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„Er sollte mich begraben, nicht ich ihn.“
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„Er sollte mich begraben, nicht ich ihn.“

Reportage

„Ich werde nicht ruhen“

  • Gregor Haschnik
    VonGregor Haschnik
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Armin Kurtovics Sohn Hamza wurde am 19. Februar 2020 bei dem rassistischen Anschlag in Hanau ermordet. Wie kann eine Familie damit fertig werden? FR-Redakteur Gregor Haschnik hat den Vater ein Jahr lang begleitet. Er erzählt von Trauer, Verstörung und seiner Wut auf die Behörden.

1 - Der Terroranschlag

In der Hanauer Innenstadt hat jemand geschossen: Als Armin Kurtovic, 46 Jahre alt, am späten Abend des 19. Februar 2020 durch eine SMS seiner Tochter Ajla davon erfährt, schreibt er sofort seine drei Söhne an, will unbedingt wissen, ob alles in Ordnung ist. „Aziz und Karim haben geantwortet. Hamza nicht“, blickt der Familienvater zurück. Aziz teilt ihm mit, dass auch im Stadtteil Kesselstadt, wo die Kurtovics wohnen, geschossen wurde, am Kurt-Schumacher-Platz, keine 400 Meter entfernt. Armin Kurtovic erinnert sich daran, wie er ein Dröhnen hört, aus dem Fenster schaut und einen kreisenden Hubschrauber sieht. „Und dann bin ich da hin.“

Am Ort des Anschlags, dem „Arena Bar & Café“ mit angeschlossenem Kiosk, stehen Polizeiautos, Krankenwagen und ein silberner Mercedes mit zerschossenen Scheiben, der nicht richtig abgedeckt ist. Ein Leichnam liegt darin. Dutzende Leute aus dem multikulturellen Viertel haben sich hinter dem Absperrband versammelt, um zu erfahren, was geschehen ist. Es sind Schaulustige darunter, die nur gaffen und spekulieren wollen. Andere sind verzweifelt, weil einer ihrer Freunde oder Verwandten zu den Opfern gehören könnte. In dem Kiosk liegen drei Tote. Noch weiß Armin Kurtovic nicht, dass er alle persönlich kennt: Die Kioskmitarbeiter Mercedes Kierpacz und Gökhan Gültekin, bei denen er immer Zigaretten holt. Und Ferhat Unvar, der mit Kurtovics Söhnen befreundet ist.

Es ist eine Mischung aus Angst und Aufmerksamkeit, die ihn begleitet: „Die Sorge wurde größer und größer.“ Gleichzeitig fokussiert er sich darauf, seinen 22 Jahre alten Sohn Hamza so schnell wie möglich zu finden. Er spricht Freunde von ihm an, doch sie wissen nichts. Kurtovic wendet sich an einen Polizisten und fragt, ob sein Sohn in dem Lokal sei. „Nein, so einer liegt hier nicht drin“, habe der Beamte entgegnet, nachdem Kurtovic ihm seinen Sohn und dessen auffällige Kleidung – einen Trainingsanzug in teils orangefarbener Tarnoptik – beschrieben hatte.

Dossier: Terror in Hanau

Bei einem rassistischen Anschlag in Hanau werden am 19. Februar 2020 neun Menschen ermordet. Die FR begleitet seither die Familien - und analysiert die politischen Konsequenzen. Alle Texte im Dossier.

Aziz hingegen habe von einem anderen Polizisten gehört, Hamza sei doch dabei gewesen und verwundet worden, am Arm, aber nicht schwer. Armin Kurtovic ruft in Hamzas Firma an, um mitzuteilen, dass sein Sohn morgen nicht zur Arbeit kommen werde, weil er verletzt worden sei. Der Vater weiß noch nicht, dass es Hamzas abgedeckter Leichnam war, der gerade eben auf einer Trage herausgefahren wurde. Kurtovic fährt mit seiner Frau Dijana die Krankenhäuser ab. Vergeblich.

Vor dem Polizeipräsidium sagt man ihnen, sie sollen nach Hause gehen, würden benachrichtigt, wenn es etwas Neues gebe. „Wie soll man in so einer Situation sitzen und warten?“, fragt Kurtovic. Sie fahren zurück zum Tatort in Kesselstadt. Dort werden die Kurtovics aufgefordert, in einen Bus zu steigen, der sie in ein sogenanntes Informationszentrum bringt, eine karge Turnhalle der Polizei am anderen Ende der Stadt. Bis zum frühen Morgen müssen alle Angehörigen hier auf Bänken ausharren und bangen. Immer wieder geht Armin Kurtovic vor zu den Beamten und hakt nach, ob es etwas Neues gibt. Bittet, ihm das Krankenhaus zu nennen, in dem Hamza liegt, ohne Erfolg. Es sind quälende Stunden. Dennoch machen sich die Eltern sowie Hamzas Geschwister Ajla, Aziz und Karim Hoffnungen, dass Hamza lebt. Schließlich habe es geheißen, er sei lediglich verwundet worden.

„Ich werde nicht ruhen“

Gegen halb sieben am Morgen tritt ein Polizist vor die Angehörigen und liest die Namen der Toten ab. Auch Hamza wurde erschossen. Sein Vater kann es nicht fassen. Seine Mutter und seine Schwester Ajla brechen zusammen. Armin Kurtovic kümmert sich um die beiden, nimmt sie in den Arm. Dann fragt er nach einem Arzt und Beruhigungsspritzen für Frau und Tochter. „Es muss raus“, habe eine Seelsorgerin gemeint, woraufhin Kurtovic Hilfe beim Hausarzt sucht und bekommt. Er selbst will keine Medikamente: „Ich musste funktionieren. Klar im Kopf bleiben.“ Sein Sohn Aziz hat so fest gegen die Wand geschlagen, dass seine Hand blutet.

