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Immer wieder muss sich Gregor Gysi gegen Stasi-Vorwürfe wehren.
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Immer wieder muss sich Gregor Gysi gegen Stasi-Vorwürfe wehren.

Gregor Gysi

„Ich weiß, wo die Fahne weht“

  • Markus Decker
    VonMarkus Decker
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Gregor Gysi, der immer noch der Hoffnungsträger der Linkspartei ist, wird für seine Genossen zunehmend zum Problem.

Die Linken wollen optimistisch klingen. „Ich kann nichts merken außer einer spürbaren Solidarisierung“, sagt Matthias Höhn, der Bundesgeschäftsführer. Der 37-Jährige steht in der frisch renovierten Wahlkampfzentrale des Karl-Liebknecht-Hauses. Die Wände sind schneeweiß. Die Plakate sind knallrot. Und den jungen Menschen, die hinter Höhn an Computern sitzen, springt die Botschaft aus jedem Knopfloch: Mit uns zieht die neue Zeit. Es könnte jetzt losgehen. Eigentlich.

Auch Hendrik Thalheim ist optimistisch. „Die Frage stellt sich nicht“, sagt Gregor Gysis Sprecher und Vertrauter im Raum 1836 des Jakob-Kaiser-Hauses. Die Frage, die sich für Thalheim nicht stellt, lautet: Was passiert eigentlich, wenn die Staatsanwaltschaft Hamburg gegen den Vorsitzenden der Linksfraktion Anklage wegen der Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung erhebt? Weil er angegeben hatte, nie wissentlich und willentlich über Mandanten oder sonst jemanden an Stasi-Leute berichtet zu haben.

In Berlin wissen alle: Eine Frage, die sich nicht stellt, ist eine Frage, die sich mehr stellt als alles andere.

„Sie werden einen Rücktritt von mir nicht erleben“

Am optimistischsten zeigt sich Gysi selbst. „Sie werden einen Rücktritt von mir nicht erleben“, sagt der 65-Jährige bei einem Pressestatement auf der Fraktionsebene des Bundestags, nachdem sich die Kameramänner und Fotografen in einem Halbkreis um ihn postiert haben. Ja, der kleine Mann demonstriert grimmige Entschlossenheit, bevor er im Fraktionssaal verschwindet. Die Szene wiederholt sich am Samstag in der Kreuzberger Jerusalemkirche, wo die Berliner Linke ihre Landesliste für die Bundestagswahl zusammenstellt, auf der Gysi wie gewohnt auf Platz eins stehen soll, „weil er“, wie Landeschef Klaus Lederer betont, „der Beste ist“. Da beginnt der Spitzenkandidat seine teils wütende Rede mit: „Ich unterschreibe keine falschen eidesstattlichen Versicherungen. Punkt.“ Als rege ihn die Unterstellung von Dummheit mehr auf als alles andere.

Das Dumme ist nur, dass die zur Schau getragene Zuversicht die Sonnenseite jener Besorgnis ist, die die Linke ergriffen hat. Denn hinter vorgehaltener Hand sagen sie in Gysis Umfeld, man müsse jetzt einen Schutzring um Gysi bilden – einen „Cordon sanitaire“.

Das kleinere Problem der Linken besteht darin, dass niemand weiß, wie lange die Ermittlungen in Hamburg dauern. Gut möglich, dass sie den ganzen Wahlkampf überschatten. Das größere Problem besteht darin, dass eine Anklage gegen Gysi nicht wahrscheinlich, aber möglich ist. Und wenn der Fall noch vor der Bundestagswahl am 22. September eintreten sollte, dann stünde die gesamte Partei mit dem Rücken an der Wand.

Wer das Archiv nach Gysis Stasi-Geschichten durchsucht, der merkt zunächst, wie alt diese Geschichten sind. 1992 taucht der Verdacht, er könne als Anwalt gespitzelt haben, das erste Mal auf. Die Debatte erreicht ihren Höhepunkt in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre, als der Immunitätsausschuss des Bundestags feststellt, dass dieser nicht nur gespitzelt, sondern seine Stellung dazu benutzt habe, die Opposition zu unterdrücken. Im Parlament gibt es eine erbitterte Debatte. Die letzte Welle schwappt Ende des vorigen Jahrzehnts über. Da kommen neue Hinweise ans Licht, die den Verdacht zu erhärten scheinen.

