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„Zu schwer“ ist heute „normal“: Die Mehrheit der Deutschen wiegt zu viel.

Bodyshaming

„Ich wollte ihnen zeigen, dass sie mich nicht kleinkriegen werden“

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Die Grünen-Politikerin Ricarda Lang spricht über ihren Kampf gegen die Herabsetzung dicker Menschen und für mehr Gleichberechtigung.

Frau Lang, Sie sind eine der Vorreiterinnen im Kampf gegen Bodyshaming. Was war für Sie der Auslöser zu sagen: „Es reicht“?
Es ging bei mir um konkrete Erfahrungen. Es hat damit angefangen, dass ich zur Bundessprecherin der Grünen Jugend gewählt wurde. Egal zu welchem Thema ich mich öffentlich geäußert habe – von Kohleausstieg über die Bildung – ich habe immer wieder Kommentare bekommen, die sich auf meinen Körper bezogen haben. Am Anfang habe ich sehr stark versucht, darauf nicht einzugehen. Ich wollte diesen Kommentaren und ihren Verfassern nicht zu viel Aufmerksamkeit geben.

Aber dann haben Sie das Thema publik gemacht.
Ja, denn mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich mich immer mehr zurücknehme, dass ich länger darüber nachdenke, ob ich etwas schreibe, ob ich gerade die Kraft habe, mich mit den Reaktionen auseinanderzusetzen. Darauf hatte ich keine Lust mehr. Wenn die Hasskommentar-Schreiber dadurch Macht über mich haben, weil ich mich zurücknehme, dann haben sie gewonnen. Also habe ich beschlossen, den Leuten zu zeigen, was es heißt, als Frau, als dicke Frau politisch aktiv zu sein. Und ich wollte den Kommentatoren zeigen, dass sie mich nicht kleinkriegen werden. Ich dachte gar nicht, dass mein erster Post zum Thema so viel Resonanz bekommen würde, aber ich habe anscheinend einen Nerv getroffen.

Ricarda Lang, Jahrgang 1994, ist seit November 2018 Bundessprecherin der Grünen Jugend. Sie lebt in Berlin und studiert Rechtswissenschaften. elm

Bekommen Sie Rückmeldungen von anderen Betroffenen?
Ich habe eine unheimliche Welle der Solidarität erfahren. Frauen mit ähnlichen Erfahrungen haben sich an mich gewandt. Sie berichten von Erfahrungen, auf ihren Körper reduziert, wegen körperlicher Merkmale als nicht „gut genug“ bewertet zu werden und unter immensem Druck zu stehen. Mir ist dabei wichtig, Bodyshaming als politisches Thema zu prägen. Es ist ein explizit feministisches Thema, die Auseinandersetzung mit dem Bodyshaming ist Teil eines Kampfes für eine Welt, in der Frauen selbstbestimmt in ihrem Körper leben können. Es geht aber auch um noch viel mehr, nämlich darum, politische Lösungen zu finden, die zu mehr Gleichberechtigung führen.

Wie ist ihre Erfahrungen in der Politik? Wie viel Grundlagenarbeit müssen Sie leisten? Oder rennen Sie offene Türen ein?
Am Anfang war ich total überrascht, weil ich auch erwartet hatte, dass man sich nicht so richtig für das Thema interessieren würde. Das war aber überhaupt nicht der Fall. Durch die Reihen haben mich viele Leute unterstützt, auch solche, deren Hauptthema nicht der Feminismus ist. In meiner eigenen Partei habe ich offene Türen eingerannt, aber tatsächlich auch bei anderen Parteien.

Fett, dick, adipös: Welche Begriffe sind Ihnen in der Diskussion wichtig?
Man merkt immer schnell, wann Gesprächspartner unsicher sind, wie sie sich ausdrücken sollen. Für mich persönlich ist der Begriff „dick“ nichts Negatives. Ich würde mich selbst als dick bezeichnen, denn ich bin über dem Normalgewicht, und habe damit überhaupt kein Problem. Für mich ist auch „fett“ ok, wenn es eben nicht als Beleidigung gemeint ist. Meine Situation als dicke Frau verändert sich ja auch nicht, nur weil man mich als „mollig“, „kurvig“ oder „vollschlank“ bezeichnet. Wenn die Leute so etwas sagen, dann verschleiern sie damit, dass sie dick mit etwas Negativem verbinden. Anstatt dick eben als das zu sehen, was es ist: ein körperliches Merkmal, das manche schön finden und manche nicht. Wir kommen dem Ziel der Gleichbehandlung nur näher, wenn wir ehrlich über Körper reden, anstatt beschönigende Begriffe zu benutzen.

Wie ist es bei sehr dünnen Menschen, die auch nicht der Norm entsprechen. Werden sie seltener angegriffen?
Ja, auf jeden Fall. In unserer Gesellschaft gilt schlank sein als Ideal – auch in einem Maße, dass eigentlich schon gesundheitsschädlich ist. Wenn man sich zum Beispiel TV-Formate wie „Germany’s Next Topmodel“ anschaut, werden da Körperformen als ideal präsentiert, die eigentlich nur ganz wenige Menschen in unserer Gesellschaft haben.

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