Später wird Kurtovic sagen: „Was uns angetan wurde, ist so schlimm. Es gibt keine Worte dafür. Neun Menschen wurden ermordet – und die Leben von neun Familien zerstört.“

Wie in der Tatnacht mit den Angehörigen umgegangen wurde, wird Kurtovic noch lange beschäftigen: „Warum haben sie uns so lange im Ungewissen gelassen, uns nicht mitgeteilt, in welcher Klinik Hamza liegt? Warum haben sie uns wie am Fließband behandelt, selbst bei der Todesnachricht? Warum gab es keine richtige psychologische Unterstützung?“

Wenige Stunden nach den Attentaten ist klar, dass der Täter, Tobias R., der in der Nachbarschaft im Haus seiner Eltern wohnte, nur wenige Schritte von den Kurtovics entfernt, aus rassistischen Motiven mordete. Die neun Hanauerinnen und Hanauer – Hamza Kurtovic, Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Paun, Said Nesar Hashemi und Fatih Saraçoglu – wurden Opfer, weil R. sie für „fremd“ hielt. Danach tötete er seine Mutter und sich selbst.

2 - Die Trauerfeiern

Gut eine Woche nach dem Anschlag versammeln sich Tausende Menschen auf dem Hanauer Marktplatz, um am Trauergebet für Hamza Kurtovic und Said Nesar Hashemi teilzunehmen. Dicht an dicht stehen sie hinter den aufgebahrten Särgen, viele von ihnen haben sich kleine Fotos von den beiden Getöteten an ihre Jacken geheftet und kämpfen mit den Tränen.

Nach dem Gebet, das in Richtung Mekka gehalten wird, zieht die Trauergemeinde still durch die Stadt, zum muslimischen Gräberfeld auf dem Hauptfriedhof. Imam Mustafa Macit Bozkurt hatte gebeten, keine politischen Botschaften zu skandieren oder Nationalflaggen zu tragen. Es ist ein andächtiges Abschiednehmen, so wie es sich die Familien gewünscht hatten.

Armin Kurtovic hat in den vergangenen Tagen kaum mehr als fünf Stunden geschlafen. Seine Gedanken sind immer bei Hamza: „Er sollte mich begraben, nicht ich ihn.“ Am Grab fasst er einen Entschluss: „Ich werde nicht ruhen, bis alles aufgeklärt ist. Nichts bringt mir mein Kind zurück. Aber wenn Konsequenzen aus dem Anschlag gezogen werden, weiß ich, dass Hamza nicht umsonst getötet wurde.“

Am 5. März sitzen die Kurtovics in der ersten Reihe des Congress Park Hanau, bei der zentralen Trauerfeier für die Opfer der rechtsextremen Attentate. Die Bühne ist mit weißen Rosen geschmückt; „Die Opfer waren keine Fremden!“ steht auf einem großen Bild, darunter eine brennende Kerze.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist zwar in den Congress Park gekommen, hält aber keine Rede. Für den Bund spricht Präsident Frank-Walter Steinmeier: „Es ist ein Anschlag auf unser Grundverständnis von unserem Zusammenleben. Jeder Mensch hat die gleiche Würde, die gleichen Rechte. Es gibt keine Bürger zweiter Klasse und insbesondere keine Abstufungen im Deutschsein“, unterstreicht Steinmeier. Armin Kurtovics Zweifel an dieser Aussage werden in den nächsten Monaten wachsen.

Nicht alles, was der Bundespräsident sagt, hört Kurtovic: „Ich war anwesend, aber nicht wirklich da. Ich habe die ganze Zeit an mein Kind gedacht.“ Auch an das Bild des getöteten Hamza, das ihm nicht mehr aus dem Kopf geht.

Nach den Morden ist eine Woche vergangen, bis Armin Kurtovic endlich zu seinem Sohn vorgelassen wird. Vorher heißt es vonseiten der Polizei: Der Leichnam sei beschlagnahmt worden, wegen der Spurensicherung könne Kurtovic nicht hin. Zwei Tage vor der Beerdigung geht er zur Friedhofsverwaltung und erfährt, dass Hamza in der Leichenhalle liegt. „Ich habe den Leichensack geöffnet. Was ich gesehen habe, werde ich niemals vergessen. So übel haben sie ihn bei der Obduktion zugerichtet. Ich habe geheult wie ein kleiner Junge.“ Sein Kind vor der Beerdigung zu waschen, wie es Muslime tun sollen – das kann Kurtovic nicht. Er kann nicht aufhören zu weinen. Der Imam und der Bestatter kümmern sich um die Waschung. Bevor Hamza aufgebahrt wird, damit die Familie ihn noch einmal sehen kann, lässt Kurtovic seinen Sohn so verhüllen, dass die vielen Schnitte wie jene am Hinterkopf nicht zu erkennen sind.

Während der Trauerfeier im Congress Park tritt auch Tochter Ajla ans Rednerpult. Armin Kurtovic schaut ab und zu hoch zu ihr und ist stolz auf sie, auch weil sie ihre ganze Kraft zusammengenommen hat: „Ajla war kurz davor in Tränen auszubrechen. Aber sie hat es für ihren Bruder getan.“ Ajla sagt: „Ich wurde gefragt, ob ich Hass spüre. Nein, ich empfinde keinen Hass. Ich möchte an dieser Stelle deutlich machen, dass Hass den Täter zu dieser rassistischen Tat getrieben hat. Damit liegen Rassismus und Hass sehr nah beieinander. Ich will, dass wir uns alle von Hass abgrenzen.“ Dann spricht sie über ihren Bruder: „Hamza wurde völlig unerwartet aus der Mitte unserer Familie gerissen. Zurückgeblieben ist grenzenloser Schmerz, eine unfassbare Leere und Fassungslosigkeit.“ Hamza habe das Leben der ganzen Familie mit Freude, Herzlichkeit und Liebe erfüllt. Einfühlsam und hilfsbereit sei der Fachlagerist gewesen, habe zum Beispiel sein erstes Azubi-Gehalt für Menschen in Not gespendet. „Fassungslos bin ich darüber, dass mein Bruder aufgrund dieses schrecklichen Verbrechens nie wieder lachend und fröhlich zu unserer Haustür hereinkommen wird.“ Fassungslos – mehrfach verwendet Ajla dieses Wort, weil es vielleicht noch am ehesten beschreibt, was sie, ihre Brüder, ihre Mutter und ihr Vater fühlen.

Das sagen die Behörden

Aus rassistischen Motiven ermordete Tobias R. am 19. Februar 2020 in Hanau Gökhan Gültekin (37), Sedat Gürbüz (30), Said Nesar Hashemi (21), Mercedes Kierpacz (35), Hamza Kurtović (22), Vili Viorel Păun (23), Fatih Saraçoğlu (34), Ferhat Unvar (22) sowie Kaloyan Velkov (33), an Tatorten am Heumarkt in der Innenstadt sowie am Kurt-Schumacher-Platz in Kesselstadt. Dann tötete der 43-Jährige seine Mutter und sich selbst.

