-Außenexperte Hans- Ulrich Klose hielt Ihnen damals entgegen: „Wenn wir heute abziehen, sind in sechs Wochen wieder die Taliban an der Macht.“ Und genau das beobachten wir jetzt, elf Jahre später. Die Taliban stehen vor Masar-i-Scharif, wo die Bundeswehr stationiert war, und schicken per Twitter Fotos in die Welt, auf denen sie vor dem Westtor der Stadt posieren.

Das ist so bitter. Ich kann nur wiederholen, was ich schon sagte: Dass uns die Fantasie für den Frieden fehlt. Wie kann er entstehen? Damals gab es nur die Idee einzumarschieren und nicht, was dann passieren soll. Da kann man schon nach Verantwortungsethik fragen. Ich kann nur hoffen, dass nach 20 Jahren wenigstens irgendetwas besser geworden ist in Afghanistan.

Interview: Bascha Mika

Zivile Opfer.

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