Wer waren IM „Gregor“ und „Notar“?

Gysi wehrt sich juristisch, mit Erfolg. Seine Verteidigung besteht wesentlich in dem Hinweis, er habe nicht mit dem Ministerium für Staatssicherheit zu tun gehabt, sondern mit der Abteilung Staat und Recht des Zentralkomitees. Bei Indizien, die auf eine IM-Tätigkeit unter den Decknamen „Gregor“ oder „Notar“ schließen lassen, lässt Gysi wissen, das sei nicht er gewesen. Sein vielleicht stärkstes Argument ist die Zufriedenheit von Mandanten. Die Dissidenten Rudolf Bahro und Robert Havemann loben Gysi. Und noch im März 1989 schreibt der Spiegel, er genieße einen guten Ruf.

So alt wie die Stasi-Geschichten ist auch der Eindruck seiner scheinbaren Unersetzlichkeit. „Jetzt brauchen sie ihn wieder“, schreibt die Süddeutsche Zeitung 2001, als Gysi für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin kandidiert – „noch einmal“. 12 Jahre später brauchen sie ihn immer noch. All die Porträts: ein einziges Déjà-vu.

Es ist schließlich nicht so, als finde die von Linksparteichefin Katja Kipping nun behauptete Kampagne gegen Gysi, die in Wahrheit eine Kampagne gegen die Ostdeutschen sei, wirklich statt. Die Springer-Medien geben nicht auf, das stimmt schon. Die Linke hat zudem den Vorsitzenden des Immunitätsausschusses auf dem Kieker. Thomas Strobl von der CDU hat gesagt, die Vorwürfe gegen Gysi wögen schwer. Mehr noch wird in der Linken allerdings das Ausbleiben von Attacken jener Menschen registriert, auf die es ankommt. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück verzichtet auf Kritik mit dem Hinweis, er wolle Gysi nicht Unrecht tun. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagt, die Sache werde sich wohl erneut im Sande verlaufen. Das bringe nichts.

Als ein Journalist von Unionsfraktionsgeschäftsführer Michael Grosse-Brömer wissen will, wie denn CDU und CSU aus den Ermittlungen gegen Gysi politisches Kapital zu schlagen gedächten, da wirkt er ehrlich überrascht und erwidert, die Frage habe er sich überhaupt noch nicht gestellt. Der sächsische Fraktionsvize Arnold Vaatz wiederum, der zu DDR-Zeiten in Haft saß und früher ein glühender Gysi-Gegner war, murmelt auf einem Gehweg im Regierungsviertel, das sei alles „ziemlich lange her“ und dass Gysi ja doch wieder irgendwie durchschlüpfen werde. Vaatz ist echt gelangweilt.

Louis de Funès der deutschen Politik

Aus der Dissidenten-Szene betritt allein Vera Lengsfeld die Arena. Lengsfeld hat ebenfalls Anzeige gegen Gysi erstattet – und damit jene Frau, deren Ex-Ehemann ebenso für die Stasi tätig war wie ihr Vater, Letzterer hauptamtlich. Mit den Toten hat Lengsfeld Frieden gemacht. Mit Gysi nicht. Das wirft Fragen auf.

Es sieht also nicht so aus, als warte das Land wolllüstig darauf, dass dieser Gysi endlich untergeht. Im Gegenteil. Das Land ist der Auseinandersetzung im 24. Jahr nach dem Mauerfall müde – so müde wie die Linke. Nur an der dortigen Alarmstimmung ändert das wenig.

Man kann diese Alarmstimmung sehr gut daran erkennen, dass die Linke ihre Argumentation umgestellt hat – jetzt, seitdem bekannt ist, dass Gysi im Februar 1989 mit der Stasi über ein Interview sprach, das Spiegel-Redakteure kurz zuvor mit ihm geführt hatten. Auch steht ja neuerdings die Mutmaßung im Raum, er habe vom MfS eine Münze und eine Urkunde erhalten.