Tobias R. hatte auf seiner Internetseite schon vor dem Anschlag eine Art Bekennerschreiben hochgeladen, das neben Ver-schwörungstheorien rassistische Äußerungen enthielt. So schrieb R., es reiche nicht, bestimmte Volksgruppen auszuweisen, da ihre Existenz „an sich ein grundsätzlicher Fehler“ sei. Diese Völker, etwa Israel, müssten „komplett vernichtet werden“.

Eine aktuelle Anfrage zur Kritik der Opferangehörigen am Umgang mit ihnen hat das Polizeipräsidium Südosthessen bislang nicht beantwortet. In früheren Stellungnahmen widersprach die Polizei Vorwürfen, etwa dem des Hinhaltens: „Nachdem eine weitere Bedrohung der Bevölkerung vor Ort ausgeschlossen werden konnte, wurde unter Hochdruck die Identifikation der Verstorbenen und die Information der Angehörigen vorgenommen.“

Darüber hinaus wies das Präsidium auf Angebote für die Hinterbliebenen hin, etwa das Informationszentrum, in dem auch ein Migrationsbeauftragter und Seelsorger zur Verfügung gestanden hätten. Den Vorwurf des Racial Profilings bei Kontrollen von Hamza und dessen Freunden bestreitet die Polizei ebenfalls.

Darüber hinaus wies das Präsidium auf Angebote für die Hinterbliebenen hin, etwa das Informationszentrum, in dem auch ein Migrationsbeauftragter und Seelsorger zur Verfügung gestanden hätten. Den Vorwurf des Racial Profilings bei Kontrollen von Hamza und dessen Freunden bestreitet die Polizei ebenfalls.

Zur Kritik an der Art der Obduktion von Hamza Kurtovic und dem Umgang mit der Familie sagt der Generalbundesanwalt, die Untersuchung sei „zwingend anzuordnen und durchzuführen“ gewesen. Das Gesetz schreibe vor, dass Leichenschau und -öffnung „mit größter Beschleunigung“ erfolgen müssten, weil die Erkenntnisse über die Todesursache auch durch kleine Verzögerungen an Zuverlässigkeit verlieren könnten.

Die Öffnung der Kopf-, Brust- und Bauchhöhle sei Pflicht. Angehörige seien, wenn möglich, vorher zu hören; sie hätten aber kein Widerspruchsrecht. Ob und wie sich Hinterbliebene hierzu gegenüber Ermittlungsbehörden geäußert haben, teile der Generalbundesanwalt grundsätzlich nicht mit.

3 - Die Wochen danach

Persönlich treffe ich Armin Kurtovic zum ersten Mal nach der Trauerfeier im März. Wir verabreden uns auf einer Bank in der Nähe des Kurparks Wilhelmsbad. Ein ungewöhnlich warmer und sonniger Tag für diese Jahreszeit. Jogger und Spaziergänger genießen das Wetter. Kurtovic nimmt das alles nicht wahr. Auf den ersten Blick wirkt er jünger als ein 46-jähriger, vierfacher Familienvater: schlank, gepflegter Kurzhaarschnitt, markante Gesichtszüge, schnelle Bewegungen. Doch der Mord an seinem Sohn hat ihn gebrochen. Er ist von Trauer und Wut gezeichnet, hat dunkle, tiefe Ringe unter den Augen, die entweder ins Leere schauen oder weit aufgerissen sind. Kurtovic findet nicht zur Ruhe und raucht viel. In den vergangenen Tagen wurde er immer wieder mal gefragt, wie es ihm gehe. „Wie soll es mir schon gehen? Wenn ich ins Bett gehe, habe ich das Bild meines toten, obduzierten Jungen vor Augen. Wenn ich mal einschlafe, träume ich davon. Und wache damit auf.“

Als ich ihn fragte, ob wir miteinander sprechen könnten, war er sofort einverstanden. Sein Versprechen an Hamzas Grab und sein fast manischer Wille, zur Aufklärung beizutragen, treiben ihn an und geben ihm Halt.

Unser Treffpunkt im Freien ist bewusst abgelegen gewählt. Niemand soll zuhören. Armin Kurtovic fühlt sich beobachtet. Er hat ein Auto bemerkt, dass ihm nachgefahren sei, wohl, um zu sehen, was er vorhat. Die Polizei hatte seine Tochter aufgefordert, sich zu melden, falls sie Anzeichen dafür erkennt, dass ihr Vater ausrasten könnte. Anderen Hinterbliebenen wurde die sogenannte Gefährderansprache direkt gehalten. Polizisten forderten sie auf, Abstand vom Vater des Täters zu halten, der nach einem kurzen Klinikaufenthalt wieder in sein Haus zurückgekehrt ist. Kurtovic macht das Verhalten gegenüber den Angehörigen wütend. Er redet sich in Rage, fängt sich aber wieder ein, auch weil „manche bestimmt nur darauf warten, dass wir Kanaken ausrasten und Rache üben“.

Armin Kurtovic ist in Schweinfurt geboren und aufgewachsen, nachdem seine Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen waren. Er redet mit tiefer Stimme und leicht fränkischem Einschlag, und zwar Klartext. Hamza ist gebürtiger Hanauer. In einigen Medien war von einem „fremdenfeindlichen“ Anschlag die Rede. Das spreche Bände, so Kurtovic: „Wir sind Hanauer!“

Schon kurz nach den Morden ist klar, dass der Täter kein Unbekannter war. Seine rassistischen Ansichten hatte Tobias R. zuvor auf seiner Webseite verbreitet und sowohl bei der Staatsanwaltschaft Hanau als auch beim Generalbundesanwalt Strafanzeigen gestellt, weil er angeblich von einer Geheimorganisation überwacht worden sei. Die Staatsanwaltschaften teilten ihm mit, dass es keine Anhaltspunkte gebe, um ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Mit wem genau sie es zu tun hatten, ließen sie nicht prüfen.

Auch das Vorgehen nach Hamzas Tod erschüttert die Kurtovics. „Sie hätten uns sagen müssen, wo Hamza ist, damit wir uns von ihm hätten verabschieden können. Sie haben ihn aufgeschlitzt und behandelt wie jemanden aus dem Milieu. Als ich den Obduktionsbericht gelesen habe, bin ich durchgedreht.“ Er kann nicht nachvollziehen, weshalb bei einer so offenkundigen Todesursache eine so umfassende Obduktion durchgeführt werden musste, bei der unter anderem die Kopfhaut abgenommen und alle Organe gewogen wurden. Dass eine Hanauer Staatsanwältin, die gar nicht zuständig gewesen sei, weil zu dem Zeitpunkt bereits der Generalbundesanwalt übernommen hatte, dies veranlasst und ein Polizist vor der Autopsie „kein Widerspruchsberechtigter bekannt“ notiert habe, empfindet Kurtovic als ungeheuerlich. „Wir wurden einfach übergangen. Wenn die Obduktion rechtlich vorgeschrieben ist, hätte man uns vorher wenigstens informieren und anhören müssen. Unser Name war ja sehr wohl bekannt.“

Auch dass sie so lange im Unklaren gelassen wurden, beklagt Kurtovic. Aus Dokumenten geht hervor, dass Hamza bereits gegen 0.35 Uhr für tot erklärt wurde und die polizeiliche Leichenschau um 1.15 Uhr in einer Frankfurter Klinik stattfand. „Die Polizei wusste also Bescheid, schon als sie zwischenzeitlich unsere Anwesenheit prüfte.“ Doch sie erfuhren erst Stunden später von Hamzas Tod. Außerdem macht den Vater wütend, dass in einer Beschreibung der Leiche von einem „orientalisch-südländischen Aussehen“ die Rede sei. „Mein Sohn war blond und blauäugig wie ein Schwede. Dass er als ,orientalisch-südländisch‘ bezeichnet wird, offenbart die Vorurteile.“

4 - Die Erinnerung

Jeden Tag besucht Familie Kurtovic Hamzas Grab, bringt frische Blumen, betet und spricht zu ihm. Früher spielte er vor ihrem Haus mit Said Nesar Hashemi und Ferhat Unvar, der vor kurzem noch in der Küche der Kurtovics bei Reparaturarbeiten half. Jetzt liegen ihre Gräber nebeneinander auf dem Hauptfriedhof. Auch ihre Kumpels kommen oft her und denken an die gemeinsame Zeit zurück, manchmal sind mehr als zehn Leute da.

Die Kurtovics sind jetzt noch enger zusammengerückt. Gleichzeitig hat sich der Anschlag wie ein Schatten über die Familie gelegt, der sie immer begleitet. Auch Schwester Ajla, 25, und die Brüder Aziz, 25, sowie Karim, 21, haben den Schmerz noch lange nicht verarbeitet und vermissen Hamza, der für seine Geschwister wie ein Anker war, jeden Tag.

„Ich gehe jetzt.“ Das waren die letzten Worte, die Hamza an jenem 19. Februar zu seinem Vater sagte. Zuvor war er von der Arbeit heimgekommen, hatte geduscht, gegessen, um sich dann mit Freunden zu treffen.

Armin Kurtovic hatte Angst, dass Hamza, der Autos liebte und scherzhaft „Hubraum ist wie Wohnraum“ sagte, bei einem Unfall etwas zustoßen könnte. Deshalb appellierte er an ihn, vorsichtig zu sein. Sein Vater solle sich keine Sorgen machen, sagte Hamza, er passe auf und werde nicht im Auto sterben. Eher werde ein Typ um die Ecke kommen und ihn erschießen. Dabei war Hamza ein junger Mann, der „eine gute Menschenkenntnis hatte und jedem Ärger mit einem Lächeln aus dem Weg ging. Er war abgeklärt, wie ein 40-Jähriger“, sagt der Vater. Als verlässlich beschreiben ihn seine Freunde. Man habe ihn immer anrufen und um Hilfe bitten können.

Beruflich hatte Hamza gerade Fuß gefasst. Nach seiner Ausbildung fand er eine Firma, bei der er sich so wohlfühlte, dass er sagte: „Ich will dort mal in Rente gehen.“ Und er fing mit dem Bausparen an. „Ich will mit euch später mal in einem Haus leben“, habe er zu seinem Vater gesagt, „und mich um euch kümmern, wie du es bei Opa getan hast.“ Armin Kurtovic hat seinen Vater unterstützt, als dieser gegen den Krebs kämpfte. Seine Familie bedeutet ihm sehr viel.

„Nichts bringt mir mein Kind zurück.“

Neben dem Friedhofsbesuch pflegt Kurtovic ein weiteres tägliches Ritual: Er postet viele Fotos von seinem Sohn, um die Erinnerung an ihn wachzuhalten: Hamza als Kleinkind im Laufstall, als Junge beim Judo, als lachender Heranwachsender mit Freunden. „Was bleibt mir anderes übrig?“, fragt Armin Kurtovic. „Ich schaue mir die Bilder an und lasse andere Menschen daran teilhaben.“

In Hamzas Zimmer ist alles genauso wie vor seinem Tod, als könnte er jeden Augenblick zurückkommen: Das Boxspringbett, das er sich im vergangenen Jahr gekauft hatte, steht noch da, genauso wie der Schrank, die Kommode und das Modellauto, ein Mercedes CL, sein Traumauto. Die Sachen, die er bei sich hatte, wurden zunächst beschlagnahmt. Wochen-, zum Teil monatelang haben die Kurtovics darauf gewartet, sie zurückzubekommen. Das Handy, die Halskette, das blutverschmierte Portemonnaie – die Eltern heben alle Dinge auf, die ihnen von Hamza geblieben sind. Auch sein Zahnputzzeug steht nach wie vor im Bad. Einige Freunde hatten Armin Kurtovic gebeten, ihnen ein T-Shirt oder etwas anderes zu geben als Erinnerung. Er bringt es nicht übers Herz.