Als Kipping am Samstag auf dem Berliner Landesparteitag auftritt, da sagt sie, es sei „zu DDR-Zeiten nicht ganz so einfach“ gewesen wie in US-Fernsehserien, in denen der Anwalt vor den Geschworenen eine flammende Rede halte und schon sei der Mandant frei. In der DDR, soll das heißen, musste ein Anwalt immer auch ein bisschen einen Pakt mit dem Teufel schließen, um etwas zu erreichen. Das hört sich an wie ein Plädoyer auf mildernde Umstände.

Wie ernst die Lage ist, lässt sich an diesem Samstagmorgen noch sehr viel besser am Verdächtigen selbst ablesen. Als Gysi um kurz nach zehn Uhr in der Jerusalemkirche eintrifft, da erscheint kein deprimierter, aber ein doch zurückgenommener Mann, der sich das Lächeln zunächst verboten hat. „Hallo Gregor, wir grüßen dich“, sagt Landeschef Lederer. Es gibt einen kurzen Applaus. Dann setzt sich Gysi. Der Einmarsch dauert eine halbe Minute. Während der Linksfraktionschef die drei Stufen zum Rednerpult erklimmt, ist unübersehbar, dass er nicht nur an der psychischen Verletzung des neuerlichen Stasi-Verdachts leidet, sondern auch an der physischen Verletzung jener schmerzhaften Eckgelenkssprengung, die er sich im Skiurlaub zuzog und die mit einem Titan-Blech und acht Schrauben verarztet wurde.

Zwar wirkt es später so, als sei der alte Gysi am Werke – dieser Louis de Funès der deutschen Politik. Er wird laut und gestikuliert. Er versucht, die Reihen zu schließen mit dem Satz: „Ich weiß, wo die Fahne weht. Und ich weiß, dass es nach wie vor Hass gibt.“ Den anderen gehe es darum, die Linke unter fünf Prozent zu drücken, sagt er. Doch das würden sie nicht schaffen. Bei seiner offiziellen Vorstellung gibt Gysi dann vier Berufe an: Politiker, Anwalt, Moderator und Publizist. Hier zeigt einer seine Unabhängigkeit her. Hier will einer klar machen: Ich bin ein Bürger im wiedervereinigten Deutschland. Vor allem bin ich viel mehr als die Summe der gegen mich erhobenen Vorwürfe aus einer Zeit, als dieses Deutschland noch geteilt war.

Es läuft nicht gut

Trotzdem ist die eher defensive Grundhaltung nicht zu übersehen. In der Sitzungspause zieht Gysi sich in einen Nebenraum zurück und taucht erst wieder auf, als die Delegierten aufs Neue ihre Plätze eingenommen haben. Interviews gibt er nicht. Dann ist da Teresa Maria Thiel. Die Genossin aus West-Berlin macht Gysi Platz eins der Landesliste streitig. Schlussendlich bekommt dieser 94 Prozent der Stimmen und damit einen Prozentpunkt weniger als 2009 – obwohl Parteichefin Kipping um ein Rücken stärkendes Votum gebeten hatte.

Derweil wird auf den Fluren der Tagungsstätte über eine Rückkehr Oskar Lafontaines spekuliert. Denn dessen Anhänger lassen ausgerechnet im Moment von Gysis Schwäche hintenherum verlauten, die Chance, dass er zur Bundestagswahl antrete, liege bei immerhin 50:50. Dabei hatte sich Gysi erst auf dem Göttinger Parteitag neuen Respekt in der Ost-Linken erworben, als er den West-Linken um Lafontaine Paroli bot. Nun blitzt die alte Konkurrenz wieder auf. Das Wort von der Feindschaft geht um.

Nein, es läuft nicht gut für Gysi.Manchmal will es scheinen, als könne er doch noch irgendwie fallen. Auf den letzten Metern. Wenn es niemand mehr erwartet.

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