5 - Der Kampf um Aufklärung

Armin Kurtovic hat schon früh den Eindruck, dass vor dem Anschlag eine ganze Reihe von Alarmzeichen ignoriert wurden. Deshalb verfolgt er nicht nur die Berichterstattung in den Medien, sondern forscht auch selbst nach, oft Tag und Nacht. Er wertet Ermittlungsakten und andere Unterlagen aus, führt viele Gespräche, etwa mit Überlebenden der Attentate, mit Anwälten, früheren Bekannten von Tobias R., mit Nachbarn. Informiert die Politik, tauscht sich mit anderen Angehörigen aus, studiert Gesetzestexte, gibt Interviews. Anfragen beantwortet er umgehend, auch abends noch.

„Ich tue das alles für mein Kind, ich bin es ihm schuldig“, sagt Kurtovic. „Diese Wut gibt mir die Kraft, die ich brauche. Ich wandle meine Wut um und mache etwas Produktives und Sinnvolles, wovon auch andere Menschen profitieren sollen.“ Auch seine Frau Dijana Kurtovic und die Kinder beteiligen sich an der Aufklärung und erheben in der Öffentlichkeit ihre Stimmen.

Die Kurtovics haben 1994 geheiratet und waren Anfang 20, als sie Eltern wurden. Manche Paare zerbrechen daran, wenn ein Kind getötet wird. Dijana Kurtovic sagt, sie hielten fest zusammen. Das sei schon immer so gewesen. „Ich stütze mich an meiner Frau, und meine Frau stützt sich an mir“, sagt Armin Kurtovic. Sie wirken vertraut und eingespielt. Er temperamentvoller, sie ruhiger, aber nicht minder entschlossen. Wenn einer im Interview etwas Wichtiges vergisst, ergänzt ihn der andere.

Unterstützung findet die Familie bei der „Initiative 19. Februar Hanau“, der sie sich angeschlossen haben. Diese hat sich unmittelbar nach dem rechtsextremen Terroranschlag gebildet. Sie berät die Angehörigen etwa bei dem oft schwierigen Umgang mit Behörden, organisiert Gedenk- und Protestveranstaltungen, macht Öffentlichkeitsarbeit und hat seit Mai eine Anlaufstelle. Neben Angehörigen der Getöteten bringen sich hier etwa Unterstützerinnen und Unterstützer des Bündnisses „Solidarität statt Spaltung“ ein. Fast jeden Tag kommen die Kurtovics in die Räume der Initiative in der Krämerstraße, die gegenüber vom ersten Tatort liegen. Über den gemütlichen Sitzecken hängen viele Fotos der Ermordeten, Artikel über sie und Plakate der Initiative. Sie trauern gemeinsam, wirken aber auch an der Aufarbeitung der Taten mit.

Nach und nach kommen Widersprüche und Versäumnisse vor, während und nach der Tat ans Licht: Der 22 Jahre alte Vili Viorel Paun hatte den Täter beobachtet und versucht, ihn mit seinem Auto zu stoppen. Mehrfach wählte er während der Verfolgungsfahrt den Polizeinotruf – vergeblich, weil die Zentrale unterbesetzt war. Wenig später erschoss Tobias R. ihn auf dem Parkplatz am Kurt-Schumacher-Platz durch die Scheibe von Pauns silbernem Mercedes und mordete im „Arena Bar & Café“ weiter.

Die Anzeigen, die Tobias R. Ende 2019 bei der Staatsanwaltschaft Hanau und dem Generalbundesanwalt stellte, enthalten zwar nicht die Passagen aus seinem „Manifest“ – in denen von Vernichtung bestimmter Nationalitäten die Rede ist –, aber deutliche Warnhinweise: So ist von der dritten und „finalen“ Anzeige die Rede, von Ausländerkriminalität, einer Bedrohung Deutschlands, Kriegen und einem inneren Feind. Im Januar, kurz vor dem Anschlag, schrieb R. an die Staatsanwaltschaft. Er wollte den „Chefermittler“ sprechen und gab seine Mobilnummer an.

Anzeigen mit verschwörungstheoretischem Inhalt stellte Tobias R. bereits 2002 und 2004, Anfang der 2000er Jahre soll er während einer Feier in Hanau zudem einen Schwarzen Menschen mit einer Waffe bedroht haben. Die Behörde des Main-Kinzig-Kreises, die dem Schützenvereinsmitglied Tobias R. eine Waffenerlaubnis erteilte und sie 2019 verlängerte, überprüfte ihn nicht richtig. Sie wusste zwar, dass er lange Zeit in München wohnte, tauschte sich aber nicht mit den dortigen Behörden aus und erfuhr auch nichts von Verfahren gegen R., etwa wegen Brandstiftung und Körperverletzung. Und auch nichts von seiner 2002 festgestellten Schizophrenie und einer Zwangseinweisung in die Psychiatrie. Auf dem Antrag zur Waffenerlaubnis wird nach körperlichen und geistigen Mängeln gefragt, aber kein Gesundheitsnachweis verlangt.

Im Laufe der Zeit werden noch mehr Details bekannt, die bei Armin Kurtovic für Entsetzen sorgen und sein Vertrauen in die Sicherheitsbehörden weiter zerstören: „Was haben die erwartet? Dass er ihnen rechtzeitig eine Whatsapp-Nachricht schickt, in der steht, dass er bald loslegt?“ Immer wieder fragt er sich fassungslos: „Warum wird in Deutschland bei einem Personenbeförderungsschein viel strenger kontrolliert als bei einem Waffenschein? Wie kann es sein, dass mein Sohn und Freunde von ihm, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, wegen Racial Profiling ständig von der Polizei kontrolliert wurden, während man Tobias R. trotz all der Warnhinweise gewähren ließ und er sogar Waffen besitzen durfte?“

Das sagen die Behörden

Die Waffenbehörde des Main-Kinzig-Kreises, die Tobias R. eine Waffenerlaubnis erteilt hat, erklärt, dass sie von 2013 bis 2019 viermal R.s Zuverlässigkeit geprüft habe. Aus Anfragen beim Bundeszentralregister, dem zentralen staatsanwaltschaftlichen Verfahrensregister und dem LKA hätten sich keine Erkenntnisse ergeben, die gegen die Erlaubnis gesprochen hätten.

Aus den Anzeigen, die Tobias R. bei der Staatsanwaltschaft Hanau und dem Generalbundesanwalt vor dem Anschlag einreichte, hätten sich keine Hinweise auf strafbares Verhalten ergeben, so die Behörden. Die Angaben hätten keine Ermittlungen gerechtfertigt.

Den Vorwurf, der Notausgang im „Arena Bar & Café“, in dem Hamza Kurtovic erschossen wurde, sei auf Anweisung der Polizei verschlossen gewesen, weist der Hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) zurück: „Die hessische Polizei würde niemals Anweisungen erteilen, die den Gesetzen zuwiderlaufen.“ Die Polizei habe das Gewerbeamt der Stadt Hanau zuletzt im Jahr 2017 darauf hingewiesen, dass der Notausgang bei einer damaligen Gaststättenkontrolle unerlaubterweise verschlossen gewesen sei.

Nach Angaben des Hanauer Ordnungsamtes gab es wegen des Fluchtweges 2013 und 2017 Kontrollen. Seit November 2017 hätten keine Hinweise auf einen verschlossenen Notausgang vorgelegen.

Die Staatsanwaltschaft Hanau ermittelt wegen der Notausgangstür. Das Verfahren sei „auf eine an die Staatsanwaltschaft Hanau durch den Generalbundesanwalt weitergeleitete Strafanzeige hin am 13.11.2020 eingeleitet worden“, und zwar umgehend. Zuvor sei dies der Staatsanwaltschaft nicht bekannt gewesen.

In Bezug auf das Notrufsystem in Hanau hat Beuth einen Engpass eingeräumt. Die Polizeistation habe nur eine begrenzte Anzahl von Anrufen entgegennehmen können. „Eine Weiterleitung von vielen gleichzeitig eintreffenden Notrufen war zum Zeitpunkt der Tatnacht technisch nicht möglich“, so Beuth. Nach seiner Kenntnis habe die Polizei jedoch unmittelbar gehandelt und sei innerhalb von ein bis zwei Minuten nach dem Notruf am ersten Tatort am Heumarkt gewesen, am zweiten Tatort in Kesselstadt sei sie drei bis vier Minuten nach der Meldung angekommen.

6 - Die Gespräche mit der Politik

Armin Kurtovic kämpft nicht allein. Er sucht den Dialog mit Politikerinnen und Politikern aus verschiedenen Parteien und hofft auf Unterstützung bei der Aufklärung und den Konsequenzen. Mitte Mai steht er gemeinsam mit weiteren Angehörigen und Überlebenden des Anschlags in einem Nebenraum des Landtags und verfolgt per Livestream eine Sitzung des Innenausschusses. Zusammen mit der Fraktion der Linken, die einen sogenannten Dringlichen Berichtsantrag gestellt hat, haben die Hinterbliebenen ihre Fragen formuliert. Etwa ob es Mitwissende gab, wie der genaue Tathergang war, und weshalb mehr als vier Stunden vergingen, bis das Haus des Attentäters gestürmt wurde.

Bundesanwalt Thomas Beck, der über den Stand der Ermittlungen informieren soll, sagt im Ausschuss: Fest stehe, dass es sich um „einen in Deutschland beispiellosen, rassistischen Terroranschlag“ gehandelt habe. Die Polizei habe in den vergangenen Monaten mehr als 100 Zeuginnen und Zeugen vernommen und auch das Umfeld des Täters untersucht. Derzeit gebe es „keine Erkenntnisse zu möglichen Mittätern, Mitwissern oder Einbindung in terroristische Strukturen oder Kontakte in terroristische Strukturen“. Zu dem späten Einsatz im Haus der R.s sagt Beck, die Einsatzkräfte hätten sich auf verschiedene Szenarien vorbereiten müssen. Weil Tobias R. tot sei, werde es keinen Prozess geben, aber auch keine „08/15-Einstellung des Verfahrens“. Die Ergebnisse würden detailliert mitgeteilt.

Kurtovic ist nach der Sitzung enttäuscht; viele Fragen sind weiterhin ungeklärt. Er macht in den nächsten Monaten unterschiedliche Erfahrungen mit Politikerinnen und Politikern. Manche seien hauptsächlich bemüht, das Vorgehen der Behörden zu verteidigen, sagt er. So wie auch der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU), der jegliche Kritik zurückweist und die Arbeit der Polizei ebenso lobt wie die Betreuung der Opfer. Kurtovic empfindet das als Verhöhnung. Einige Politikerinnen und Politiker jedoch „haben ein offenes Ohr und führen Gespräche auf Augenhöhe, das spürt man“. Wenngleich sie für die Aufklärung der Taten nicht viel tun könnten.

7 - Sechs Monate nach dem Anschlag

An einem heißen Vormittag Mitte August ist Armin Kurtovic, wie fast jeden Tag, in den Räumen der Initiative 19. Februar und packt mit an. Sie bereiten für den kommenden Samstag eine große Demonstration vor, für die bundesweit mobilisiert wurde. „Wir fordern: Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen!“ lautet das Motto. Kurtovicc hilft dabei, Transparente mit den Forderungen und Bildern der Getöteten zu fertigen.

Zehntausende Menschen werden erwartet. Doch am Freitagabend wird die Veranstaltung wegen Corona kurzfristig abgesagt und lediglich eine Kundgebung mit etwa 250 Teilnehmenden erlaubt. Das Demoverbot wird teils scharf kritisiert. Armin Kurtovic jedoch meint: „So eine große Demonstration wäre natürlich ein starkes Signal gewesen, aber ich kann die Entscheidung verstehen und würde mich ihr auch deshalb nicht widersetzen, weil wir auf keinen Fall mit sogenannten Querdenkern in Zusammenhang gebracht werden wollen.“

„Es macht einen physisch wie psychisch fertig.“

Corona macht auch den Hinterbliebenen zu schaffen. Die Pandemie habe alles „nach hinten gerückt“, auch die Aufmerksamkeit für den Anschlag habe schnell nachgelassen. Durch die Kontaktbeschränkungen und das Abstandsgebot „bleibt außerdem auch das Zwischenmenschliche etwas auf der Strecke“.

Eindrucksvolle Zeichen setzen die Überlebenden, Angehörigen, Aktivistinnen und Aktivisten dennoch. Per Livestream übertragen sie die Kundgebung ins Netz – und erreichen Hunderttausende. Sie tragen weiße T-Shirts mit dem Hashtag #SayTheirNames und den Namen und Gesichtern ihrer Lieben. Sie sollen in Erinnerung bleiben, nicht der Attentäter. Der Tod ihrer Verwandten und Freunde „muss das Ende von Rassismus sein und der Anfang ohne Rassismus“, sagt Nesrin Unvar, die Schwester des getöteten Ferhat.

Çetin Gültekin, der seinen Bruder Gökhan verloren hat, ruft: „Wir erleben eine Kette des Versagens vor, während und nach dem Anschlag. Wir fordern deshalb den Rücktritt von Innenminister Peter Beuth.“ Auch Karim Kurtovic, Hamzas kleiner Bruder, geht ans Mikrofon: Die Opfer würden wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Es müsse sich dringend etwas ändern, fordert er.

In Pressemitteilungen schreibt vor allem das Land Hessen von umfangreichen Hilfen für die Hinterbliebenen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Die Familien – auch die Kurtovics, die in einem Haus der landeseigenen Nassauischen Heimstätte leben – müssen weiter in Tatortnähe wohnen, weil weder Stadt noch Land ihnen geeignete Wohnungen vermitteln. Wegen hoher Kosten und Verdienstausfällen sind die Soforthilfen bald aufgebraucht; die Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz gehen mit enormem bürokratischen Aufwand einher.

„Es macht einen physisch wie psychisch fertig“, sagt Dijana Kurtovic. Die vergangenen Monate – die Erinnerungen, die Schlaflosigkeit, der ständige Kampf – haben sie und ihren Mann gezeichnet. Sie beklagen sich nicht. Aber auch Armin Kurtovic spürt, wie sehr alles an ihm zehrt. Bewusst wird ihm das eher beiläufig: Er müsse sich mittlerweile so gut wie alles aufschreiben, weil er sonst viel vergesse, und er habe extrem an Sehstärke verloren. Wie lange reichen die Kräfte?

8 - Der Notausgang

Armin Kurtovic kann sie sich nicht anschauen: die Aufnahmen der Überwachungskamera aus dem „Arena Bar & Café“, die die letzten Sekunden im Leben seines Sohnes zeigen. Man sieht, wie die jungen Männer aufgeschreckt werden. Offensichtlich haben sie die ersten Schüsse bemerkt, die Tobias R. draußen abgefeuert hat. Schnell bricht Panik aus. Hamza und die anderen versuchen zu fliehen, doch der Notausgang ist offenbar versperrt, so dass sie zunächst hinter einer Säule Deckung suchen – und R. schließlich ausgeliefert sind.

Schon im Tatortbefund heißt es, zwei Türen in der Bar seien verschlossen gewesen – eine davon der Notausgang. Kurtovic ist, nachdem er mit Überlebenden gesprochen hat, sicher, dass genug Zeit gewesen wäre und sein Sohn und andere sich hätten retten können, wenn es einen Fluchtweg gegeben hätte. Deshalb hat er im Herbst mit weiteren Betroffenen Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung erstattet. Obwohl auch Zeuginnen und Zeugen den nicht vorhandenen Notausgang erwähnt hatten, wird erst seit der Anzeige in diese Richtung ermittelt. „Die Sache mit dem Notausgang ist längst bekannt. Wieso wurde nicht von Amts wegen ermittelt?“ Kurtovic und die anderen Angehörigen haben einen Verdacht: Die Polizei wolle die Sache vertuschen. Die Anzeigenerstatter stützen sich auf Angaben von Gästen des Lokals. Demnach war der Notausgang oft versperrt. Damit niemand bei Razzien fliehen konnte, vermuten sie. Es habe womöglich Absprachen zwischen dem Besitzer, der die Vorwürfe zurückweist, und der Polizei gegeben.

9 - Die Rolle des Tätervaters

Armin Kurtovic wertet alles aus, was über den Anschlag geschrieben und gesendet wird. Als er Mitte Dezember einen Text des „Spiegel“ über Hans-Gerd R. online aufruft, ist er wieder einmal fassungslos. Der Vater des Täters hat in Vernehmungen offenbar dieselben rassistischen Ansichten und Verschwörungstheorien vertreten wie sein Sohn: Tobias R. sei Opfer einer weltweit tätigen Geheimorganisation, die ihn im Wald ermordet habe. Anschließend habe sich ein Agent als R. verkleidet und die Anschläge verübt. Die Gedenkstätten betrachtet Hans-Gerd R. als Volksverhetzung, weshalb er gefordert hat, sie zu entfernen, und Strafanzeige gegen Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) und gegen Hinterbliebene gestellt hat. Die Opfer nennt er „Täter“ und kritisiert in seinen zahlreichen Beschwerden, dass Hanau ihnen die Ehrenplakette der Stadt verliehen hat. Sein Land sei abgeschafft, meint R., und weist auf die „Fachliteratur des Herrn Thilo Sarrazin“ hin.

Gleichzeitig hat er beantragt, ihm die beschlagnahmten Tatwaffen auszuhändigen und die Webseite seines Sohnes wieder zu aktivieren. Unter Missachtung der Grundrechte würden seine Familie und sein Land verletzt, so R. Und: „Eine Wiederherstellung wird mehrere Menschenleben einfordern.“ 

Für Armin Kurtovic, die anderen Hinterbliebenen und die Überlebenden ist dies die Ankündigung einer Straftat, Hans-Gerd R. sei eine tickende Zeitbombe. „Ich habe drei weitere Kinder. Muss ich noch eines verlieren, damit er weggesperrt wird?“, sagt Armin Kurtovic. „Was ist, wenn er sich zum Beispiel ins Auto setzt und eine Amokfahrt startet, wie in Volkmarsen?“ Kurtovic erinnert sich an die „Gefährderansprachen“ an die Hinterbliebenen. „Vor dem eigentlichen Gefährder werden wir nicht gewarnt!“, klagt er an. Unerträglich sei das, genauso wie die von R. betriebene Täter-Opfer-Umkehr.

Ende Dezember halten die Betroffenen mit ihren Unterstützerinnen und Unterstützern eine Mahnwache in der Straße ab, in der Hans-Gerd R. wohnt. Sie tragen Schilder mit den Bildern und Namen der Ermordeten und Transparente mit Aufschriften wie „Rassisten entwaffnen!“ und „Wir warten nicht auf einen neuen rassistischen Anschlag!“.

Kurz darauf kommt Hans-Gerd R. mit einem Schäferhund, mit dem er morgens durch Kesselstadt geht. Die Polizei überredet ihn mit Mühe, wieder ins Haus zu gehen. R. hatte 2017 bei der Hanauer Verwaltung einen Schutzhund beantragt, um sich gegen „Ausländer“ zu wappnen. Und er soll dort durch rassistische Äußerungen aufgefallen sein, gefordert haben, nur von „Deutschen“ bedient zu werden. Im Bürgerbüro habe er zu seiner Frau gesagt: „Stell dir mal vor, jetzt arbeiten hier Afrikaner, Polen und Türken!“ Die Staatsanwaltschaft Hanau hat ihn inzwischen wegen rassistischer Beleidigung angeklagt.

„Wir würden lieber in Ruhe trauern.“

Im Februar 2021 werden durch Berichte des Hessischen Rundfunks und der ARD-Sendung „Monitor“ weitere Details aus der Tatnacht bekannt: Demnach standen für den Polizeinotruf nur zwei Plätze zur Verfügung, die zudem nicht durchgängig besetzt waren. Eine Rufumleitung nach Offenbach oder Frankfurt gab und gibt es nach wie vor nicht. Viele Anrufe kamen nicht durch – auch jene von Vili Viorel Paun, der Tobias R. verfolgte, um ihn aufzuhalten. Hessens Innenminister Beuth weist die Kritik umgehend zurück. Wichtig sei das sofortige Handeln der Polizei gewesen, die schnell an den Tatorten gewesen sei. Als Armin Kurtovic davon hört, sagt er: „Bullshit. Das zeigt wieder einmal, dass Beuth dem Amt nicht gewachsen ist. Vili hätte einem Polizisten am Telefon den wertvollen Hinweis geben können, wo genau sich R. gerade befindet. Und der Polizist hätte ihm gesagt, dass er Abstand von R. halten soll. So wäre Vili nicht erschossen worden, und weitere Opfer hätten verhindert werden können.“

10 - Ein Jahr nach dem Terror

„Im Prinzip stehen wir genau dort, wo wir am Anfang standen“, sagt Armin Kurtovic. Fast zwölf Monate sind seit dem Anschlag vergangen. Kurtovic sitzt mit seiner Ehefrau Dijana in ihrem Wohnzimmer auf der Couch und raucht. Hinter ihm hängt ein eingerahmtes, weißes T-Shirt mit Hamzas Namen und einer religiösen Aufschrift. Daneben ein großes Porträt von Hamza, ein Bewerbungsfoto, für das er sich von seinem Vater ein weißes Hemd geliehen hatte. Auf dem Bild, das in einem kleineren Format auch über dem Fernseher zu sehen ist, lächelt Hamza zuversichtlich. Auffallend aufgeräumt ist die Wohnung, doch für die Kurtovics fühlt es sich an, als wäre alles in Trümmern.

Immer noch lebt die Familie in demselben Wohnhaus in Hanau-Kesselstadt, keine 400 Meter Luftlinie vom Tatort und vom Haus des Täters sowie dessen Vater entfernt. Sie kaufen weder im nahe gelegenen Supermarkt ein, auch um Hans-Gerd R. nicht zu begegnen, noch gehen sie, wie sie es früher oft taten, in der Gegend spazieren. „Wir gehen nur runter, steigen direkt ins Auto und fahren weg“, sagt Dijana. Noch immer konnten ihnen weder Stadt noch Land eine geeignete Wohnung vermitteln. Noch immer liegen sie oft die ganze Nacht wach, sind arbeitsunfähig. Wie andere Betroffene leben sie seit Monaten in erster Linie von Ersparnissen und Spenden, die staatliche finanzielle Hilfe sei angesichts der gravierenden Folgen ein „Tropfen auf den heißen Stein“. Die bürokratischen Hürden für Unterstützung sind oft hoch; die Anträge auf Kur etwa laufen seit Oktober.

Noch immer sind viele Fragen unbeantwortet. Er habe kein Vertrauen mehr in die hessischen Behörden, sagt Kurtovic „Was uns nicht schlafen lässt, ist vor allem, weshalb vorher nicht reagiert wurde.“

Dass seit einigen Tagen wieder intensiv über den Hanauer Anschlag – etwa über das überlastete Notrufsystem – berichtet wird und die Verantwortlichen mit kritischen Fragen konfrontiert werden, gibt ihm und den anderen Hinterbliebenen Auftrieb: „Was wir erreicht haben, ist gut.“ Aber: „Die Konsequenzen bleiben aus.“

Er habe sich schon anhören müssen, „mediengeil“ zu sein. Ein absurder, perfider Vorwurf, findet Kurtovic: „Wir sind gezwungen, an die Öffentlichkeit zu gehen, Interviews zu geben. Weil sonst kaum etwas passiert. Wir würden lieber in Ruhe trauern.“

Der Anschlag von Hanau müsse umfassend aufgeklärt werden, „jeder Stein muss umgedreht werden, und wer vor, während und nach der Tat seinen Job nicht gemacht hat, muss zur Verantwortung gezogen werden“, fordert Kurtovic. Schließlich seien alle vor dem Gesetz gleich. Die Zweifel daran, dass das Leben seines Sohnes und seiner Familie genauso viel wert sei wie jene von Deutschen ohne Migrationsgeschichte, sind in den vergangenen Monaten weiter gewachsen. „Wie lange bleibt man hier eigentlich Kanake?“, fragt Kurtovic, der deutscher Staatsbürger ist.

Sie hätten aber auch positive Erfahrungen gemacht, viel Solidarität erfahren, betont er. Und der Generalbundesanwalt habe sich bemüht, Fragen zu beantworten. Aber er konzentriere sich auf die rechtsterroristischen Aspekte, nicht auf die Versäumnisse in Hessen.

Armin Kurtovic hat in den vergangenen Monaten den Prozess um den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke verfolgt und kommt hier ebenfalls zu dem Schluss, dass die Tat erst durch verhängnisvolle Fehler ermöglicht wurde.

Die Hinterbliebenen werden wohl eine Staatshaftungsklage anstrengen. Wenn das so weitergehe, sei es nur eine Frage der Zeit, bis sich Hanau wiederhole, warnt Kurtovic. Das wolle er mit aller Kraft verhindern. Das sei der Antrieb. Das halte ihn am Leben.

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